Hamburg  Sophia Thiel über ihren Freund: Welche Rolle spielt Liebe bei mentaler Gesundheit?

Laura-Cäcilia Wolfert
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Von Laura-Cäcilia Wolfert
| 23.06.2022 14:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
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Influencerin Sophia Thiel macht nach der Auszeit wegen ihrer Essstörung auf das Thema mentale Gesundheit aufmerksam. Im Interview gibt sie Tipps, wie Du lernst, stolz auf Dich zu sein.

In diesem Artikel erfährst Du:

Sophia Thiel kennen die meisten als Fitness-Influencerin. Sie war als Coach in der Fernsehserie „The Biggest Loser“ zu sehen, brachte eigene Düfte, Modekollektionen, Ratgeber und Kochbücher auf den Markt. Die Workout-Videos der 27-Jährigen wurden hunderttausendfach angesehen. Doch im Mai 2019 kündigte Thiel überraschend ihren Rückzug aus der Öffentlichkeit an.

Erst im Februar 2021 meldete sich die gebürtige Rosenheimerin zurück und zeigt auf Social Media ihre äußerliche Veränderung: Kurven zieren ihren Körper, keine Sixpacks.

Sophia Thiel zeigt auf Instagram ihre körperliche Entwicklung von 2018 bis 2022:

Zwar ist Fitness nach wie vor eines von Sophia Thiels Themen. Einen noch größeren Fokus setzt die Influencerin aber auf mentale Gesundheit. Sie spricht und schreibt offen über ihre Essstörung und psychischen Probleme.

Frage: Du sprichst jeden Tag über dasselbe Thema: deine mentale Gesundheit, deine Auszeit. Ist es mit der Zeit nicht anstrengend, ständig über seine Probleme zu reden?

Antwort: Sophia Thiel: Ich spreche unglaublich gerne darüber und jedes Format, das mir eine Anfrage stellt, hilft. Schließlich hören ganz viele Leute von mir und meinen Themen das allererste Mal. Nur weil ich schon hundert Mal darüber gesprochen habe, heißt das nicht, dass jeder das schon hundert Mal gehört hat. Mentale Gesundheit ist so wichtig und umfassend. Auch das ganze Thema Fitness, da geht es ja nicht nur um das Abnehmen und glücklich sein. Sondern viel mehr, was dahintersteht. Warum möchte man abnehmen, was will man dadurch erreichen? Es ist auch wichtig, mit Schwächen umgehen zu können. 

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Frage: Wie wird man stolz auf sich?

Antwort: Ich hatte mit Selbstwert ein unglaubliches Problem. Das Thema bin ich auch in der Therapie angegangen. Früher war ich nur stolz auf mich, wenn ich mir ein Sixpack antrainiert, oder viele Likes für ein Bild bekommen habe. Das waren oft nur äußere Umstände. Dabei kann man schon auf ganz kleine Dinge stolz sein. Ich bin stolz, dass ich ein ordnungsliebender Mensch bin. Ich liebe es, anderen Geschenke zu machen. Ich bin empathisch. Das sind alles positive Eigenschaften, auf die ich stolz sein kann. Es ist wichtig, den Bezug zu sich selbst herzustellen und nicht in eine Art Drill-Coach-Modus zu verfallen, so wie das damals bei mir war. Wie etwa: „Das war wieder nicht gut genug, du musst mehr machen!“ Das ist nicht gesund. 

Frage: Besteht nach wie vor nicht die Sorge, dass Du wieder diesem „Drill-Coach-Modus“ verfällst? 

Antwort: Da habe ich in den vergangenen Jahren sehr viel dazugelernt. Früher habe ich meine körperlichen Signale komplett ignoriert. Ich wollte anderen gefallen, es jedem recht machen. Heute weiß ich ganz genau, wann ich eine Pause brauche, was mir guttut und was nicht. Ich freue mich zwar über jeden einzelnen Auftrag und bin auch viel unterwegs, nehme mir aber auch mal eine Auszeit. 

Full Body Workout mit Sophia auf YouTube:

Frage: Du selbst kennst mittlerweile die Signale, die Dein Körper sendet. Aber wie sieht es aus mit Deinem privaten Umfeld aus, Auftragsgebern oder dem Management?

Antwort: Bei Kooperationspartnern ist das natürlich schwierig, aber ich rede mit meinem Management beispielsweise sehr offen darüber. Erst neulich habe ich denen mitgeteilt, dass ich das aktuell einfach nicht mehr schaffe. Dann wissen die sofort, was Sache ist und geben mir die nötige Ruhe. Man muss schauen, dass man sich so ein Umfeld baut, das einen versteht. Es bringt einem ja nichts, jemanden durchzuprügeln. Sonst ist die Person irgendwann weg vom Fenster. Wenn man das Ganze langsamer angeht, wie ein Marathon und nicht wie ein Sprint, dann kann man nachhaltiger arbeiten. Dann sind alle am Ende des Tages glücklicher. 

Frage: Okay, Du suchst Dir Dein Umfeld aus. Aber wie ist das beispielsweise mit der Fibo (Weltleitmesse für Fitness, Wellness und Gesundheit)? Trägt so eine Messe nicht auch eine gewisse Verantwortung? 

Antwort: Natürlich. Wenn ich jetzt zu einer Fitnessmesse gehe, würde ich einen ganz klaren Stundenplan aufstellen, zu welchen Zeiten ich da bin und zu welchen nicht. Ich würde mich heute niemals wie früher von 9 bis 19 Uhr hinstellen, nur mit einer Klo-Pause. Aber das muss man schon selbst für sich organisieren. Es geht ja nicht nur um Messen, sondern auch Geburtstage. Wenn man Dinge nicht schafft, muss man lernen, das offen zu kommunizieren. Wichtig ist auch, lernen „nein“ zu sagen. 

Sophia thematisiert ihre Essstörung auch auf TikTok:

Frage: Welche Rolle spielt die Liebe bei mentaler Gesundheit? Du sagst, Dein jetziger Freund hätte Dir geholfen, Dich unterstützt.

Antwort: Das Interessanteste war: Er hat mich in meiner Auszeit, in meiner schlimmsten Phase kennengelernt. Es ist natürlich einfach, wenn man jemanden in seiner Hochphase kennenlernt. Dann kennt derjenige aber nicht die andere Seite. Für uns war der Härtetest, dass er mich aber von Beginn an unterstützt hat. Dass wir genau in dieser Zeit zusammengekommen sind, war natürlich ein wichtiger Teil meines Heilungsprozesses – den habe ich aber auch davor schon begonnen.

Frage: Besteht da nicht die Sorge, emotional abhängig zu werden?

Antwort: Es ist nicht gut, wenn man nur mental gesund ist, solange man einen Partner hat. Das Gleiche gilt auch für die Familie. Es gibt immer Momente, in denen man alleine ist. Es ist aber ein Unterschied, ob man sich dann einsam fühlt oder alleine. Alleine sein ist nicht schlimm. Aber wenn man sich einsam fühlt, sollte man lernen, nur mit sich selbst zurechtzukommen. Mein Freund hat mir aber gezeigt, wie bedingungslose Liebe aussieht. Das war wichtig. Ich dachte früher immer: Wenn ich zu viel Kilo draufhabe oder nicht schlank bin, dann bin ich nicht liebenswert. Da nochmal eine korrigierende Erfahrung zu machen, das war wichtig. Es gibt ja auch andere Beziehungen. 

Hier siehst Du Sophia und ihren Freund in Disneyland:

Frage: Meinst Du Beziehungen, in denen man das Gefühl hat, man muss ganz bestimmt aussehen…

Antwort: Ganz genau. Natürlich ist es besser, wenn Du jemanden hast, der auch Deine „Fehler“ akzeptiert. Jeder hat sein eigenes Päckchen zu tragen. Man muss in einer Beziehung nur schauen, wie man damit umgeht. Wichtig ist, alles transparent miteinander zu teilen. Mein Freund hat auch Therapieerfahrungen. Er hat nicht mit Essen ein Thema, trotzdem haben wir viele Parallelen und sprechen sehr offen darüber. Wir müssen uns nur anschauen und wissen, wann es dem anderen schlecht geht und wie wir damit umgehen. Anfangs wollte ich meine Probleme vor ihm verheimlichen. Mittlerweile kennt er aber mich und mein Päckchen. 

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