Berlin Tafel-Kunden werden abgewiesen: „Situation so angespannt wie noch nie“
Die Tafeln müssen derzeit einen riesigen Ansturm bewältigen. Tafel-Vertreter berichten von dramatischen Szenen an den Ausgabestellen. Das Essen reicht nicht aus. Ein Teil des Problems sind die Lebensmittelkonzerne.
Die Folgen des Ukraine-Krieges sind für die Bürger deutlich zu spüren: Im Vergleich zu 2021 sind die Lebensmittelpreise laut dem Statistischen Bundesamt um satte 13 Prozent gestiegen. Für viele Menschen mit kleinerem Einkommen heißt das, zur Tafel gehen zu müssen, um sich mit den nötigen Lebensmitteln zu versorgen. Der Bundesverband Tafel Deutschland schlägt jetzt wegen des Ansturms Alarm. Doch neben dem hohen Kundenaufkommen gibt es noch weitere Probleme für die 960 Ausgabestellen in Deutschland zu lösen.
In Hamburg unterhält die Tafel 29 Ausgabestellen, die von einem Lager zentral beliefert werden. Lagerleiter Florian Hermann schätzt, dass wöchentlich etwa 40 Paletten an Lebensmitteln benötigt werden. Aber er konstatiert gegenüber dem „Spiegel“: „Wenn nicht ganz schnell Nachschub reinkommt, sind wir in ein paar Monaten am Ende.“ Der Vorsitzender des Bundesverbandes, Jochen Brühl, bestätigt diesen Eindruck. „So angespannt war die Situation noch nie“, sagt der Verbandsvorsitzende.
Die Tafeln sind keine staatlichen Einrichtungen, sie wurden in den 1990er Jahren aus Privatinitiative gegründet. Als Bürger gibt es also kein Anspruch darauf, von der Tafel versorgt zu werden. Stattdessen sind die Tafeln auf Spenden von Unternehmen und Bürgern sowie von der Hilfsbereitschaft von Ehrenamtlichen angewiesen. „Es war nie unser Ziel, alle Armen verlässlich und verbindlich zu versorgen“, verdeutlicht Verbandschef Brühl.
In den letzten Jahren und besonders in Folge des Ukraine-Krieges ist der Andrang an den Ausgabestellen jedoch immer größer geworden. „Wir versorgen schon jetzt über 40.000 Leute pro Woche, ein Ende ist nicht abzusehen“, schildert Julia Bauer, Vorstandsmitglied der Hamburger Tafel, die Situation. Seit Monaten kommen außerdem ukrainische Flüchtlinge zu den Ausgabestellen, die den Andrang vergrößern. Täglich müssten Menschen abgewiesen werden, die eigentlich dringend auf die Essensrationen angewiesen sind.
Die Tafeln haben aber nicht nur mit einem immer größere werdenden Ansturm zu kämpfen. Gleichzeitig gehen auch die Lebensmittelspenden der Großkonzerne zurück, berichtet Lagerleiter Hermann. Die Supermärkte würden Waren kurz vor dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums nicht mehr spenden, sondern zu Niedrigpreisen ihren eigenen Kunden anbieten.
Zudem kalkulieren die Lebensmittelkonzerne strenger nach Bedarf, sodass am Ende weniger Lebensmittel für die Tafeln übrig bleiben. Der Tafel-Leiter Uwe Loose aus Hamburg-Eidelstedt schätzt, dass die Lebensmittelspenden um etwa 30 Prozent zurückgegangen seien. Auch finanziell gesehen läuft es nicht rund für die Tafeln. Die Geldspenden von Bürgern und Konzernen gehen zurück, außerdem sind die Kosten für die Lebensmitteltransporte sowie die Hallenmieten und die Stromkosten für die Kühlhäuser gestiegen.