Rostock  So war das Konzert der „Toten Hosen“ in Norddeutschland

Katharina Golze
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Von Katharina Golze
| 16.06.2022 10:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Campino heizt das Publikum im IGA-Park an. Foto: Volker Bohlmann
Campino heizt das Publikum im IGA-Park an. Foto: Volker Bohlmann
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Auf der Tour „Alles aus Liebe“ der Toten Hosen in Norddeutschland steht plötzlich der Rapper Materia auf der Bühne. Wir haben uns unter die Fans gemischt.

Als Marteria Arm in Arm mit Campino auf die Bühne im IGA-Park tritt, ist das Publikum kaum zu halten. „Oh mein Gott, Rostock, Hände hoch. Das ist für ganz Mecklenburg-Vorpommern, verdammte Scheiße!“, begrüßt der Rapper das Publikum in seiner Heimatstadt. Dass er am Mittwochabend mit den Toten Hosen auf der Bühne steht, haben die Fans vielleicht leise gehofft, doch ganz sicher nicht erwartet.

Gerade waren die Toten Hosen nach einem mitreißenden Konzertabend und lauten Zugabe-Rufen zurück auf die Bühne gekehrt und hatten ihr neues Lied „Scheiss Wessis“ angestimmt. „Ihr seid die Ersten, die es auf die Ohren kriegen“, hatte Frontmann Campino gesagt. Auf ihrer „Alles aus Liebe“-Geburtstagstour zu 40 Jahre Die Toten Hosen war Rostock für die Düsseldorfer Band die erste Station in Ostdeutschland und nach Flensburg und Köln das dritte Konzert. „Hier spielen wir gegen euch, wir ‘Scheiss Wessis’“, rief Campino in die Masse und zu Fahnen schwenkenden Matrosen im Publikum.

Konter gibt es wenig später von Marteria. „Ich bin ein Junge aus Rostock“ sagt er und heizt die Menge an, gemeinsam „Scheiss Ossis“ zu singen. Der Rostocker scheint gerührt, „das zu erleben und das mit der besten Band, die jemals existiert hat“. Seine Mutter und Freunde stehen im Publikum, verrät er.

Nicht nur diese beiden gemeinsamen Lieder verbinden Marteria und die Toten Hosen, sondern auch eine jahrelange Freundschaft. Auf der Bühne nennt ihn Campino „Bruder, mein Lieblingstyp“ und erzählt, wie er bei Marterias Benefizkonzert für den FC Hansa Rostock im Ostseestation kickte. „Die Südkurve schrie: ‘Eisgekühlter Bommerlunder’. Ich liebe diese fucking Stadt“, so Campino.

Dann grüßt er Kumpel Hacki und bedankt sich für Dorsch und Matjes. „Durch Marten haben ich viele tolle Leute hier kennengelernt. Das sind die besten ‘Tage wie diese’“. Titel wie diese zählen zu den Klassikern der Hosen und sich auch an diesem Abend zu hören. Genauso wie „Hier kommt Alex“, „Alles aus Liebe“ und „Altes Fieber“, aber auch neue Songs wie „112“.

Auch Campinos Bandkollegen entdecken ihre Liebe für Rostock. Vor dem Konzert erkundeten Gitarrist Andreas von Holst und Bassist Andreas Meurer bereits Warnemünde, und posierten vor dem Leuchtturm, den Schiffskränen, am Ostseestrand und am Fischbrötchenstand.

Nicht nur die Toten Hosen lieben Rostock, auch die Rostocker lieben die Toten Hosen. Sie pogen im Moshpit, hissen Tote-Hosen-Fahnen zur Musik, singen textsicher mit, ein Fan stagedived. Zuvor hatte die Indie-Rock-Band Madsen die Menge angeheizt, die einige bereits aus dem Mau-Club mit Songs wie „Lass die Musik an“ kennen. Sänger Sebastian Madsen ruft zu ihren und den „Hosen-Fans, wir lieben euch.“

Bereits in der S-Bahn zum Konzert trifft man eingefleischte Fans - Väter und Söhne, Familien mit Kindern, Punks. „Irgendwann in der Schule hat es angefangen“, erzählt Fabian Häcker. Er und sein Vater tragen Hosen-Shirts. Wie viele an diesem Abend. Wie viele verschiedene Editionen sich im IGA-Park finden, lässt sich kaum zählen. Manche stammen aus 2000ern, andere sind von der neuen Tour.

Für Fabian Häcker ist es das fünfte Hosen-Konzert, für seinen Vater das dritte. Worauf sie sich freuen? „Endlich wieder Livemusik“, sagt Vater Joachim Häcker. „Die alten Songs“, sagt sein Sohn. Das neue Album vom Mai „Alles aus Liebe: 40 Jahre Die Toten Hosen“ mit Klassikern und sieben neuen Liedern kennt der Rostocker bereits. Aber nicht von Spotify. „Nix da, Musik wird ganz old school als CD gekauft“, sagt der junge Mann mit dem langen Bart und dem noch längeren Zopf.

Rockige und punkige Frisuren und Outfits finden sich viele auf dem Konzert. Auch wenn Andy aus Lübeck findet: „Die Toten Hosen sind schon lange kein Punkrock mehr.“ Er trägt einen knallblauen Irokesen, seine Kumpels mehrere Piercings an Ohr, Mund und Nase. „Ich höre die Toten Hosen mein ganzes Leben lang“, sagt er. „Ich finde gut, dass sie politisch unterwegs und gegen Rechts sind. Deswegen bin ich großer Fan“, sagt der Mann mit dem „Kein Mensch ist illegal“-Aufnäher und einem durchgestrichenen Hakenkreuz auf der Jacke. Auf dem Konzertgelände finden sich Stände von „Kein Bock auf Nazis“ und „Pro Asyl“, an der Abendkasse werden für „Pro Asyl“ Spenden gesammelt.

Dort warten auch Paul Wolter aus Rostock und André Budde aus Neubukow auf Restkarten. Am Vortrag waren sie bei den Ärzten im IGA-Park, am Morgen entschieden sie, zu den Hosen zu gehen. Beide sind mit den Hosen groß geworden, aber auch die Ärzte waren „astrein und haben Spaß gemacht“, finde Paul Wolter. Für ihn ist es das elfte Rockkonzert in diesem Jahr.

Genauso konzertbegeistert sind auch Doreen und ihr Sohn Emil, die es sich wie viele andere vor dem Konzertgelände auf einer Picknickdecke gemütlich gemacht haben. Am Freitag waren sie bei Seeed, am Sonnabend den Broilers, am Sonntag bei Evanescence, am Dienstag bei den Ärzten im IGA-Park. „Jeden Tag kannst du dir das nicht mehr leisten“, sagt Doreen aus Groß Klein und lacht. Auch vom Hang habe sie einen guten Blick auf die Bühne, Partner und Tochter stehen vor der Bühne. Sie sagt: „Die Toten Hosen ist voll unsers.“

Diese Fanliebe wissen die Toten Hosen zu schätzen. Und spielen eine zweite Zugabe, setzen die Ostsee vor den Rhein auf Nummer 1 der deutschen Gewässer, drehen aus Rostock ein privates Erinnerungsvideo für die Band und für Campinos Kumpel ein Geburtstagsvideo von einer „geilen Fete“ mit ihren „engsten Freunden“, ihren Fans. Dann verabschieden sie sich mit den Worten: „Rostock bleibt, wie ihr seid. Wir sehen uns.“

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