Osnabrück  Zur Sommerpause: Der starke Polizeiruf 110 „Black Box“ aus Magdeburg

Joachim Schmitz
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Von Joachim Schmitz
| 29.06.2022 16:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Noch traumatisiert vom letzten Fall steht Doreen Brasch (Claudia Michelsen) erneut vor einer schwierigen Aufgabe. Foto: MDR/filmpool fiction/Conny Klein
Noch traumatisiert vom letzten Fall steht Doreen Brasch (Claudia Michelsen) erneut vor einer schwierigen Aufgabe. Foto: MDR/filmpool fiction/Conny Klein
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Letzter ARD-Sonntagskrimi vor der Sommerpause: Mit dem Polizeiruf 110 „Black Box“ zeigt das Erste heute Abend einen Klasse-Krimi.

Nicht wenige Fans des Sonntagskrimis im Ersten sind der festen Überzeugung, dass der Polizeiruf 110 eigentlich der bessere Tatort ist. Wer die seit vielen Jahren hochklassigen Folgen aus München und jene aus Rostock, in denen Charly Hübner noch als Bukow dabei war, verfolgt hat, wird das sicher unterschreiben. 

Mittlerweile macht sich auch der Polizeiruf aus Magdeburg mit Claudia Michelsen als Ermittlerin Doreen Brasch um das Kriminiveau am Sonntagabend verdient. Die letzte Folge “Der Verurteilte” war richtig harter, starker Stoff - und auch “Black Box” stellt den Tatort der Vorwoche mühelos in den Schatten. An “Der Verurteilte” wird der Film mehrfach anknüpfen.

Adam (Eloi Christ) und Tomi (Kai Müller) sind ein Paar. Eines, das sich auf der Zugreise von Berlin nach Magdeburg lieber in ein Abteil zurückzieht statt sich in den Großraumwagen zu setzen. Hier sind sie unter sich, können Zärtlichkeiten austauschen. Adam will Tomi seinen Eltern vorstellen: “Die sind tolerant”.

Als ein lauter unangenehmer Typ das Abteil betritt, ändert sich die Situation allerdings schlagartig.”Halt’s Maul” brüllt der Mittvierziger in sein Handy. “Es ist ist mir echt zu blöd mit Dir. Du bist doch nicht ganz dicht.” Adams Gesichtszüge frieren ein, für ein paar Momente starrt er den Fremden an. Dann schnappt er sich das Notfallhämmerchen und schlägt nicht etwa die Scheibe des Abteils, sondern dem Poltergeist den Schädel ein. Lässt sich widerstandslos festnehmen, räumt die Tat ein. 

Aber was ist sein Motiv? Dass ein Fremder am Handy einen anderen angeschnauzt hat? Er weiß es selbst nicht. Bei der Vernehmung bricht er in Tränen aus.

Brasch will wissen, was hinter dieser scheinbar sinnlosen Tat steckt. Und sie ist von ihrem letzten Fall extrem traumatisiert. Ein Frauenmörder und seine Komplizin hatten sie in ihre Gewalt gebracht und um ein Haar getötet. Nun erträgt sie es nicht, in einem geschlossenen Raum zu sein. Leidet unter Flashbacks in die Momente höchster Lebensgefahr. Eigentlich ist sie komplett dienstunfähig. Nur im Fernsehkrimi arbeitet so jemand an seinem nächsten Fall.

Doch nicht nur das. Adam ist der Sohn eines ehemaligen LKA-Direktors, der nun alles daran setzt, seinen Jungen trotz des Geständnisses aus der misslichen Lage herauszuboxen. Umso verhängnisvoller, dass Brasch bei der Vernehmung ein folgenschwerer Fauxpas unterläuft. Selbst auf ihren sonst so loyalen Chef Uwe Lemp (Felix Vörtler) kann sie sich danach nicht mehr stützen.

Natürlich kann man die Story als konstruiert empfinden. Aber sie ist von Zora Holtfreter stark geschrieben und von Ute Wieland packend inszeniert. Sie hatte schon beim starken Mainzer Tatort “Bild Date” (2021) Regie geführt und macht nun ein weiteres Mal deutlich, dass sie sich auf Krimis versteht, obwohl sie gar nicht so viele davon dreht. 

Dieser jedenfalls ist um Klassen besser als der Tatort „In seinen Augen“ vom 26. Juni. Und ein starker Abschiedsgruß des ARD-Sonntagskrimis, der sich damit in die Sommerpause verabschiedet.

Polizeiruf 110: Black Box. Das Erste, Sonntag, 3. Juli, 20.15 Uhr.

Wertung: 5 von 6 Sternen

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