Aachen  Technische Hochschule Aachen: Sind Exzellenz-Unis zu anspruchsvoll?

Stefanie Witte
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Von Stefanie Witte
| 15.07.2022 13:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
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Die RWTH Aachen gehört zu den Spitzenunis in Deutschland. Keine Hochschule bringt derzeit mehr CEOs hervor. Aber es gibt auch Kritik an den hohen Anforderungen. Im Interview spricht Rektor Ulrich Rüdiger über Leistungsdruck und über den Beitrag, den Wissenschaft zur Bekämpfung des Klimawandels leisten kann.

Der Ukraine-Krieg und die damit einhergehende Ressourcenknappheit erschweren die Klimawende. Die Politik fokussiert stärker auf einen möglicherweise kalten Winter, als auf die Eindämmung von Emissionen und Klimaneutralität. Kann eine Universität ausgleichen, was der Politik nicht gelingt?

Frage: Herr Rüdiger, die Politik schafft die Klimawende derzeit nicht - schafft es die Wissenschaft?

Antwort: Wir widmen uns diesem Thema mit voller Ernsthaftigkeit. In unseren Forschungsschwerpunkten Energie, Mobilität, Produktion und Gesundheit spielt Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle. Studierende müssen vom ersten Semester an Lehre erleben, in der Nachhaltigkeit im Zentrum steht. Seit zwei Jahren kümmern wir uns auch in unserer Betriebsführung intensiv darum. Wir haben dazu unter anderem ein eigenes Referat gegründet. Sehen Sie sich das Fenster in meinem Büro an: Einfachverglasung. Das kann ich zwar nicht von jetzt auf gleich ändern, muss mich aber darum kümmern. Dazu braucht es allerdings auch ein Land, das mitzieht.

Frage: Sie haben einen hohen Anteil chinesischer, aber auch anderer internationaler Studenten - laufen die einfach mit oder stellt sich die Hochschule auf sie ein?

Antwort: Sie sind fester Bestandteil unserer Studiengänge, der Fakultäten, Institute und Lehrstühle, wie alle anderen auch. Wir wollen hier nicht in verschiedenen Communities arbeiten. Hinter unserer internationalen Entwicklung steht die Überzeugung, dass wir die großen Herausforderungen unserer Zeit - Energie, Klima, Mobilität - nur global lösen können. Wir müssen also auch global ausbilden. Zwei große Gruppen unter unseren Studierenden stammen aus China und Indien. Allein in diesen beiden Ländern lebt derzeit ungefähr ein Viertel der Weltbevölkerung. Wir können kein Problem lösen, ohne diese beiden Länder in die Lösungen zu involvieren. Das versuchen wir hier zu leben.

Frage: Exzellenzuni seit 15 Jahren, Spitze in der Drittmittelstatistik, keine deutsche Hochschule bringt mehr CEOs hervor: Was ist schwerer - eine Uni an die Spitze zu bringen oder sie dort zu halten?

Antwort: Beides ist herausfordernd. Wir müssen den Platz an der Spitze immer wieder verteidigen. Das ist eine Teamleistung. Einer allein schafft das nicht. Dazu ist es meiner Meinung nach wichtig, niemals zu selbstzufrieden zu sein, denn die Konkurrenz - auch international - ist auch sehr gut. Wir müssen uns kontinuierlich weiterentwickeln.

Frage: Sie haben vor zwei Jahren argumentiert, Gründer könne man nur halten, wenn die Stadt drumherum attraktiv ist. Hat Aachen hier zwischenzeitlich ausreichend nachgesteuert?

Antwort: Ich bin da etwas ungeduldig, aber das Thema dringt durch. Die Oberbürgermeisterin nimmt sich dieses Themas an. Corona hat das nicht unbedingt befördert, aber es gibt zum Beispiel konkrete Projekte für einen sichereren Radverkehr in Aachen. Zudem findet bis zum rheinischen Revier ein intensiver Strukturwechsel statt. An vielen Projekten ist die RWTH beteiligt, vielfach federführend.

Frage: Sie wollen nun auch das Start-Up-Business weiter ankurbeln. Ist es Aufgabe einer Hochschule, Unternehmen zu gründen?

Antwort: Wenn man den staubtrockenen Text des Landeshochschulgesetzes liest, findet man dort die Aufgabe, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Gesellschaft zu bringen. Dazu gehören auch wirtschaftliche Verbindungen. Unsere Ideen sollen den Markt erreichen und unsere Absolvierenden sollen diese Möglichkeiten vor Augen haben.

Frage: Ein hoher Anspruch kann auch Schattenseiten haben - Leistungsdruck zum Beispiel. Kürzlich hat die Aachener Zeitung ein Interview mit einem ehemaligen Studenten veröffentlicht, der angibt, am Anspruch der Hochschule fast zerbrochen zu sein. Fordern Sie zu viel?

Antwort: Wir haben als RWTH natürlich einen Anspruch an die Leistungsbereitschaft unserer Studierenden. Allerdings kommt nicht jeder gleich gut vorbereitet zu uns. Corona führte gerade bei Studienanfängern zu Vereinsamung. Manche gehen mit dieser Situation besser um, andere brauchen etwas mehr Zeit. Es sind auch nicht immer alle für den Studiengang geeignet, für den sie sich eingeschrieben haben. Durch unsere zahlreichen Beratungsangebote und das Mentoring lassen wir keinen mit seinen Sorgen alleine. Zur Orientierung haben wir zum Beispiel ein sogenanntes nulltes Semester eingerichtet. Darin kann man herausfinden, ob man ein Fach an der RWTH oder an der Fachhochschule studieren möchte. Wir denken da viel über uns selbst nach.

Frage: Wie viel Prozent eines Jahrgangs machen im Schnitt einen Abschluss?

Antwort: Das kommt aufs Fach an. In Medizin fällt so gut wie niemand durch. Der Numerus Clausus ist so hoch, dass diejenigen, die zugelassen werden, in der Regel jedes Studium schaffen würden. Im Mittel haben wir eine Abschlussquote von ungefähr 70 Prozent. Wichtig ist: Mit einer Durchfallquote kann man sich nicht schmücken. Ein Studium sollte zum Abschluss führen, allerdings auf einem vergleichbaren Niveau. Das funktioniert nicht in jedem Fall. Wenn Quoten zu groß werden, muss man das hinterfragen. Liegt es an der Struktur oder mal an einer einzelnen Klausur? Letzteres kann man mit Nachholklausuren regeln. Wir wollen auf jeden Fall, dass unsere Studierenden ihren Abschluss schaffen.

Frage: Ein Drittel derjenigen, die sich an der RWTH einschreiben, sind weiblich - warum nicht mehr?

Antwort: In einer idealen Welt sollte das 50:50 sein. Es gibt sogar Fächer, in denen wir keine 15 Prozent Studentinnen haben. Warum sind die Inhalte so wenig attraktiv für junge Frauen? Ich glaube, eine Entscheidung für ein Studienfach reift. Man muss zum Beispiel in den Jahren vor dem Abitur schon präsent sein. Uns fehlen in bestimmten Fächern vor allem Vorbilder, an denen man sich als Schülerin orientieren kann. Es fängt aber auch schon mit Rollenbildern im Kindergarten an - da summiert sich vieles.

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