Berlin  Ist Atomkraft wirklich eine Lösung für den Gasmangel?

Flora Hallmann
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Von Flora Hallmann
| 19.07.2022 15:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Kernkraftwerk Isar 2 bei Landshut in Bayern ist eins der letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland. Foto: IMAGO IMAGES/Peter Widmann
Kernkraftwerk Isar 2 bei Landshut in Bayern ist eins der letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland. Foto: IMAGO IMAGES/Peter Widmann
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Auf der Suche nach Lösungen für die deutsche Gasversorgung wird eine Option immer wieder in den Raum gestellt: die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken. Wie sinnvoll ist der Vorschlag? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Eigentlich sollten sie in diesem Jahr abgeschaltet werden, nun wird doch wieder über ihre Laufzeiten diskutiert: Die Atomkraftwerke in Deutschland werden momentan als eine Option im Kampf gegen den drohenden Gasmangel im Winter gehandelt. Die Bundesregierung will die Laufzeitverlängerung nun prüfen.

Aktuell sind in Deutschland noch drei AKWs am Netz: Isar 2 in Bayern, das AKW Emsland und Neckarwestheim 2. Alle drei wurden 1988 in Betrieb genommen und sollen Ende 2022 auslaufen. Zusammen steuern die drei Kraftwerke rund sechs Prozent zum deutschen Stromverbrauch bei. 33 weitere Reaktoren wurden bereits abgeschaltet.

Dieses Video zeigt, wie ein Atomkraftwerk funktioniert:

Mit einem Anteil von sechs Prozent des deutschen Stromverbrauchs leisten AKWs einen verhältnismäßig kleinen Beitrag zur Energieversorgung. Das Bundeswirtschaftsministerium hat mehrfach betont, dass Deutschland kein Problem bei der Stromversorgung drohe sondern bei der Gasversorgung. „Und da hilft uns Atomkraft gar nichts“, so Robert Habeck (Grüne).

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Mit Gas wird in Deutschland hingegen rund die Hälfte aller Wohnungen beheizt, die Industrie ist auf Erdgas angewiesen. Ein Teil des importierten Gas wird in Gaskraftwerken verstromt. Dabei wurden 2021 in Deutschland knapp 90 Milliarden Kilowattstunden (KWh) Strom gewonnen. Zum Vergleich: Rund 230 Milliarden KWh elektrische Energie kam 2021 aus erneuerbaren Quellen, 117 Milliarden davon aus Windkraft. Erdgas spielt somit eine geringe Rolle in der Stromversorgung.

AKWs nutzen Brennstäbe zur Stromerzeugung – und die sind nicht so leicht zu bekommen. Die AKW-Betreiber hatten sich auf ein Auslaufen ihres Betriebs bis zum Jahresende eingestellt, dann gehen auch die Brennstäbe zur Neige. Ralf Güldner, Stellvertretender Vorsitzender des Verbandes Kerntechnik Deutschland, sagte dem Deutschlandfunk, die Meiler könnten mit den aktuell genutzten Brennstäben noch bis Anfang des kommenden Jahres weiter Strom produzieren.

Danach müssten neue Brennstäbe her. Die hat Deutschland bislang ausgerechnet aus Russland bezogen, das wird nun keine Option mehr sein. Alternativen sind Frankreich oder die USA. Die Lieferzeiten sind allerdings sehr lang: 15 bis 18 Monate geben die Betreiber an. Denn Brennstäbe müssen sehr genau an die jeweiligen Kraftwerke angepasst werden.

Über den kommenden Winter hinaus könnten Atomkraftwerke also nicht flexibel weiterbetrieben werden. Selbst wenn jetzt sofort neue Brennstäbe bestellt würden, könnten sie frühstens im Herbst 2023 erwartet werden. Außerdem müssten alle drei AKWs aufwendigen Sicherheitskontrollen unterzogen werden. Die letzten wurden im Jahr 2009 getätigt.

Den Schritt, AKWs abzuschalten, hat Deutschland vor allem aus zwei Gründen getan: Einerseits wegen der Sicherheitsrisiken, eine Diskussion, die vor allem vom Atomunglück in Fukushima befeuert wurde; und andererseits wegen der Frage der Endlagerung von Atommüll. Die ist nach wie vor ungeklärt, was große Umweltbelastungen für Mensch und Natur mit sich zieht.

Sollte Deutschland neue Brennstäbe beschaffen, könnte es sein, dass die AKWs dann auch nicht nur wenige weitere Monate am Netz bleiben, sondern Jahre. Ralf Güldner, vom Verband Kerntechnik schlägt vor, die Brennstäbe dann auch voll auszuschöpfen und die Meiler entsprechend drei oder vier weitere Jahre zu betreiben.

Die Ökoenergiegenossenschaft Green Planet Energy zieht in einer Studie den Schluss, dass Atomkraft nicht nur keine Hilfe in der Energiekrise ist. Verlängerte Laufzeiten würden auch Erneuerbare Energien vom Markt vertreiben. Anlagen würden deutlich häufiger abgeschaltet und Ökostrom damit verdrängt werden.

„Die in der Studie aufgezeigte massive Vernichtung von wertvollem Ökostrom ist neben der Atommüll-Problematik und dem Störfall-Risiko ein weiterer Beleg dafür, dass Atomkraft niemals ‚nachhaltig‘ sein kann. Sie hilft uns in Europa weder beim Klimaschutz – noch dabei, wirklich unabhängig von fossilen Energie-Importen zu werden“, so Sönke Tangermann, Vorstand beim Analyseinstitut Green Planet Energy.

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