Verzweifelte Wohnungssuche Hager Mutter mit behindertem Kind droht Obdachlosigkeit
Einer dreifachen Mutter aus Hage wurde vom Vermieter wegen Eigenbedarfs gekündigt. Zum Ende des Jahres droht er der alleinerziehenden Nadine Riemer mit einer Räumungsklage.
Hage - Nadine Riemer ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Ihr Ältester ist in den letzten Zügen seiner Erzieher-Ausbildung, der Mittlere macht sein Abitur am Ulrichsgymnasium, ihre jüngste Tochter Lena ist schwerstmehrfach behindert. Sie hat sowohl Organschäden als auch schwerwiegende Probleme mit dem Bein- und Fußapparat, ist deswegen auf einen Rollstuhl angewiesen. Weil Lena zu einhundert Prozent behindert und dauerhaft auf Pflege angewiesen ist, kann Nadine Riemer nicht arbeiten gehen, ist auf Hartz IV angewiesen. Ihr Job ist es, ihre Tochter immer wieder zu notwendigen Operationen und anschließender Reha zu begleiten, sich rund um die Uhr um die Elfjährige zu kümmern.
Als wäre das nicht genug, muss sich Nadine Riemer jetzt mit einem fast noch schwierigeren Problem befassen. Sie braucht eine neue Wohnung, denn ihr wurde wegen Eigenbedarfs gekündigt. Die Sorge von Nadine Riemer: Findet sie nicht bald eine passende Wohnung, steht sie bald mit ihren Kindern auf der Straße. Das Problem: Es kann und darf nicht irgendeine Wohnung sein. Diese muss wegen des Rollstuhls und der Pflegebedürftigkeit der Tochter ebenerdig sein. Gleichzeitig muss sie groß genug sein für sie und ihre Kinder, darf aber maximal 645 Euro Kaltmiete kosten – dabei müssen die Nebenkosten schon enthalten sein. So will es das Jobcenter.
Schon Menschen mit weniger Hürden haben es zurzeit schwer in Norden und Umgebung eine Wohnung zu bekommen. Auf Inserate melden sich oft so viele Menschen, dass Besichtigungstermine auf mehrere Tage verteilt werden müssen. Die Mietpreise liegen dabei meist weit über dem, was das Amt Nadine Riemer zugesteht. Von einer behindertengerechten Wohnung will Riemer gar nicht erst reden. Seit Monaten sucht sie überall, bittet im Internet um Hilfe, hat sich an die Stadt gewandt, auch das Jobcenter kann ihr nicht helfen, sagte sie im Gespräch mit unserer Zeitung.
Wohnhaus weist starke Mängel auf
Rückblick: Seit elf Jahren wohnt Nadine Riemer in dem kleinen Haus in Hage. Zunächst verstanden sie und ihre Vermieterin sich gut. Doch dann verschlechterte sich das Verhältnis zu der älteren Dame, die nur zwei Häuser weiter in der gleichen Straße lebt. Das Problem: Riemer hatte ihrer Vermieterin die Mängel im Haus aufgezeigt. „Ich glaube, die Dame war überfordert mit allem“, sagte Riemer.
Am Ende fand die Kommunikation nur noch über Anwälte statt. Insgesamt drei Mietkürzungen hat es gegeben, zahlreiche Gutachten und Gegengutachten wurden in Auftrag gegeben. Alle mit dem gleichen Ergebnis: Im Haus, in dem Nadine Riemer mit ihren Kindern wohnt, liegen erhebliche Mängel vor, die dringend behoben werden müssen. Der ganze Keller ist voller Schimmel, im Wohnraum ist Schimmel, weil das Bad nicht saniert wurde, wodurch Wasserschäden entstanden waren. Laut Gutachten, die unsere Zeitung einsehen konnte, muss das Haus grundsaniert werden, mit einer Renovierung ist es nicht getan. Da das Jobcenter die Miete direkt an den Vermieter zahlt, hat der Anwalt von Nadine Riemer die Miete vom Amt kürzen lassen.
Neuer Vermieter kündigt Räumungsklage an
Statt aber die Mängel zu beheben, verkaufte die Vermieterin das Haus im Dezember 2021 ohne das Wissen von Nadine Riemer. Für 60.000 Euro soll das Haus an einen Freund der Vermieterin gegangen sein. Ein weiterer Gutachter des neuen Besitzers bestätigte die bereits festgestellten Mängel. Beseitigen kann der Vermieter diese nach eigenen Aussagen aus finanziellen Gründen nicht. Stattdessen schickte er im April 2022 die Kündigung wegen Eigenbedarfs. Mittlerweile ist die Räumungsklage schriftlich angekündigt. Findet Nadine Riemer bis zum Ende des Jahres keine neue Wohnung, steht sie mit ihrer schwer kranken Tochter auf der Straße. „Dann muss ich mich beim Ordnungsamt melden wegen drohender Obdachlosigkeit, weil Obdachlosigkeit wohl eine Ordnungswidrigkeit ist. Notunterkünfte für Hager gibt es nicht, da es wohl nicht so oft vorkommt“, so Riemer.
Es ist nicht so, dass Nadine Riemer nicht ausziehen wollen würde. Lieber gestern als heute würde sie eine neue Wohnung beziehen. Aber sie findet keine. Dabei kümmert sich die Mutter aktiv und auf allen Ebenen um eine neue Unterkunft. Sie reagiert auf Wohnungsanzeigen, hat mit dem Jobcenter gesprochen, hat sich an die Stadt Norden gewandt, hat sich von der Wohnungshilfe der Diakonie Norden beraten lassen, veröffentlicht Hilferufe im Internet. Alles ohne Erfolg. Vermieter ziehen sie bei den wenigen Besichtigungsterminen nicht in Betracht. Kaum eine Wohnung entspricht den Vorgaben des Jobcenters. Dabei ist Nadine Riemer bereit, Kompromisse einzugehen, sich so weit wie möglich einzuschränken.
Nadine Riemer kann aber nicht immer vor Ort sein, wenn öffentliche Wohnungsbesichtigungen anstehen. Immer wieder muss sie mit ihrer Tochter nach Hamburg ins Krankenhaus. Ab August muss Lena wieder in die Reha, im November noch einmal nach Hamburg in die Klinik. Immer muss Nadine Riemer ihre Tochter begleiten. „Das ist dem Eigentümer aber völlig egal“, sagte die verzweifelte Mutter. Ordnerweise stapelt sich mittlerweile der Schriftverkehr zwischen Vermietern, Anwälten und Nadine Riemer. Zurzeit gibt es für die dreifache Mutter kaum einen Ausweg – außer jemand hat eine Wohnung für sie, die den Anforderungen des Jobcenters und den Möglichkeiten der eingeschränkten Tochter entspricht.