Osnabrück  Mehr Seminar in der Dämmerung als Klassik unter Sternen

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 18.06.2022 15:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Alles wie es sein muss: Wetter passt, volle Stuhlreihen auf und vor der Bühne beim Klassik-Open-Air des Osnabrücker Symphonieorchesters. Foto: Thomas Osterfeld
Alles wie es sein muss: Wetter passt, volle Stuhlreihen auf und vor der Bühne beim Klassik-Open-Air des Osnabrücker Symphonieorchesters. Foto: Thomas Osterfeld
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1500 Menschen erleben „Klassik unter Sternen“ mit dem Osnabrücker Symphonieorchester. Das Konzert war schön, aber die Macher haben einige Chancen verschenkt.

Es hat schon etwas Rührendes, mit welcher Entschiedenheit die Programmplaner des Osnabrücker Symphonieorchesters an ihrem Bildungsauftrag festhalten. Deshalb muss auch das Open-Air-Konzert auf dem Domvorplatz in einer veritablen Sinfonie gipfeln, in diesem Fall der achten von Antonín Dvorák. Immerhin geht damit ja auch die Sinfoniekonzertreihe dieser Spielzeit zu Ende. Und Ernste Musik kommt eben nicht von „lustig“.

Nun dominiert in dieser Sinfonie eine idyllische Heiterkeit. Außerdem hat das Osnabrücker Symphonieorchester damit unter seinem Dirigenten An-Hoon Song zu sich gefunden. Vom ersten Ton an entfaltet das Orchester einen sonor, dunkel grundierten Klang, lässt die heiteren Momente aufblitzen, findet, etwa im dritten Satz, zu schwebender Luftigkeit und im Intro zum Finale zu trompetenleuchtendem Glanz. Und wenn sich im zweiten Satz dunkle Klangwolken über die Idylle schieben, trifft das Orchester die düstere Stimmung. Alles wunderbar also. Oder?

Fast. Das Publikum beklatscht jeden Satz, und am Ende feiern 1500 Menschen Orchester und Dirigent mit begeistertem Beifall. Trotzdem passt die gewichtige Sinfonie zum Open-Air-Konzert wie die Weihnachtsgans zum Rosé bei Sonnenuntergang. Zumal der Achten bereits eine gute Dreiviertelstunde Musik vorausgeht. Eine Pause sieht die Planung nicht vor; das Publikum muss sich die musikalische Bildung auf hartem, eng gestelltem Gestühl schon erkämpfen. Unweigerlich fühlt man sich nicht bei der „Klassik unter den Sternen“ (Sterne um diese Uhrzeit?), sondern beim Seminar in der Dämmerung.

Warum kann das Konzert statt um 20.30 Uhr nicht eine oder anderthalb Stunden früher beginnen, zugunsten einer ausgedehnten Pause, in der dann kooperierende Gastronomen Getränke und Snacks anbieten? Ein paar Meter weiter, auf dem Marktplatz, isst Osnabrück gut an diesem Abend… Vor allem aber: Warum kann der musikpädagogische Zeigefinger nicht mal unten und die Sinfonie im Konzertsaal bleiben, wo sie hingehört? Warum kann nicht ein bisschen Gala-Glamour auf der Bühne glänzen, mit ein paar fetzigen Nummern zwischen Oper und Musical, zwischen Abba und Zappa? „Does Humor Belong In Music?“, hat letzterer mal gefragt, gehört Humor zur Musik? In diesem Fall: Ja, bitte! Mehr Mut zur Leichtigkeit!

Immerhin: Der Beginn des Konzerts ging in die richtige Richtung. Die Konzertouvertüre „Karneval“ von Dvorák sorgte für einen schmissigen Beginn, wenn auch mancher Trubel im Orchester sich ungewollt eingestellt hatte. „Clair de lune“ von Claude Debussy in einer Orchesterfassung des Dirigenten Leopold Stokowski – Impressionismus im Zuckerbett, kann man machen! In den „Zigeunerweisen“ von Pablo de Sarasate setzt Konzertmeister Michal Majerski als Solist im weißen Dinnerjacket wenigsten einen kleinen eleganten Akzent, und Maurice Ravels „Bolero“, diese über Minuten ausgewalzte Ekstase, die aus dem Nichts kommt und mit massiger Endladung endet, geht sowieso immer.

Auch An-Hoon Song am Pult der Osnabrücker ist der richtige Mann für so einen Anlass. Er tänzelt auf seinem Podest, pumpt Klang aus den Violinen, peitscht das Blech zu Akzenten, vermittelt aber vor allem in jedem Moment Freude an der Musik – das ist wirklich herzerfrischend.

Dass man all das auf zwei Videoleinwänden mitverfolgen kann, ist einerseits schön, andererseits angesichts schlechter Ausleuchtung und einer eher zufälligen Kameraführung nur mittelmäßig umgesetzt. Leider hinkt zudem das Bild der Musik hinterher, und da möchte man mit Christian Lindner sagen: Lieber gar kein Video als ein schlechtes Video.

Immerhin macht das Osnabrücker Symphonieorchester all diese Mängel vergessen – auch bei den letzten Nummern des Abends, den Ungarischen Tänzen Nr. 5 und 6 von Johannes Brahms. Warum es danach keine Zugabe mehr gab, bleibt Geheimnis des Orchesters. Denn die Begeisterung des Publikums hätte das durchaus verdient.

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