Hannover  Afrikanische Schweinepest im Emsland: So sterben fast 1800 Schweine

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 03.07.2022 09:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Afrikanische Schweinepest im Landkreis Emsland: Auf dem Hof in Emsbüren wurde die Tierseuche nachgewiesen. Alle Schweine werden gekeult. Foto: Lars Klemmer/dpa
Afrikanische Schweinepest im Landkreis Emsland: Auf dem Hof in Emsbüren wurde die Tierseuche nachgewiesen. Alle Schweine werden gekeult. Foto: Lars Klemmer/dpa
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Nach dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in einem Stall im Landkreis Emsland sollen am Sonntag alle knapp 1800 Schweine getötet werden. Unklar ist noch, ob das Virus in einen weiteren Stall in Niedersachsen verschleppt wurde. Untersuchungen laufen.

Das Todesurteil kam am Samstagmorgen. Die Tierseuchen-Experten vom bundeseigenen Friedrich-Loeffler-Institut meldeten nach Niedersachsen zurück: Es ist die Afrikanische Schweinepest. Nachgewiesen in einer Probe aus einem Schweinestall im Landkreis Emsland, genauer gesagt Emsbüren.

In diesem Moment stand fest: Die 280 Sauen und 1500 Ferkel in dem Betrieb müssen getötet werden. Das sehen die Regeln für die Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest vor. In der Behördensprache wird das Bestandsräumung genannt, was am Sonntag auf dem Betrieb passiert. Eine spezialisierte Firma übernimmt die Aufgabe. Das ist in Niedersachsen für den Ernstfall so geregelt worden. Jetzt ist er eingetreten.

Die Beschaffenheit des Betriebes im Emsland stellt dennoch eine Herausforderung da. Schweine in unterschiedlichsten Größen und Lebensphasen müssen getötet werden. Das war 2021 auf einem Betrieb in Mecklenburg-Vorpommern noch anders. Auch hier war die Afrikanische Schweinepest nachgewiesen worden. 4000 Mastschweine mussten gekeult werden, alle in etwa gleich weit entwickelt. Das gilt auch für einen Betrieb im Landkreis Uckermark, Brandenburg, auf dem am Wochenende ebenfalls die Schweinepest nachgewiesen wurde. Hier werden 1300 Schweine gekeult.

Bei der Sauenhaltung im Emsland wird das anders ablaufen, wie informierte Kreise unserer Redaktion bestätigen. Sauen, die gerade nicht trächtig sind, werden nur mithilfe von Strom zunächst betäubt und dann auch getötet. Trächtigen Sauen wird indes nach der Strom-Betäubung ein Barbiturat ins Herz gespritzt. Ferkel werden in sogenannten CO2-Boxen betäubt und getötet. Die Kadaver werden später in Tierkörperbeseitigungsanlagen verbrannt. Die Tierseuchenkasse entschädigt den Landwirt.

„Glauben Sie mir, so ein Einsatz ist für alle daran Beteiligten, besonders für die Landwirtsfamilien, äußerst belastend”, sagt eine mit dem Fall und dem Vorgehen vertraute Person, die nicht namentlich genannt werden will. Niedersachsens Agrarministerin Barbara Otte-Kinast sprach am Samstag von einer „enormen emotionalen Belastung”.

Unklar ist vorläufig, ob es bei diesem einen Einsatz bleiben wird. Die Behörden in Niedersachsen haben einen sogenannten Kontaktbetrieb in der Samtgemeinde Freren in der Ortschaft Beesten identifiziert, der im fraglichen Zeitraum Schweine von dem Sauenhalter bezogen haben soll. Möglicherweise wurde das Virus so verschleppt.

Aus dem Agrarministerium in Hannover hieß es, der Tierbestand sei noch am Samstag „klinisch untersucht“ worden. Dabei habe es keine Auffälligkeiten gegeben. Nun werden Blutproben der Tiere in verschiedenen Laboren untersucht. Ergebnisse werden am Montag erwartet. Sollte der Erreger entdeckt werden, würde auch dieser Stall „geräumt“ werden.

Darüber hinaus stehen 296 Bauernhöfe innerhalb einer Sperrzone unter genauer Beobachtung. Das Gebiet erstreckt sich auf die Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim. Die Betriebe halten nach Angaben des Agrarministeriums in Hannover insgesamt 195.000 Schweine, die sie nun nur noch unter strengen Auflagen transportieren dürfen.

Die Sperrzone wird voraussichtlich am Dienstag in Kraft treten. Agrarministerin Otte-Kinast mahnt die Landwirte in der Region, Transporte bis dahin zu unterlassen, um das anstehende Verbot zu unterlaufen. Man müsse verhindern, dass aus dem Punkteintrag im Emsland ein Flächenbrand werde, sagte die Ministerin.

Eine „heiße Spur”, so die CDU-Politikerin, zum Eintragsweg der Seuche in den Stall gebe es indes noch nicht. Experten des Landes und des Bundes werden die Örtlichkeiten genau untersuchen. Zwar gab es bislang bereits 4000 bestätigte Wildschwein-Kadaver, in denen der Erreger nachgewiesen wurde. Keines dieser Tiere wurde allerdings in Niedersachsen gefunden. Umso rätselhafter scheint der Ursprung der Infektion.

„Der Betriebsleiter ist vollkommen ratlos. Wir sind vollkommen ratlos. Niemand hier kann sich erklären, wie das Virus in den Stall gekommen sein kann”, sagt auch Lambert Hurink, Hauptgeschäftsführer des Emsländischen Landvolks. „Es handelt sich um einen top-geführten Vorzeigebetrieb, der sich an sämtliche Sicherheitsvorkehrungen gehalten hat. Es ist einfach unerklärlich.”

Unterdessen geht in der Branche die Sorge um, dass der Ausbruch die wirtschaftliche Situation der Schweinehalter noch weiter verschlechtern könnte. Bauernpräsident Joachim Rukwied hatte erst vor kurzem erklärt, die Branche befinde sich in ihrer schwersten Krise.

Torsten Staack, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands, warnte Handelskonzerne davor, dass Fleisch aus den Restriktionszonen „völlig unbegründet zu stigmatisieren”. Es dürfe nicht passieren, „was wir bei den ersten Ausbrüchen der Afrikanischen Schweinepest gesehen habe: Dass deutsche Ware aus dem Sortiment genommen wird, um den Verbrauchern Sicherheit vorzugaukeln.”

Das Virus ist für Schweine zwar tödlich, gilt für Menschen und andere Tiere aber als ungefährlich. Einen Impfstoff gibt es nicht.

Weil der Ausbruch im Emsland in einem Stall und nicht bei einem Wildschwein nachgewiesen wurde, werden auch anders als in ostdeutschen Bundesländern keine Zäune in der Landschaft aufgebaut. Diese sollen infizierte Wildschweine aufhalten. Auch Tiertransporte auf den Autobahnen 30 und 31, an die Emsbüren grenzt, bleiben erlaubt.

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