Sylt  Beton und Bauzaun: Das sagen die Punks und darum bleiben sie

Nils Leifeld, Inga Kausch
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Von Nils Leifeld, Inga Kausch
| 24.06.2022 17:44 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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Zuletzt ging die Gemeinde Sylt mit Betonklötzen und einem Bauzaun gegen die Punker an der Wilhelmine in Westerland vor. Doch die zeigen sich wenig beeindruckt und wünschen sich etwas anderes.

Donnerstagabend, 20.15 Uhr. Während in der Musikmuschel der Shanty-Chor vor vollbesetzten Reihen spielt, ist etwa fünfzig Meter entfernt eine Gruppe von rund zwanzig Punkern unübersehbar: Unter dem Plateau an der Friedrichstraße haben sie sich auf der Promenade eingerichtet, trinken, schreien, werfen Vorbeilaufenden Satzfetzen an den Kopf, lachen.

Entsteht hier, zwischen Seemannsgesang und Wellenrauschen der neue Treffpunkt der Punker auf Sylt, nachdem die Gemeinde am einstigen Hotspot an der Wilhelmine Poller und Bauzäune aufgestellt hat, „um das Eigentum zu schützen und weitere Verunreinigungen zu vermeiden“, wie Bürgermeister Nikolas Häckel gegenüber shz.de erklärte?

Scheinbar nicht: Freitagmittag ist auf der Promenade weit und breit kein Punk zu sehen. An der Wilhelmine sitzen etwa zehn Punker auf Bänken, am Bauzaun wird auf Plakaten um Kleingeld für die „Befreiung der Wilhelmine“ gebeten. Generell ist es trotz sommerlicher Temperaturen und zum Wochenendstart erstaunlich leer in Westerland.

Derweil haben es sich sechs Punker im Rathauspark gemütlich gemacht: Einer von ihnen steht auf einem Stein und trägt einen Zeitungsartikel über die Punker auf Sylt vor. „Die haben uns ganz gut getroffen“, sagt der Vorleser, der sich den Spitznamen „Baum“ gibt. Sie alle sind schon mehr oder weniger lange auf der Insel. Mirko aus Leipzig sagt:

Er sei alleine auf die Insel gereist und habe sich vor Ort mit anderen Punks angefreundet. Nachts schlafe er in seiner Hängematte, mal am Strand, im Park, wo immer er Platz findet. Warum die Punker plötzlich zum Großteil aus dem Stadtbild verschwunden sind, kann er nur vermuten: „Heute sind viele abgereist, aber die nächsten sind schon wieder im Anmarsch.“

An den Maßnahmen der Gemeinde läge es garantiert nicht. „Darüber können wir nur lachen“, ist sich die Gruppe einig. „Und jetzt sitzt die Wilhelmine im Gefängnis“, beklagen sie.

Doch auch ohne den einstigen Hotspot ließen sie sich die Laune nicht verderben. Mirko sagt: „Wir bleiben hier und machen Party. Damit müssen sich die Leute abfinden. Die Insel hat noch sehr viel mehr Platz.“ Ärger oder Dreck wollen sie auf keinen Fall machen, betonen die sechs. Es sei Straßenregel, die Schlafplätze sauber zu hinterlassen. Froh scheinen sie über den Umgang mit ihnen dennoch nicht zu sein.

Auch das Wildpinkeln entstünde nur durch den Mangel an Optionen, erklären sie: „Wenn die Leute nicht wollen, dass wir wildpinkeln, sollen sie uns in den Restaurants auf die Klos lassen. Wir machen da schon nichts dreckig. Wir haben Respekt vor fremden Eigentum.“

Dennoch halten die Beschwerden über die besonderen Saisongäste an. „Wir merken, dass die Einsätze zunehmen“, teilt ein Sprecher der Regionalleitstelle Nord in Harrislee auf Nachfrage von shz.de mit. Es komme immer wieder zu Ruhestörungen, besonders um die Wilhelmine in Westerland herum, dazu Streitereien innerhalb der Punkergruppierungen sowie die Meldung von „unerwünschten Personen“, so der Sprecher weiter. Er fügt hinzu: „Das sind aber alles keine herausragenden Einsätze, nur hat die Häufigkeit seit dem Pfingstwochenende zugenommen.“

Etwas besorgter blicke er auf den 2. Juli sowie den 30. Juli. An diesen Tagen sind Demonstrationen auf Sylt angemeldet: Am 2. Juli haben sich Demonstrierende angekündigt, die vermutlich aus dem links-anarchistischen Spektrum stammen, für den 30. Juli hat sich die Partei „Die Rechte“ mit 50 bis 100 Demonstrierenden angemeldet. Die SPD auf Sylt rief bereits zur Gegendemo auf. „Das wird eine Herausforderung“, sagt der Sprecher der Leitstelle.

Die sechs Punker im Rathauspark sehen die Lage gelassen: „Die Faschos haben in den Medien erfahren, dass wir hier sind und haben jetzt Lust, ein paar Zecken zu kloppen, aber daraus wird nichts. Die sollen schön am Bahnhof bleiben und nicht marschieren. Wir werden uns hier klar den Faschos entgegenstellen.“ Ohne Gewalt verstehe sich, beteuern sie.

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