Berlin  Kein Gas mehr aus Nord Stream 1: Diese Folgen drohen Mietern

Torben Kessen
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Von Torben Kessen
| 17.06.2022 12:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Aufgrund der stark gestiegenen Gaspreise erhöhen sich derzeit die Heizkosten für private Verbraucher. Foto: dpa/Christin Klose
Aufgrund der stark gestiegenen Gaspreise erhöhen sich derzeit die Heizkosten für private Verbraucher. Foto: dpa/Christin Klose
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Schon bald könnte kein Gas mehr durch die Pipeline Nord Stream 1 fließen – das hätte enorme Folgen für die Privathaushalte in Deutschland. Ein Vorschlag würde die Mieter in Deutschland direkt betreffen.

Die russische Regierung droht offen mit einem vollständigen Stopp der Gaslieferungen durch Nord Stream 1 – nachdem der Staatskonzern Gazprom die Liefermengen schon auf ein Niveau von 40 Prozent heruntergedrosselt hat. Es sei „nicht ausgeschlossen“, dass mit der Pipeline Nord Stream 1 die wichtigste Versorgungsleitung für Deutschland komplett außer Betrieb gehe, sagte Russlands EU-Botschafter am Donnerstag beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg.

Erstmals seit Ende März hat die Bundesnetzagentur in ihrem täglichen Bericht zur Gasversorgung in Deutschland die Lage als „angespannt“ bezeichnet. „Die Gasversorgung in Deutschland ist im Moment aber stabil“, schrieb die Behörde in ihrem am Freitagmittag veröffentlichten Bericht. Die Versorgungssicherheit in Deutschland sei derzeit weiter gewährleistet.

Offiziell macht Russland eine defekte Kompressor-Station, die aufgrund von in Kanada festsitzenden Turbinen nicht repariert werden könne, für die geringeren Liefermengen verantwortlich. Es handele sich nicht um Absicht von russischer Seite, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.

Grafik: So viel Gas fließt aus Russland nach Deutschland

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) widerspricht dieser Darstellung. Habeck vermutet, dass es Moskau darum gehe, während des Besuches von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in der Ukraine Unruhe zu stiften und die Gaspreise nach oben zu treiben.

In der Tat sind die Gaspreise am Donnerstag noch einmal rasant nach oben geklettert und betragen jetzt über 140 Euro pro Megawattstunde. Der langjährige Durchschnittswert liegt bei 20 bis 30 Euro.

Ohnehin wird befürchtet, dass Verbrauchern mit der Jahresabrechnung 2023 extrem hohe Nachzahlungen für das Jahr 2022 drohen. Sollte die Pipeline Nord Stream 1 komplett zugedreht werden, dürften die Nachzahlungen nochmal teurer ausfallen. Gerade für Mieter und Vermieter könne es „eine böse Überraschung geben“, sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller der „Rheinischen Post“.

Video: So gefährdet ist die Versorgung mit Gas in Deutschland

Neben verteuerten Preisen läuft Deutschland Gefahr, dass die Gasspeicher im Winter nicht genügend gefüllt sind. Ohne die Lieferungen aus der Nord-Stream-1-Pipeline gilt es als ausgeschlossen, dass die deutschen Speicher bis zur kalten Jahreszeit hinreichend gefüllt werden können – derzeit sind die Speicher zu 56 Prozent gefüllt. Für den Fall eines Gas-Engpasses gibt es den „Notfallplan Gas“, der private Verbraucher als besonders schützenswert einstuft.

Trotzdem führt die Politik momentan eine Debatte darüber, wie in privaten Haushalten im Winter Energie gespart werden könnte. Im Gespräch ist eine befristete Absenkung der Mindesttemperatur in privaten Wohnungen. Aktuell liegt die vorgeschriebene Mindesttemperatur, die Vermieter gewährleisten müssen, zwischen 20 und 22 Grad.

Die Mindesttemperaturen sollten „auf eine maximale Untergrenze von 18 Grad tagsüber und 16 Grad nachts“ abgesenkt werden, fordert der Präsident des Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, Axel Gedaschko, gegenüber den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Auch die Bundesnetzagentur befürwortet eine Absenkung: „Der Staat könnte die Heizvorgaben für Vermieter zeitweise senken. Darüber diskutieren wir mit der Politik“, sagte Behördenchef Klaus Müller.

Der deutsche Mieterbund (DMB) kritisiert den Vorstoß: „Von einer staatlichen Absenkung der Mindesttemperatur für Wohnungen halten wir nichts“, sagt DMB-Sprecherin Jutta Hartmann. Eine pauschale Absenkung der Temperatur könne Menschen in schlecht gedämmten Häusern besonders belasten, zudem bestehe die Gefahr von Schimmelbildung, hieß es. Auch seien die Wärmebedürfnisse der Menschen sehr unterschiedlich.

Wirtschaftsminister Habeck wollte sich am Donnerstagabend in den ARD-„Tagesthemen“ nicht konkret zu einer Absenkung der Mindesttemperatur äußern, sagte aber, dass weitere Maßnahmen zur Einsparung, zur Not auch gesetzlich, vorgenommen werden müssten.

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