Osnabrück Elfriede Lohse-Wächtler und ihre Kunst der Außenseiter
Wer kennt Elfriede Lohse-Wächtler? Das Osnabrücker Museumsquartier macht jetzt mit ihren Bildern bekannt. Mit dem Osnabrücker Maler Felix Nussbaum teilte sie das Schicksal - aber nicht die Kunst.
Rotes Kleid, die eine Hand in die Hüfte gestützt, den Kopf kokett gewendet, in der anderen eine Zigarettenspitze balancierend - so steht sie da, die "Lissy", die Elfriede Lohse-Wächtler 1931 als nervös vibrierendes Psychogramm einer Grande Dame des kleinen Lebens der Vergnügungslokale in Szene setzt. Die Akzente dieses Aquarells sind mit rascher Hand gesetzt, die Elemente der Bildkomposition gleichwohl genau ausgewogen. Lohse-Wächtler befindet sich auf dem Zenit. Um 1930 zeichnet und malt sie Porträts und Milieustudien voller Brillanz und Hellsichtigkeit. Sie hat es geschafft, die Frau, die mit 16 Jahren ihr Elternhaus verließ. Sie weiß nur nicht, dass ihr nur noch wenige Jahre bleiben werden. 1940 wird die psychisch Labile von den Nationalsozialisten ermordet werden.
Elfried Lohse-Wächtler führte, was heute abstrakt als prekäres Leben bezeichnet wird, ein Leben der Beziehungskrisen und psychischen Abstürze. Ihre Kunst wirkt wie ein einziges nervöses Notat von Menschen im Ausnahmezustand. Ob sie sich hätte träumen lassen, dass ihre "Lissy" eines Tages im renommierten Frankfurter Städel hängen würde? Kuratorin Maren Koormann hat diese Werk und die weiteren rund 40 Werke, die nun im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus zu sehen sind, aus einer Reihe von Sammlungen entliehen. Das Städel ist dabei, die Hamburger Kunsthalle, auch die Heidelberger Sammlung Prinzhorn, die als Kollektion der Werke von Patienten der Psychatrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts angelegt wurde. Koormann und Museumsdirektor Nils-Arne Kässens stellen Lohse-Wächtlers Werken rund 50 Bilder Felix Nussbaums gegenüber.
Dieses Konzept geht nicht immer auf. Zu unterschiedlich sind die Künstlerpersönlichkeiten, die hier in den Dialog treten sollen. Felix Nussbaum, der gebildete Bürgersohn, und Elfriede Lohse-Wächtler, die Aussteigerin aus der Bohème, sie passen nicht wirklich zusammen. Und es ist auch nicht stimmig, neben Nussbaums groß angelegtes Bild „Triumph des Todes“ ein winziges Blumenstillleben von Lohse-Wächtler zu platzieren. Zu Lebzeiten haben die beiden Künstler nicht voneinander gewusst, ihre Arbeiten wechselseitig wohl nicht zur Kenntnis genommen. Was sie eint, ist ihr furchtbares Schicksal, von den Nationalsozialisten ermordet worden zu sein: Felix Nussbaum als Jude 1944 in Auschwitz, Elfried Lohse-Wächtler als psychisch Kranke 1940 in Pirna-Sonnenstein. Dort starb übrigens auch Marianne Schönfelder, die Tante des Malerstars Gerhard Richter, der ihr mit seinem Bild „Tante Marianne“ 1965 ein eindringliches künstlerisches Denkmal setzte.
Ob Richters Gemälde oder Lohse-Wächtlers Aquarelle oder Pastelle, sie bilden den Kernbestand jener Kunst, die zusammen mit Felix Nussbaums "Selbstbildnis mit Judenpass" der Erinnerung an den Holocaust Kontur und Kontinuität sichert. In Osnabrück wird jetzt nachdrücklich der Blick auf die lange übersehene und wohl auch unterschätzte Lohse-Wächtler gerichtet. Sie hat, anders als Felix Nussbaum, ihre Figuren nicht zu allegorischen Zeichen der großen Geschichte überhöht. Die Künstlerin aus Dresden schaute auf Individuen, die ihr und ihrem Lebensgefühl antworteten - als Menschen am Rand des Gutbürgerlichen, als Menschen vor allem, die erst stigmatisiert und dann von den Nationalsozialisten verfolgt, ins Exil gedrängt oder zuletzt ermordet wurden.
Elfriede Lohse-Wächtler hat sich selbst als Absinthtrinkerin gemalt, als Frau mit Zigarette oder Pfeife im Mund gezeichnet. Sie hatte auch den Mut, sich mit nackten Brüsten im Selbstakt zu zeigen. Oder mit Gesichtskonturen, die sich unter der Last immer neuer Lebenskrisen aufzulösen scheinen. Für eine kurze Zeit um 1930 explodiert ihr Talent, katapultiert sie sich ganz nach vorn in die Kunst ihrer Zeit. Ihr Blick war sensibel, die Technik ihrer vibrierenden Linien ausgefeilt. Elfriede Lohse-Wächtler verdient nicht nur jede Wiederentdeckung, ihre Werke sind auch gerade jetzt bestürzend aktuell. Während in Kassel über antisemitische Bilder auf der Documenta gestritten wird, zeigen Lohse-Wächtlers Bilder, was gegen die Verzerrungen rassistischer Karikatur einzig hilft - der einfühlsame Blick auf den einzelnen Menschen.
Osnabrück, Museumsquartier: Im Angesicht. Elfriede Lohse-Wächtler und Felix Nussbaum. Eröffnung: Sonntag, 26. Juni 2022, 11:30 Uhr. Bis 16. Oktober 2022. Di.-Fr., 11-18 Uhr, Sa., So., 10-18 Uhr. Zur Information über die Ausstellung geht es hier.