Rostock  Campino-Interview: Als die Toten Hosen heimlich in der DDR auftraten

Olaf Neumann
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Von Olaf Neumann
| 09.06.2022 22:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
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Die Toten Hosen haben ihre Jubiläumstournee gestartet. Wir haben mit Frontmann Campino gesprochen – über Anfänge in der DDR, Auftritte im Ballett-Tutu, den 60. Geburtstag und die AfD.

Aufgewachsen in Mettmann-Metzkausen in den 60er- und 70er-Jahren, stieg Campino zum bekanntesten Punkrocker Deutschlands auf. Seine Band, die Toten Hosen, war mit den Ramones und U2 auf Tour, engagiert sich seit Jahrzehnten gegen Rechts und hat bis heute über 14 Millionen Tonträger verkauft. Der Sänger, Schauspieler, Sprecher und Bestsellerautor ist mit Fußballtrainer Jürgen Klopp und Filmemacher Wim Wenders befreundet.

Die Anthologie „Alles aus Liebe: 40 Jahre Die Toten Hosen“ erschien gerade als Doppelalbum inklusive zahlreicher brandneuer, neu aufgenommer und remixter Songs. Darüber hinaus erzählt ein zehnteiliger Podcast die ganze Geschichte der Band. Mit einem gut aufgelegten Campino alias Andreas Frege sprach Olaf Neumann via Zoom über die chaotischen Anfänge, Auftritte in der DDR, Großveranstaltungen in Pandemiezeiten und seinen 60. Geburtstag am 22. Juni.

Campino, die Welt ist in keinem guten Zustand und die Zukunft wirkt manchmal ziemlich bedrohlich. Wie gehen Sie persönlich damit um? Man spürt überall tiefe Verunsicherung, Angst und Sorge. Gleichzeitig ist es wichtig für jeden einzelnen von uns, sich private Glücksmomente zu holen, um diese schwierige Zeit überhaupt durchzuhalten. Einfach mal mit dem Rad über die Felder fahren oder im Wald spazieren gehen. Wir sollten das, was uns selber Spaß macht, umso mehr würdigen. Es macht uns verrückt, die ganze Zeit Nachrichten zu konsumieren, um auf dem neuesten Stand zu sein. Denn dafür reichen eigentlich 15 Minuten am Tag. Der Rest ist nur Wiederholung und Einschätzung von Experten, die ständig etwas Widersprüchliches sagen, aus dem man nicht schlau wird.

Lassen Sie uns lieber über die Band reden. Soll das neue Doppelalbum „Alles aus Liebe: 40 Jahre Die Toten Hosen“ nicht nur Ihre besten Songs präsentieren, sondern irgendwo auch eine Geschichte erzählen? Ja, es ist unsere Geschichte – erzählt in Liedern. Eben deshalb ist es auch keine reine Best-Of geworden. Ausschlaggebend war, welches Lied uns emotional viel bedeutet oder wir mit einer entscheidenden Band-Phase verbinden. Das Album ist also eine musikalische Zeitreise durch unsere lange Historie, so wie wir selbst sie in Erinnerung haben.

Das erste Konzert der Toten Hosen fand Ostern 1982 im Bremer Schlachthof statt. Dort wurden Sie irrtümlicherweise als die „Toten Hasen“ angesagt. War an dem Abend schon irgendwie zu spüren, dass die Band von Dauer sein könnte? An so etwas hat niemand gedacht. Wenn wir das im Geringsten geahnt hätten, hätten wir uns wahrscheinlich einen viel lässigeren Namen gegeben, der weltweit besser zu verstehen wäre, so dass man sich nicht immer erklären muss. Es war einfach der Versuch, mit Freunden auf eine Art Klassenfahrt zu gehen. Die Besetzung wurde nicht nach musikalischer Fähigkeit gewählt, sondern danach, wer zu den besten fünf Kumpeln gehörte. Dahinter steckte keine Strategie. Wir haben anfangs privat bei Fans geschlafen. Niemand von uns dachte daran, dass so etwas einmal eine Karriere werden könnte. Der Begriff „Gruppenkasse“ stand fast ein Jahrzehnt lang dafür, dass man Geld einzuzahlen hatte, zum Beispiel für die Proberaummiete. Dass man aus dieser Kasse auch einmal Geld bekommen würde, lag außerhalb unserer Vorstellungskraft.

Es gab mal großen Streit in der Band, weil Wölli aus der Not heraus sein Schlagzeug und die Gesangsanlage verkaufen wollte, die er der Band zur Verfügung gestellt hatte. Da erklärte ich ihm, dass unsere Instrumente heilig seien und daher unverkäuflich. Zur Not müssten wir eben als Plakatierer arbeiten.  Für mich stand damals schon fest, dass wir keine Amateurmusiker waren. Aber erst ab 1988, als „Ein kleines bisschen Horrorschau“ erschien, haben wir mit der Band regelmäßig Geld verdient.

  Hatten Sie sich damals viele Gedanken um Ihre berufliche Zukunft gemacht und immer einen Plan B in der Tasche? Ich hatte nicht vor, professionell von der Musik leben, aber wollte alles für sie tun. Lieber hätte ich die ganze Nacht Zeitungen ausgetragen als irgendwelche Sachen aus dem Proberaum zu verkaufen. Ich war die ersten Jahre als Student eingeschrieben und eine Zeit lang Zivildienstleistender. Den Gedanken, was aus mir einmal werden könnte, verdrängte ich. Rückblickend bin ich heilfroh, dass es so gekommen ist. Vielleicht wäre aus mir so ein harmloser Lehrer geworden, der nicht wirklich begeistert ist von dem, was er tut.   In dem neuen Lied „Alle sagen das“ singen Sie, dass Ihnen Gerüchte „scheißegal“ seien. Hat Sie der Vorwurf, die Hosen seien kein Punkrock mehr, anfangs sehr verletzt? Es hing davon ab, aus welcher Ecke dieser Vorwurf kam. Letztendlich waren es eher konservative Medien, die versucht haben, uns dadurch zu diskreditieren. Also stellten sie die Behauptung auf: Wer so erfolgreich ist, kann gar kein Punkrocker mehr sein. In der Düsseldorfer Punkszene wurden wir beileibe nicht als Verräter gehandelt, sondern immer respektiert. Wir haben uns lange Zeit mit unserem Erfolg auseinandergesetzt, weil es keine Blaupause für uns gab. Die einzige Punkband, die erfolgreich gewesen war und ein kleines bisschen länger gehalten hat, waren The Clash.

Warum wurde aus der guten Idee Punk eine Ideologie gemacht? Ich fand es genial, dass es um mehr als Musik ging und es auch darauf ankam, wer die Einstellung die Bands hatten, deren Lieder wir hörten. Und dass wir alle dieselben Regeln verinnerlicht hatten: „Hör auf, andere zu bewundern und starte selber eine Band! Du bist nicht besser als dein Publikum, nur weil du auf der Bühne stehst. Die Konzerte muss sich jeder Lehrling leisten können“. Diese Grundsätze sind für mich heute noch relevant.

Aus einer Spaßsache wie Punk ist sehr schnell etwas Langlebiges und Konstruktives geworden. Rock against Raciscm, gemeinsam gegen Castor-Transporte oder Atommüll-Wiederaufbereitungsanlagen zu demonstrieren – das ist auch bei den Toten Hosen immer wichtiger geworden. Je mehr die Punkbewegung ihre politischen Ziele zu verlieren schien, desto entschlossener und klarer versuchten wir, dagegenzuhalten mit Liedern wie „1000 gute Gründe“. Für unseren blöden Bandnamen, die Verweigerung, etwas Cooles anzuziehen oder Texte, die kein anderer so gesungen hätte, waren Künstler wie Billy Childish oder die Untertones aus Derry ein Leitbild.

Angeblich begriffen Sie Ihre Auftritte anfangs mehr als Performance, wie man sie auch von Bands wie den Adicts kannte. Was war Ihr Anspruch als Performer? Meine ursprüngliche Vorstellung war, dass man sich als Punks für die  Bühne nicht umzieht, das wäre ja eine Verkleidung gewesen. Es ging darum, sich in keiner Weise selbst zu erhöhen. Bei meinem ersten Konzert mit ZK stand ich also im Publikum, was zur Folge hatte, dass mich niemand sehen konnte. Es war die schlimmste Show meines Lebens. Mein Bruder war extra aus Berlin angereist und las mir anschließend die Leviten. Er meinte, wenn ich Eintritt verlange, müsse ich auch etwas liefern. Die Leute zu unterhalten sei kein Verrat an der Sache. Ich müsse auch mal witzig sein.

Das war die Kehrtwende bei ZK und fortan bin ich im Ballett-Tutu, einem Römerkostüm oder Lederhosen aufgetreten. Es war der Versuch, das Ganze in ein chaotisches Underground-Cabaret zu verwandeln. Aus diesem Extrem heraus haben wir Hosen später eine andere Prämisse entwickelt, die lautete: Von jetzt an wollen wir uns einfach nur benehmen, wie wir uns gerade fühlen. Nicht immer haben wir damit dem Wunsch des Publikums entsprochen, aber das zwischen den Stühlen sitzen ist eine Lebensform für uns geworden.

Die Toten Hosen durften nie offiziell in der DDR auftreten. Stattdessen haben Sie ab 1983 illegale Geheimkonzerte gespielt, unter anderem in der Ostberliner Hoffnungskirche. War das auch für die Hosen eine riskante Aktion? Die DDR hätte uns sicher nicht für längere Zeit ins Gefängnis gesteckt, sondern irgendwann ausgewiesen und dann ein Betretungsverbot erteilt. Es existieren mehrere Stasiakten über uns, aus denen man ersehen kann, dass sie über die Möglichkeit einer Abstrafung nachgedacht haben. Bevor es so weit kam, ist die DDR aber zusammengebrochen. Die ARD hat jetzt die sehr gut recherchierte Dokumentation „Auswärtsspiel – die Toten Hosen in Ostberlin“ produziert, die genau diese Thematik behandelt. Viele Menschen, die damals bei dem Konzert waren, hat die Stasi ausfindig gemacht.

Durch solche Underground-Aktionen wurde die ganze Szene aufgerüttelt. Ich glaube, unser Auftritt 1983 war die erste Veranstaltung dieser Art. Daraufhin haben auch andere DDR-Gemeinden versucht, ähnliches zu organisieren, und die Jugend wurde ein bisschen aufmüpfiger. Der Film beleuchtet die Konsequenzen unseres Konzertes für die Punks in der DDR. Schockierenderweise ist er durch die Geschehnisse in Russland jetzt wieder brandaktuell. Man sieht darin, was es heißt, als Jugendlicher mit individuellen Gedanken in einer Diktatur klarkommen zu müssen.

Die DDR-Punkband Planlos half bei der Vorbereitung Ihres Geheimkonzerts. Auf welche Weise wurden die Band-Mitglieder danach von der Stasi verfolgt und drangsaliert? Sie wurden alle in die Armee gesteckt und haben sich jahrelang nicht mehr gesehen. Das war letztlich das Ende der Band. Die Stasi hat auch versucht, sie zur Mitarbeit zu zwingen. An den Akten kann man sehen, dass sie sich nicht haben erweichen lassen. Es waren vier sehr ehrenwerte Jungs. Auch ihre Freundinnen haben sich nicht infiltrieren lassen. Aber dann kam die Stasi auf die Idee, die Freundin des Sängers von der Straße weg zu verhaften, als sie zusammen mit drei anderen Mädchen unterwegs war. Diese drei mussten stundenlang auf der Wache bleiben, während die Freundin des Sängers nach zehn Minuten wieder entlassen wurde. Die anderen dachten, dass sie mit der Stasi zusammenarbeiten. Daraufhin musste Sänger die Band verlassen. Erst nach dem Zusammenbruch der DDR stellte sich heraus, dass diese Geschichte ein erfolgreicher Diskreditierungsversuch seitens der Behörde war.

Zum Hören: Scheiss Ossis - Scheiss Wessis: Welche Rolle spielt Ost und West für die Jugend?

Sie haben „Willkommen in Deutschland“ neu aufgenommen. Statt „Schwachsinn“ und „Verrückte“ heißt es jetzt „Wahnsinn“ und „Nazis“. Machen die neuen Rechtsextremen Ihnen Angst? Nazis machen mir keine Angst, aber mir ist auch klar, dass dieses Thema nie vorbei sein wird. Ich fand den Begriff „Schwachsinn“ rückblickend nicht dringlich genug, weshalb ich durch die Umbezeichnungen eine Schärfe reinbringen wollte, die angebracht ist. Das Lied war damals gut gemeint, aber ein bisschen hilflos. Es hat sich im Lauf der Jahre weiterentwickelt, sodass es jetzt eine andere Schlagkraft besitzt. So wie wir es zurzeit spielen, war es immer gemeint.

Die Alternative für Deutschland ist ein rechtsextremistischer Verdachtsfall und steht neuerdings unter Beobachtung des Verfassungschutzes. Wird der amtliche Stempel „Verdachtsfall rechtsextrem“ abschreckend wirken? Ich denke schon, dass es die AfD nervt, weshalb ich eine solche Kategorisierung erst einmal als gut einordnen würde. Es ist ja  die Taktik der AfD, im gutbürgerlichen Gewand daherzukommen. Dass dann eine Instanz klarstellt, dass es darunter immer noch rechtsextrem aussieht, ist nur folgerichtig. Es macht für alle Unentschlossenen klar, auf welch eine Gruppierung man sich da einlässt. Aber es wird niemanden zum Umdenken bringen, der der AfD blind folgt.   Am 10. Juni starten die Toten Hosen im Kölner Rheinenergiestadion ihre neue Tour. Befürchten Sie, dass die ständig steigenden Energiepreise solche Großkonzerte mit der Zeit nahezu unbezahlbar machen könnten? Das weiß ich nicht, aber ich bin überzeugt davon, dass wir als Gesellschaft trotz aller schwierigen Umstände weiterhin Pläne machen und ansteuern sollten: Volksfeste, Sportturniere, Konzerte. Würden wir mit diesen ganzen Dingen warten, bis die Welt wieder in Ordnung ist, könnte es sein, dass wir diesen Tag nicht mehr erleben. Was unsere Branche angeht: Auch die Rolling Stones planen ja im Sommer nach Deutschland zu kommen. Alles deutet darauf hin, dass wir im Juni keine Beschränkungen bei Open-Air-Konzerten haben werden. Wir wollen ja alle auch, dass die Fußballstadien wieder voll werden und Menschen sich auch auf Großveranstaltungen wieder amüsieren können.   In „Das Wort zum Sonntag“ heißt es, „Ich bin noch keine sechzig. Und ich bin auch nicht nah dran“. Jetzt ist es aber bald soweit – und zwar am 22. Juni. Ist 60 für Sie eine schöne Zahl? Wir haben die Zahl in der Neuaufnahme heimlich auf 70 geändert. 60 ist kein besonders junges Alter, aber eines, das ich anzunehmen habe. All die Jahre davor waren verdammt gut. Und so stehe ich vor einer Wegkreuzung, die jeder überschreiten muss, der das Glück hat, so alt zu werden. Eigentlich wollte ich „Das Wort zum Sonntag“ zu diesem Anlass umschreiben, aber der Song bringt es alles auf den Punkt. Lieber nuschele ich als Kompromiss noch eine Sieben ins Mikrofon. 70 ist die neue 60. Schauen wir mal, wie es in fünf Jahren aussieht.   Aber an Ihrem Geburtstag bekommt der Chaot in Ihnen schon noch einmal Raum, oder? Das hoffe ich nicht, denn einen Abend später müssen wir schon wieder spielen. Aber der Chaot in mir wird sich spätestens nach dem Abschiedskonzert der Tour wieder eine Weile breitmachen. Jedenfalls hoffe ich, dass ich mich während der Konzertabende so konzentriere, dass sie mit voller Leidenschaft gespielt werden können.

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