Ukrainische Schüler Schulleiter fordern mehr Hilfe vom Land
Die Unterrichtsversorgung im Landkreis Aurich ist nicht gut. Zusätzlich müssen sich die Schulen fast alleine um ukrainische Kinder kümmern. Sie rufen um Hilfe – das Land hält dagegen.
Aurich/Ihlow/Lüneburg - Mehr Unterstützung bei der Beschulung ukrainischer Jugendlicher wünschen sich Schulleiter im Kreis Aurich. Denn es hat sich in den ersten Monaten seit Beginn des russischen Angriffskrieges gezeigt, dass auf lange Sicht eine bessere Organisation nötig ist, wenn die Integration der jugendlichen Ukrainer gelingen soll. Benötigt werden vor allem Mitarbeiter, die den Jugendlichen schnell die deutsche Sprache näherbringen können. Ideal sind dabei Ukrainer, die Deutsch sprechen.
Das scheitert aber schon an der deutschen Bürokratie, berichtet Günter Tautz, Leiter der IGS Ihlow, auf ON-Anfrage. Denn für den Einsatz an Schulen müssten Bewerber ein Führungszeugnis vorlegen. „Wo sollen die Ukrainer das denn herbekommen?“, fragt Tautz. Darauf verzichten könne man wegen der Gleichbehandlung auch nicht, denn sonst würden sich eventuell Deutsche auf die Stellen einklagen. Auch sonst sei die Einstellung sehr bürokratisch und unglaublich kompliziert. „Ein Bürokratieabbau wäre eine große Hilfe für uns“, sagt Günter Tautz.
Keine Lehrer für „Deutsch als Zweitsprache“
An der IGS Ihlow gebe es momentan 14 Jugendliche aus der Ukraine. Für sie gab es an der IGS Ihlow eine ukrainische Englischlehrerin. „Leider ist sie wieder in ihre Heimat gereist“, so Tautz. Nun sei die Schule auf sich gestellt, man habe auch keine Lehrkräfte für „Deutsch als Zweitsprache“ (DAZ). Nur zwei Lehrer seien im Kollegium, die Russisch sprechen könnten. Diese Sprache werde von den Ukrainern aber aus nachvollziehbaren Gründen abgelehnt.
Ein Lichtblick seien die Sprachkurse, die von der Kreisvolkshochschule Aurich (KVHS) auf Kosten des Landkreises Aurich angeboten würden. Diese Kurse würden wirklich helfen. Es sei honorig vom Landkreis, diese zu finanzieren, so Tautz, der aber eigentlich das Land Niedersachsen an dieser Stelle in der Pflicht sieht. Schwierig sei die Integration der ukrainischen Jugendlichen aber auch, weil diese nicht mehr so recht wollten, sagt Tautz. „Sie haben keine Bleibeperspektive, wollen wieder in die Ukraine zurück.“ Darum aber würden sie nicht einsehen, dass sie Deutsch lernen müssen. „Es wird immer schwerer, das noch im Unterricht aufzufangen.“
Schüler hilft beim Übersetzen
Sechs ukrainische Kinder gibt es derzeit in der Realschule Aurich. „Es ist schwer für die Schule“, sagt deren Leiterin Kathrin Peters auf ON-Anfrage, denn die Sprachbarriere sei schon groß. Meist müsse das Handy für die Übersetzung genutzt werden. Außerdem gebe es einen ukrainischen Schüler, der schon seit Jahren in Deutschland lebe und übersetzen könne. „Er erklärt die Regeln der Schule und hilft bei Elterngesprächen.“ Das könne aber keine Dauerlösung sein, so Peters.
Auch die Realschüler profitieren von dem Angebot der KVHS. Am liebsten wäre es ihr aber, wenn die ukrainischen Kinder vor dem Besuch einer Schule zunächst in einer Auffangstation zwei Wochen lang intensiv die deutsche Sprache lernen würden. „Mir tun die Kinder leid, die in die Schule kommen müssen und gar nichts verstehen.“ Das belaste beide Seiten.
„Die Gesamtsituation ist prekär“
Hinzu komme der Lehrermangel, so Peters. Konkrete Zahlen darf sie nicht nennen. „Aber die Universitäten sollten endlich mal bedarfsgerecht ausbilden“, fordert sie. Ein Beispiel sei, dass es eine Zugangsbeschränkung beim Fach Sachkunde gebe. Damit könne der Bedarf nicht gedeckt werden.
Sechs ukrainische Flüchtlinge gibt es am Gymnasium Ulricianum in Aurich. Sie sind laut Schulleiter Rüdiger Musolf auf die Klassen verteilt worden, die dadurch noch voller geworden seien. „Die Gesamtsituation ist prekär“, sagt Musolf, der wie seine Amtskollegen keine konkreten Zahlen über die Unterrichtsversorgung nennen darf. Dennoch würden dringend mehr Lehrkräfte benötigt – für alle Schüler. Bei den Ukrainern, die teilweise sehr gute Englischkenntnisse hätten, liefe die Integration am Gymnasium aber sehr gut, so Musolf.
„Es gibt bewusst keine Vorgaben, um die Geflüchteten zu beschulen“
Beim Regionalen Landesamt für Schule und Bildung (RLSB) sieht man die Schulen indes gut gerüstet. Das sagt Sprecherin Bianca Trogisch auf ON-Anfrage. Aktuelle Zahlen zur Unterrichtsversorgung kann sie nicht nennen, da diese nur einmal im Jahr, im September, erhoben würden. Grundsätzlich seien aber alle weiterführenden allgemeinbildenden Schulen in der Stadt Aurich sowie die IGS Ihlow vergleichsweise gut versorgt. Bei der Realschule sowie beim Gymnasium seien für das kommende Schuljahr je zwei Stellen besetzt worden. Die IGS Aurich hatte zum letzten Stichtag im September 2021 eine Unterrichtsversorgung von 108 Prozent. Deswegen habe es dort keine Stellenausschreibungen gegeben. Das gelte auch für die IGS Ihlow, obwohl die Unterrichtsversorgung dort nur bei 96,7 Prozent lag.
Des Weiteren würden die Schulen für ukrainische Schüler individuell beraten und unterstützt. „Es gibt bewusst keine Vorgaben, um die Geflüchteten zu beschulen.“ So lasse man den Schulen notwendigen Spielraum. Die Schulen könnten je nach Anzahl und Bedürfnissen der ankommenden Jugendlichen sowie vorhandener Kapazitäten und Ressourcen flexibel agieren. Möglich sei zum Beispiel die Aufnahme in Regelklassen mit zusätzlichen Sprachfördermaßnahmen. Dabei würden die Schüler aus der Ukraine in den bestehenden Unterricht und die eingerichteten Sprachbildungsmaßnahmen einbezogen.
Zusätzlich stelle das Kultusressort auf dem Bildungsportal sowohl den Schulen als auch den geflüchteten Familien ein ständig wachsendes Angebot an Hinweisen, Hilfen und Informationsmaterial zur Verfügung, teilweise auch in ukrainischer Sprache. „Zur personellen Unterstützung werden (auch) ukrainische pädagogische Mitarbeiter eingestellt, dazu stellt das Land Mittel bereit“, so Trogisch. Zudem würden gegebenenfalls kurzfristige Personalmaßnahmen erfolgen, dazu werde auch flexibel und bedarfsgerecht nachgesteuert. Unter anderem wurde ein Portal für ukrainische Staatsbürger eingerichtet, die die Schulen unterstützen möchten.
Digitaler Übersetzer hilft im Unterricht
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