Assen Wurzeln der Wut: Warum der Bauernprotest in den Niederlanden so radikal ist
In den Niederlanden findet ein Kräftemessen zwischen Bauern und Regierung statt: Nur oberflächlich betrachtet geht es dabei um Stickstoff. Tatsächlich geht es um ein Land, das seine Landwirte verliert. Betrachtung eines Konflikts, der aus dem Ruder gelaufen ist.
In dicken Tropfen fällt der Regen am Wochenende vom Himmel über den Niederlanden. Kühe suchen Schutz vor dem Mistwetter auf den grünen Weiden. Dicht gedrängt stehen sie da unter den wenigen Bäumen und kauen Gras.
Es scheint wieder Ruhe eingekehrt zu sein in die Niederlande, in das Land, das vor wenigen Tagen noch Kopf stand, weil sich die Wut der Bauern Bahn brach. Die ganze Nation wollten die Bauern lahm legen. Es waren die größten Demonstrationen seit langem, bei denen die Polizei sogar scharf schoss. Es fehlten nur wenige Zentimeter und der Bauernjunge Jouke wäre jetzt tot. Dieses Video zeigt die Schüsse:
Jouke, der erst festgenommen wurde, ist wieder frei. Die meisten Trecker sind zurück auf den Ackern. Doch in Wahrheit ist die Wut immer noch da, sie gärt weiter auf dem Land. Es wirkt, als holten die Bauern nur kurz Luft. Das regnerische Idyll am Wochenende trügt. Wer mit offenen Augen durch die Niederlande fährt, kann das nicht übersehen. Überall stehen Schilder. „Help” steht darauf oder „Weg mit der Regierung”. Politikerbilder mit Pinocchio-Nasen sind am Wegesrand aufgebaut.
Und immer wieder die Nationalflagge: an Häusern, Traktoren, auf Kränen, an Strohballen. Allerdings hängt die Tricolore falsch herum. „Blau Weiß Rot - Bauern in Not”, lautete einer der Schlachtrufe der vergangenen Tage.
„Die Situation ist eskaliert. Und sie wird noch weiter eskalieren”, prophezeit Jos Ubels. Er ist Vize-Vorsitzender der Protestbewegung „Farmers Defence Force” (FDF). Das Logo der Bauern-Organisation: gekreuzte Mistgabeln. FDF macht keinen Hehl daraus, radikaler zu sein, als herkömmliche Lobby-Organisationen.
Auch aus dem Kreis von FDF heraus wurde zu den wilden Protesten der vergangenen Tage aufgerufen. Strohballen wurden entlang der Straßen in Brand gesteckt, Autobahnen und Supermarktlager blockiert. In der aufgeheizten Stimmung zückten Polizisten immer wieder ihre Pistolen.
„Aber wer war denn daran Schuld, dass es eskaliert ist”, fragt Wortführer Ubels und es blitzt in seinen Augen. „Etwa die Bauern? Es war die Regierung!”, ruft der 36-jährige Landwirt aus. „Uns wird Unrecht angetan!”
Mit „uns” meint er die rund 50.000 aktiven Landwirte, die es in den Niederlanden noch gibt. Und mit dem Unrecht die Stickstoffpläne der Regierung in Den Haag. Der Ausstoß in den Niederlanden soll gedrosselt werden. Zu viel Stickstoff ist schlecht für die Umwelt.
Und weil die Landwirtschaft nach amtlichen Zahlen mit gut 40 Prozent der größte Emittent ist, steht sie besonders im Fokus. Seit Jahrzehnten wird diskutiert und gestritten. Gerichte maßregelten Vorgängerregierungen bereits, das Problem endlich zu lösen.
Die neue Regierung mit der eigens ernannten Stickstoff-Ministerin Christianne van der Wal macht nun ernst. Wohl keine andere Politikerin der Niederlande steht derzeit so in der Kritik. Bauern fuhren mit Güllefässern vor ihrem Wohnhaus vor.
Ihre Pläne hätten zur Folge, dass gut 30 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in den Niederlanden aufgeben müssten. Das schätzt die Regierung selbst. Es geht nicht mehr darum, wie die Ziele erreicht werden können. Sie müssen erreicht werden.
Die Bauern empfinden das als Holzhammer-Politik gegen ihren Berufsstand. “Wir sind eine Minderheit”, sagt Wortführer Ubels. „Eigentlich müsste man uns schützen. Stattdessen werden wir diskriminiert.”
Er sagt das in einem Gespräch mit unserer Redaktion an seinem Küchentisch im Dorf Anderen unweit der Stadt Assen in der Provinz Drenthe. In der Region leben so wenig Menschen pro Quadratkilometer wie sonst nirgends in den Niederlanden. Überproportional viele leben von und mit der Landwirtschaft.
Die sogenannte Randstad, das Konglomerat von Städten wie Amsterdam, Den Haag, Rotterdam und anderen mit vielen Millionen Einwohnern, ist weit weg. Die Diskussion um den Stickstoff ist auch ein Streit zwischen Stadt und Land.
Ubels, hochgewachsen und mit Händen, die nach Arbeit aussehen, hat studiert. Er spricht Englisch und Deutsch fließend. Er ist das, was die Niederländer „trotse boer” nennen - ein stolzer Bauer, dem die Wertschätzung für das fehlt, was er leistet.
Ubels Augen leuchten als er davon erzählt, dass die kleinen Niederlande zweitgrößter Lebensmittelexporteur der Welt sind. Nur die USA exportieren mehr. Aus solchen Statistiken leiten viele Bauern in den Niederlanden ihr Selbstverständnis ab: Sie seien die besten Landwirte auf dem Globus, niemand macht aus so wenig Fläche so viel. Sie ernährten nicht nur die Niederlande, sondern die Welt. Auch Jos Ubels sieht das so.
60 Prozent der niederländischen Lebensmittelprodukte werden exportiert. Die Reise ist für die meisten Güter allerdings nicht allzu weit. Der größte Abnehmer ist Deutschland. Kritiker in den Niederlanden sagen, der große Nachbar bekomme die billigen Lebensmittel, müsse dafür aber die Rechnung nicht zahlen: Schäden an der niederländischen Umwelt.
Der Stickstoff-Ausstoß ist eine der Kehrseiten der Erfolgsgeschichte der niederländischen Landwirtschaft. Rund 100 Millionen Hühner, 11,4 Millionen Schweine und 3,8 Millionen Rinder werden in den Niederlanden gehalten. Zum Vergleich: Die Niederlande machen etwa zwölf Prozent der Landmasse Deutschlands aus. Hierzulande werden 159 Millionen Hühner, 22,3 Millionen Schweine und 11,4 Millionen Rinder gehalten.
Die Tiere stehen bei der Stickstoff-Situation besonders im Fokus. Auch Deutschland ist die Diskussion nicht fremd. Nur dreht sie sich hier meist um das Grundwasser, das durch zu intensive Landwirtschaft in Form von Nitrat verunreinigt werden könnte. Weniger spielen die Oberflächenbelastungen eine Rolle. Deutschland ist eben größer: Zwar fällt mehr Stickstoff in der Landwirtschaft an, er verteilt sich aber theoretisch auf eine größere Fläche.
Dies wie jenseits der Grenze gelangt der Stickstoff vor allem über den Mist der Tiere in die Umwelt. Die Rechnung der Regierung: Weniger Vieh gleicht weniger Mist gleicht bessere Stickstoffbilanz. Den Faktor Bauer scheint Den Haag dabei allerdings vergessen zu haben.
Ubels Hof ist weit weg vom Regierungssitz. In zweiter Generation führt er den Betrieb, auf dem einige Hundert Rinder gemästet werden. Das Fleisch, erzählt er, werde regional vermarktet. Zum Betrieb gehören mehrere Hundert Hektar Land, die gut zur Hälfte in Naturschutzgebieten liegen. Auch hier lässt Ubels seine Rinder grasen. „Ich mache so Landwirtschaft, wie sich das die Gesellschaft wünscht, oder? Regional und nachhaltig.”
Mit den Fingern zoomt er auf dem Handy auf eine ziemlich bunt gefleckte Karte der Niederlande. “Da liegt mein Hof”, sagt Ubels und zeigt auf einen hellgrünen Punkt. Die Karte kommt von der Regierung in Den Haag. Sie zeigt, wo wie viel Stickstoff bis 2030 eingespart werden soll. Dort, wo Naturschutzgebiete in der Nähe sind, sind die Ziele besonders ambitioniert, weil der Stickstoff hier sensible Ökosysteme aus dem Gleichgewicht bringen könnte.
Hellgrün bedeutet: 70 Prozent weniger Emission, dunkelgrün: 95 Prozent. Ubels holt Luft und sagt: „Dann kann ich hier dicht machen.” Dabei sei er keineswegs gegen Naturschutz. Er arbeite ja mit der Natur. Er könne nur nicht nachvollziehen, wie im fernen Den Haag so über die Köpfe der Bauern hinweg entschieden werden könne.
Was er nicht erwähnt: Die Folgen für die Betriebe sollen mit 25 Milliarden Euro aufgefangen werden. Notfalls sollen Bauern rausgekauft werden aus ihren Höfen. Wer Geld bekommt, soll verpflichtet werden, die Landwirtschaft ruhen zu lassen.
Aber für viele Bauern ist das undenkbar. Auch für Ubels. Er lebt seine Landwirtschaft und sieht darin mehr als nur einen Job. Eine Szene in einer Talkshow auf dem Höhepunkt der Proteste brachte dieses Missverständnis auf den Punkt. Auch Ubels kennt das zigtausendfach in Agrarkreisen geteilte Wortgefecht:
Der Schauspieler Maxim Hartman, bekannt für provokante Ansichten, hält einem Landwirt vor, er müsse im Zweifelsfall halt umschulen. „Ich bin hundert Prozent Bauer”, entgegnet der Landwirt entrüstet, Hartman darauf: „Es gibt kein Recht darauf, Bauer zu sein.”
Ubels sieht das anders, verweist auf die Genehmigungen, die er und seine Kollegen für ihre Höfe haben. „Wir kämpfen nicht gegen die Niederlande”, sagt Ubels. „Wir kämpfen um unsere Existenz.”
Eine Lösung ist nicht in Sicht. Die Landwirte lehnen einen Vermittler ab, den die Regierung in Den Haag einschalten will. Die Regierung wiederum lehnt es ab, über ihren Stickstoff-Plan zu diskutieren. Alle Zeichen stehen weiter auf Konfrontation zwischen dem Land und seinen Landwirten.
Wie weit das noch gehen wird, ist unklar. Neue, große Protestaktionen sind geplant. Manche Bauern sprechen schon gar nicht mehr von Demonstrationen. „Der Krieg hat begonnen. Wir gewinnen“, hieß es etwa vor wenigen Tagen auf einem Banner im Zentrum von Amsterdam.