Berlin Darf man noch mit Woody Allen drehen? Das antwortet sein Hauptdarsteller
In „Rifkin‘s Festival“ verbeugt Woody Allen sich vor den Meistern des Kinos. Wallace Shawn spielt die Hauptrolle - und verteidigt Allen gegen die Ächtung durch Hollywood.
„Rifkin’s Festival“ handelt von dem Filmprofessor Mort Rifkin, der mit seiner Frau die Festspiele von San Sebastián besucht. Sie geht mit einem angesagten Regisseur fremd. Er kriegt vor Heimweh nach New York Herzschmerzen, verliebt sich in seine deutlich jüngere Ärztin und genießt ein paar unschuldige Ausflüge mit ihr.
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Diesen Rifkin verkörpert der Schauspieler, Dramatiker und Essayist Wallace Shawn, der für Woody Allen oft kleinere Rollen übernommen hat; sein Debüt gab er 1979 in „Manhattan“. Damals kam er nur ein einziges Mal ins Bild, um von Woody Allen veralbert zu werden. 43 Jahre später ist er die Hauptfigur – und steigt zum Alter Ego des Regisseurs auf. Jetzt also ist er der kinoverliebte, New-York-nostalgische und hochgradig selbstbezogene Romantiker. Und diesmal sieht er auf die anderen herab: auf das vermeintliche Leinwandgenie, mit dem seine Frau schläft, auf die mittelmäßigen Filme der Gegenwart und fast auch auf das Leben selbst, das seinen Ansprüchen nie genügt.
Vollkommenheit findet Rifkin nur in den Meisterwerken der 60er, in der er sich regelmäßig selbst hineinfantasiert: „Rifkin’s Festival“ ist um Traumsequenzen heruminszeniert, in denen Allen berühmte Szenen von Truffaut, Godard und Fellini nachahmt – und mit den alltäglichen Sorgen seines Helden erdet. In der Schlusssequenz spielt der Filmprofessor dann wie in Bergmans „Das siebte Siegel“ (1957) Schach mit dem Tod. Der Sensenmann lässt ihn leben und macht ihn mit Tipps zur gesunden Ernährung für noch ein paar weitere Jahre fit. (Gespielt wird der Tod in diesem Fall von Christoph Waltz.)
Ursprünglich wollte Allen die Hauptrolle mit einem jüngeren Mann besetzen; erst spät kam er auf Wallace Shawn. Der ist mit seinen 78 Jahren fast so alt wie der 86-jährige Regisseur – und wird auch deshalb zu einer der besten Versionen der typischen Allen-Figur. Und das schon wegen des intelligenten Humors, mit dem Shawn den Selbstbetrug seines Helden herausarbeitet. Vor allem aber zwingt Shawns hohes Alter Woody Allen dazu, endlich seine Lebenswirklichkeit als alter Mann zu thematisieren. Von der Vergangenheit besessen waren seine Figuren immer; noch in seinem letzten Film verklärte die Hauptfigur ein historisches Manhattan, das nicht mal seine Eltern erlebt haben können. Für Rifkin bedeutet der nostalgische Blick jetzt aber mehr als romantische Weltflucht. Er hat – wie Allen selbst – das Meiste vom Leben schließlich wirklich hinter sich und muss lernen, sich zu bescheiden: Vielleicht ist vom Glück zu träumen ja doch schon genug.
Je nachdem, ob man eine TV-Produktion mitzählt, ist der aktuelle Film Allens Nummer 48 oder 49. Einige seiner Arbeiten stehen ebenbürtig neben den Klassikern, vor denen „Rifkin’s Festival“ sich verbeugt: „Der Stadtneurotiker“ (1977), „Manhattan“ (1979), „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ (1989). Einen oder zwei Filme will er noch drehen, hat Allen gerade in einem Gespräch mit Alec Baldwin gesagt. Aber der Blick auf sein produktives Schaffen ist verschattet: Im Zuge der #MeToo-Bewegung wiederholte Dylan Farrow, Tochter von Allens Ex-Partnerin Mia Farrow, den Vorwurf, Allen habe sie 1992, als sie sieben war, im Intimbereich berührt. Er selbst hat das immer bestritten; zu einer juristischen Klärung kam es nie und die Familie ist heute in eine Pro-Farrow- und eine Pro-Allen-Fraktion gespalten.
Im Gespräch mit Alec Baldwin kündigt Woody Allen an, noch mindestens einen Film zu drehen:
Über der neu aufgeflammten Debatte wurde Allen in der Branche zur Unperson: Amazon löste den Vertrag mit ihm, er verlor den US-Verlag für seine Memoiren, Schauspieler distanzierten sich. Auch Wallace Shawn spürte den Druck, sich zu positionieren. In einem offenen Brief begründet er nun ausführlich, warum er weiterhin mit Allen arbeitet – und zwar, weil er gewissermaßen beiden glaubt: Dylan Farrow glaubt er, dass sie sich aufrichtig für das Opfer eines Übergriffs hält. Und Woody Allen, dass der Übergriff nie stattgefunden hat – sondern auf einer falschen Erinnerung beruht, die im Trennungskrieg zwischen Farrow und Allen entstanden ist. Shawns Argumentation ist klug und versöhnlich. Wer sich Woody Allen als Klassiker bewahren will, kann sie im Internet nachlesen.