Berlin  Vier große Probleme: So gefährlich ist TikTok für Ihre Kinder

Mark Otten
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Von Mark Otten
| 01.07.2022 13:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
TikTok ist vor allem bei jungen Nutzern beliebt - doch für sie auch besonders gefährlich, sagen Jugendschützer. Foto: dpa/Fabian Sommer
TikTok ist vor allem bei jungen Nutzern beliebt - doch für sie auch besonders gefährlich, sagen Jugendschützer. Foto: dpa/Fabian Sommer
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Die Videoplattform TikTok ist bei jungen Nutzern beliebt, doch Daten- und Jugendschützer warnen vor den Risiken der App. Was Eltern über die größten Gefahren von TikTok wissen sollten – und was sie tun können.

TikTok gerät zunehmend in den Fokus von Daten- und Jugendschutzbehörden. Die aus China stammende Plattform steht unter anderem in Verdacht, junge Nutzer nicht ausreichend zu schützen. Ein Beispiel: TikTok-Nutzer müssen laut Anbieter mindestens 13 Jahre alt sein; die App fragt bei der Ersteinrichtung ein Geburtsdatum ab, doch die Richtigkeit wird nicht überprüft. Deshalb tummeln sich auch Kinder auf der Plattform, die jünger sind als 13 Jahre und Inhalte sehen, die nicht altersgemäß sind. In Summe bemängeln Kritiker häufig vier Probleme:

Mehrere Studien haben die möglichen negativen Auswirkungen von Social Media auf die physische Gesundheit von Jüngeren aufgezeigt: Unter anderem setzen sich Kinder und Jugendliche unter Druck, weil sie ihr Leben so aufregend wie möglich darstellen und mit ihren Beiträgen Anerkennung und Erfolge erzielten wollen. Das gilt besonders für TikTok.

Michael Littger, Geschäftsführer der Initiative Deutschland sicher im Netz e.V. (DsiN), sagte unserer Redaktion: „Der Druck zur Selbstinszenierung für Jugendliche ist bei TikTok unvergleichbar hoch.“

Eine Erklärung dafür liefert „Schau hin!“, eine Initiative des Bundesfamilienministeriums zur Sensibilisierung für die Mediennutzung von Kindern: „Die App ist optimal an die Bedürfnisse Jugendlicher zwischen zehn und 13 Jahren angepasst, denn es spricht den sich entfaltenden Charakter der Jugendlichen und ihren Wunsch zur Selbstdarstellung an.“

Die aktiven TikTok-Nutzer wollen Aufmerksamkeit. Neben harmlosen Tänzen oder der Synchronisation von Liedern versuchen es einige auch anders, so Michael Littger: „Das wirkt wie eine Eskalationsspirale: je riskanter, desto erfolgreicher. Das nimmt teilweise groteske Züge an: Schüler zünden Toiletten an oder riskieren ihre Gesundheit durch ein bewusst herbeigeführtes ‚Blackout‘.“

Laut dem DsiN-Geschäftsführer zeigten aktuelle Studien außerdem, wie Social Media zu Abhängigkeiten führen kann: „Beim Scrollen durch die ‚Timeline‘ schüttet das Gehirn Dopamin aus, das führt zu suchtartigem Verhalten, auch bei Kindern und Jugendlichen.“

Was Eltern tun können: Kindern fällt der Absprung aus der App oft schwer. „Schau hin!“ rät Eltern deshalb, über den sogenannten Begleiteten Modus in TikTok eine Nutzungszeit zwischen 40, 60, 90 und 120 Minuten am Tag festzulegen. Diese Kontrollfunktion können Eltern nutzen, nachdem sie die App ebenfalls auf ihr Handy geladen und einen QR-Code vom Gerät des Kindes gescannt haben. DsiN-Geschäftsführer Michael Littger rät Jugendlichen „genau zu überlegen, welche Inhalte veröffentlicht werden sollten und auf welche generell verzichtet werden kann, da diese ihnen hinterher unangenehm sein könnten.“

TikTok steht immer wieder in der Kritik von Datenschützern. „TikTok sammelt Daten ihrer Nutzerinnen und Nutzer und wertet diese aus. Darunter fallen zum Beispiel auch Gesichts- und Sprachdaten, die analysiert werden“, sagt Michael Littger. Die Daten werden auch an Dritte weitergeben, viele der TikTok-Server stehen in China.

Der Vorsitzende der US-Bundeskommunikationskommission FCC hat in dieser Woche Apple und Google aufgefordert, TikTok wegen anhaltender Probleme beim Datenschutz und möglichen Risiken für die nationale Sicherheit aus den Appstores zu entfernen.

Was Eltern tun können: Michael Littger rät: „Und auch wenn es häufig viel Zeit in Anspruch nimmt: Ein Blick in die AGBs lohnt sich, bevor man der Nutzung der eigenen Daten zustimmt.“ Dazu können Eltern mit den Kindern besprechen, keine sensiblen Informationen in eigenen TikTok-Clips preiszugeben.

Laut „Schau hin!“ finden sich unter Sammelbegriffen wie „#bellydance“ und „#bikini“ zahlreiche TikTok-Videos von Minderjährigen, die in teils aufreizenden Posen zu Liedern tanzen und singen. Solche Videos landen immer wieder auch auf Pädophilen-Plattformen, denn öffentlich eingestellte Clips können von jedem gesehen, verbreitet und gespeichert werden.

Kritiker sehen bei TikTok außerdem eine erhöhte Gefahr für das sogenannte Cybergrooming. Dabei nehmen Fremde Kontakt zu Nutzern auf, um in Chats Vertrauen aufzubauen und private Treffen zu verabreden. Tatsächlich wollen die Täter ihre Opfer zu sexuellen Handlungen zwingen oder sie gar vergewaltigen.

Worauf Eltern achten sollten: Cybergrooming ist eine Straftat. „Schau hin!“ rät Eltern, bei Verdacht Beweise per Screenshot zu sichern und die Polizei einzuschalten. Michael Littger weist darauf hin, dass junge Nutzer in TikTok-Videos oft Hinweise zur eigenen Adresse oder der Schule lieferten, was Tätern die Kontaktaufnahme erleichtere. Außerdem sollten Nutzer in den Privatsphäre-Einstellungen festlegen, dass nur Freunde die Beiträge sehen können. Bei den richtigen Einstellungen können die Eltern helfen.

Bei TikTok entscheidet ein Algorithmus darüber, welche Videos Nutzer sehen. Das Ziel: Sie sollen möglichst lange in der App bleiben, indem sie immer mehr von dem bekommen, was ihnen gefällt. Das gilt für harmlose Tanz- oder Tiervideos, aber auch für ernste Themen wie Suizid, Depression und Selbstverletzung. Das fanden Datenjournalisten des Bayerischen Rundfunks bei einem Experiment heraus.

Demnach sprachen zahlreiche Nutzer in TikTok-Videos über Suizidgedanken oder -versuche. In Kommentaren tauschten sich Nutzer aus oder feuerten die Betroffenen an. Einige dieser Beiträge wurden zeitnah gelöscht, andere jedoch erst nach Monaten und nachdem sie millionenfach gesehen und tausendfach geteilt worden waren.

Was Eltern tun können: „Schau hin!“ nennt vor allem Vertrauen als Grundlage für den Umgang mit belastenden Themen: „Gut, wenn das Kind weiß, dass es jederzeit mit seinen Eltern über alle Erlebnisse im Internet reden kann und sich auf die vorwurfsfreie Unterstützung seiner verlassen kann.“ Deshalb sollten Eltern „gemeinsam mit ihrem Kind das Internet entdecken und über mögliche Belästigungen sprechen, schon bevor etwas passiert ist“, so die Initiative. Dafür Eltern sollten sensibel und verständnisvoll auf Verhaltensänderungen des Kindes reagieren.

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