Prozess am Landgericht 59-Jähriger soll Auricherin um Altersvorsorge gebracht haben
Im Berufungsprozess um Betrug geht es um rund 440.000 Euro. Und am Freitag sorgte eine Zuschauerin im Gerichtssaal für Aufregung.
Aurich - Um Beträge in Höhe von insgesamt 438.000 Euro ging es am Freitag vor dem Landgericht Aurich. Einem 59-Jährigen aus Augustfehn wird vorgeworfen, das Geld von einer 75-jährigen Auricher Witwe zwischen 2013 und 2016 erschlichen zu haben. Das Amtsgericht Aurich hatte ihn im vergangenen Jahr zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt und der Witwe 400.000 Euro Schadensersatz zugesprochen. Nun ging der Angeklagte in Berufung. Im Gerichtssaal sorgte beim Auftakt eine Zuschauerin für Aufregung. Und sie könnte im weiteren Verlauf noch eine Rolle spielen.
Laut Anklageschrift soll der 59-Jährige die Witwe nach dem Tod ihres Mannes auf einem Partnerschaftsportal im Internet kennengelernt haben. Er soll eine falsche Identität angegeben und sich immer wieder unter verschiedenen Vorwänden Geld von ihr erschlichen haben. Für die angebliche Erweiterung seiner Ofenbaufirma soll sie ihm ein Darlehen über 100.000 Euro gewährt haben, 50.000, um einen Schuppen auf ihrem Grundstück zu renovieren und als Kaminstudio zu nutzen. Die restlichen knapp 300.000 Euro sollen bar geflossen und unter anderem für Anwaltskosten und Autos verwendet worden sein.
Sie war eine enge Vertraute
Der Angeklagte und sein Verteidiger können die Entscheidung des Amtsgerichts nicht nachvollziehen. „Das ist eines der schlechtesten Urteile von Dr. Gralla, die ich je gesehen habe“, sagte Rechtsanwalt Kim Müller am Freitag.
Laut dem Angeklagten stimmt schon die Geschichte des Kennenlernens nicht. Die Witwe habe ihn beauftragt, einen Ofen zu bauen. Er habe ihr darauf immer wieder geholfen, sei so etwas wie ihr Hausmeister gewesen, sagt der 59-Jährige. Es habe keine romantische Beziehung gegeben, auch wenn sie eine enge Vertraute gewesen sei. Sie habe gewusst, dass er eine Frau und Kinder habe. Richtig sei, dass er ein Darlehen über 100.000 Euro für die Erweiterung seiner Firma bekommen habe. Auch die 50.000 Euro habe er erhalten, jedoch für Arbeiten, die er auf ihrem Grundstück erledigte, wie die Erneuerung des Dachs oder den Bau einer Remise. Mehr Geld sei nicht geflossen. Und Bargeld habe er nie von ihr bekommen.
Zuschauerin fiel Angeklagtem ins Wort
Eine Zuschauerin fiel dem 59-Jährigen während seiner Aussage ins Wort. „Das stimmt doch gar nicht“, sagte sie aufgeregt. Richterin Dr. Wahlers unterbrach sie und sagte: „Zuhören heißt zuhören.“ Sie und die Rechtsanwältin der Witwe rieten der Frau, den Saal zu verlassen. Weil sie eine Freundin der Witwe ist, kommt sie nun als Zeugin in Betracht. Mit einem Türknall verließ die Zuschauerin schließlich den Gerichtssaal. Und sie sorgte weiterhin für Aufsehen. Nach Ende der Verhandlung teilte die Richterin mit, dass die Wachtmeister die Zuschauerin, die vor dem Saal wartete, mehrfach verwarnen musste. Sie lauschte während der Verhandlung an der Tür.
Auch die Witwe sagte am Freitag aus. Sie bestätigte in ihrer Aussage die Anklage. Mittlerweile habe sie gar kein Vermögen mehr und lebe von Sozialleistungen. Das Geld, das sie dem Angeklagten gegeben habe, sei ihre Altersvorsorge gewesen. Der 59-Jährige habe sich als ehemaliger Kampfjetpilot aus gutem Elternhaus ausgegeben und angegeben, in Trennung zu leben. Sie habe geglaubt, ihr Geld wiederzubekommen. Der Angeklagte hätte gesagt, ihm stehe wegen eines Gerichtsprozesses ein Schadensersatz in Höhe von 750.000 Euro zu. „Ich weiß nicht, womit ich verdient habe, so hinters Licht geführt zu werden. Er war total manipulativ“, sagte die 75-Jährige. Er habe zu ihr ziehen wollen, sie „Cherie“ genannt und zur Begrüßung habe es Wangenküsse gegeben. „Er hat mir eine neue Lebensperspektive eröffnet“, sagte sie.
Der Prozess wird am Montag, 11. Juli, fortgesetzt. Dann sollen Zeugen gehört werden.