Osnabrück  Corona-Folgen in Kabarett und Konzert: „Die Skeptiker hatten recht“

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 18.07.2022 11:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Tugend, die aus der Not erwuchs: In der Lockdown-Phase waren Online-Konzerte ohne Live-Publikum eine Möglichkeit, Kontakt zum Publikum zu halten. Jetzt dürften die Menschen wieder in Konzert und Kabarett kommen - sie tun es aber nicht. Foto: Swaantje Hehmann
Tugend, die aus der Not erwuchs: In der Lockdown-Phase waren Online-Konzerte ohne Live-Publikum eine Möglichkeit, Kontakt zum Publikum zu halten. Jetzt dürften die Menschen wieder in Konzert und Kabarett kommen - sie tun es aber nicht. Foto: Swaantje Hehmann
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Die Kultureinrichtungen dürfen seit einigen Monaten wieder unter den Bedingungen der Vor-Corona-Zeit öffnen. Doch wie verhält sich das Publikum? Konzert- und Kabarettbühnen leiden unter der Zurückhaltung ihrer Gäste.

Der „Speicher“ in Schwerin ist holprig in die Zeit nach dem Lockdown gestartet. „Über 50 Prozent der Auslastung sind wir nicht hinausgekommen“, sagt Ginett Wiese, die Leiterin des soziokulturellen Zentrums. Auch Jens Meier, der Geschäftsführer der „Lagerhalle“ in Osnabrück stellt eine gewisse Zurückhaltung beim Publikum fest. „Unterhaltung und Party funktioniert ganz gut“, sagt er, „vor allem mit Draußen-Veranstaltungen.“ Umgekehrt finden Konzerte, Kabarett und Theater im Saal oder in der kleinen Spielstätte, dem Spitzboden, nur allmählich ihr Publikum.

Das beobachtet auch Georg Halupczok vom Bundesverband Soziokultur. Aber er sagt auch: „Das ist nicht nur unser Problem.“ Geteiltes Leid ist halbes Leid? Kaum. Publikumsschwund ist zum grundlegenden Problem der Live-Branche geworden. Als Theater, Konzert- und Kabarettbühnen wieder loslegen durften, habe es zwei Lager gegeben, sagt Halupczok: „die Skeptiker und die Optimisten, die sagten, da geht der Bär ab.“ Jetzt, wo die Saison zu Ende geht, hat sich Ernüchterung breit gemacht. „Die Skeptiker hatten recht.“

Halupczok erklärt das mit den Erfahrungen, die das Publikum während der ganzen Corona-Zeit gemacht hat. „Abstand halten, Maske tragen, das ist doch total ätzend“, sagt er. Doch mittlerweile ist das Publikum konditioniert; Abstand und Maske haben sich in den Köpfen festgesetzt, aber eben nicht als Motivation. Außerdem „haben viele gemerkt: Es gibt auch einen digitalen Bereich“, sagt Halupczok. Statt ins Theater oder Konzert zu gehen, liegen die Menschen auf dem Sofa und schauen Netflix. Bereits gekaufte Tickets verfallen.

„No-Show-Quote“ nennt die Branche dieses Phänomen. Ein drastisches Beispiel beschreibt Wiese vom Schweriner Speicher: „Für eine Comedy-Nacht waren 90 Tickets verkauft“, sagt sie. „Gekommen sind 19.“

Einerseits könnte dieses Phänomen den Veranstaltern egal sein. Das Ticket ist verkauft, und wenn das Konzert nach Corona-bedingten Verschiebungen schließlich doch noch stattgefunden hat, haben Veranstalter und Künstler ihre Pflicht erfüllt und müssen keine Regressforderungen fürchten.

Aber: Eine No-Show-Quote bedeutet eben leere Ränge. Für Künstler ist das unangenehm, für Veranstalter womöglich existenzbedrohend. Denn weniger Gäste bedeuten weniger Umsatz in der Gastronomie. Was sich wiederum auf das Kulturprogramm auswirken kann, wenn Erlöse aus der Gastronomie Veranstaltungen mitfinanzieren.

Das setzt eine Abwärtsspirale in Gang. Zwar bezuschussen die Kommunen ihre soziokulturelle Zentren in der Regel. Das Veranstaltungsprogramm müssen die Einrichtungen aber selbst stemmen. Leere Säle kann man sich da nur bedingt leisten. Anders gesagt: Konzert und Kabarett müssen sich rechnen.

„Ich setze nur noch auf die ganz sichere Bank“, könnte deshalb zum neuen Credo der Veranstaltungsbranche werden. Wer ein volles Haus verspricht, wird engagiert, wer erst am Anfang seiner Karriere steht und keine gute Auslastung garantiert, hat das Nachsehen. „Den Saal muss ich für 20 Leute genauso heizen wie für 200“, sagt Meier von der Osnabrücker Lagerhalle. Erst kürzlich hatte Rocko Schamoni in diesem Zusammenhang vor einem „Artensterben in der Kultur“ gewarnt.

Ginett Wiese verfolgt im Schweriner Speicher einen anderen Ansatz. Sie sagt, mit den immer gleichen Künstlern würde sie „das Interesse der Gäste verlieren“. Deshalb erhalten weiterhin neue Künstler ihre Chance, trotz der schwierigen Zeiten oder gerade deswegen. Sie sei „optimistisch, was die Zukunft angeht.“ Fragt sich nur, wer recht behält, die Optimisten oder die Skeptiker.

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