Hamburg „Wie groß ist der Penis im Durchschnitt?“ Diese Frau kennt keine Tabus
Sexualaufklärung auf Social Media: Gianna Bacio zeigt, wie’s geht. Über 640.000 Menschen folgen der 34-Jährigen allein auf TikTok. Mit Witz vermittelt sie Wissen und plädiert für einen entspannteren Umgang mit dem Thema Sex.
Darf man mit dem Staubsauger masturbieren? Bin ich zu eng gebaut? Sollten wir nicht alle polygam leben? Sexualpädagogin Gianna Bacio spricht auf TikTok über die Themen, die zwar viele Leute interessieren, aber lieber hinter vorgehaltener Hand diskutieren.
Fast drei Millionen Mal wurde ein Video angesehen, in dem Bacio erklärt, wie ein sogenanntes Yoni-Ei in die Vagina eingeführt wird. Mit dem ei-förmigen Edelstein können Frauen ihren Beckenboden trainieren. Bacio postete das Video zu Ostern und wünschte „frohes Eiersuchen“.
Dass Gianna Bacio einmal zur sympathischen und lustigen Aufklärerin auf Social Media werden würde, hätte sie selbst nicht gedacht. „Ich war schon immer neugierig, habe früh damit angefangen, mich selbst zu erkunden und Informationen zu sammeln“, erzählt die 34-Jährige an einem Tag im Mai im Hamburger Elbpark Entenwerder. Dabei sei ihren Freundinnen ihre Offenheit oft zu viel gewesen und auch ihre Eltern seien keine Vorbilder gewesen, was den offenen Umgang mit Liebe und Sexualität anbelangt.
Bacio aber hat den Wunsch, dass die Gesellschaft entspannter mit dem Thema Sex umgeht. Zunächst wollte sie Grundschullehrerin werden, absolvierte nach dem Studium in Siegen das erste Staatsexamen, um dann im Referendariat die Reißleine zu ziehen. „Nach den Vorgaben des Lehrplans zu tanzen, hat mir die Luft abgeschnürt“, so Bacio. „Es hat sich falsch angefühlt. Wenn mich etwas auszeichnet, dann ist es Autonomie. Ich will mein Ding machen.“
Außerdem verspürte sie den Drang, vor der Kamera zu stehen. Durch Zufall lernte sie 2011 den Sexualpädagogen Jan Winter kennen, an dessen Seite sie schließlich das Youtube-Format „61minutensex“ moderierte. In nur kurzer Zeit generierte der Kanal mit Videos wie „Richtig fingern“, „Kondom überziehen“ oder „Sex im Wasser“ über eine halbe Million Abonnenten.
Eine Kooperation mit dem Online-Sexshop sorgte schließlich dafür, dass Bacio mit den Erklärvideos ihren Lebensunterhalt bestreiten konnte. Um ihre Expertise zu erweitern, begann sie ein duales Studium im Bereich Gesundheit und Prävention und ließ sich am Institut für Sexualpädagogik (ISP) zur Sexualpädagogin ausbilden.
Zwar sei es mittlerweile fast „en vogue“, offen über das Thema Sex zu sprechen, viele Menschen tun sich damit aber weiterhin schwer, meint Bacio. „Es ist ihnen unangenehm.“ Gerade deswegen möchte sie mit gutem Beispiel vorangehen, Mythen bekämpfen und Tabus brechen.
Im Jahr 2016 hat sich die Wahl-Hamburgerin, die mit ihrem Freund und dem gemeinsamen Sohn in Ochsenwerder lebt, selbstständig gemacht, seitdem Bücher über weibliche Masturbation und ein entspanntes Liebesleben geschrieben sowie einen Podcast für ein Frauenmagazin aufgenommen. Der Durchbruch auf TikTok kam dann vor etwa zwei Jahren.
„Entspannt und locker über Sex reden, das geht auf TikTok und Instagram wunderbar“, sagt Bacio, die dort schnell Follower gewonnen hat. Was auf ihren Kanälen nach einem spontanen und schnell geposteten Video aussieht, ist in der Realität viel Arbeit. Mehrere Stunden sitzt Bacio an einem Beitrag, recherchiert zu Studien und überlegt sich ein Konzept.
Ihren Erfolg erklärt sich Bacio unter anderem so, dass Sexualaufklärung an Schulen noch immer nicht gut vermittelt wird. „Dort geht es völlig lustfremd zu, es wird Vermeidungspädagogik betrieben.“ Eines der größten Komplimente, das sie für ihre Arbeit bekommen könne, sei, wenn Menschen ihr schreiben, dass es ihnen nun leichter falle, über Sex zu sprechen.
Ob Geschlechtskrankheiten, Penisgrößen, Verhütung oder Selbstbefriedigung: Die Themen gehen Bacio niemals aus - auch ihre Follower liefern ihr ständig neuen Stoff. „Fragen zu Beziehungsmodellen wie Polyamorie werden gehäuft gestellt“, sagt Bacio. Was ihr außerdem auffällt: Das Thema Unlust beschäftigt die junge Generation extrem. „Das finde ich sehr bezeichnend für unsere Gesellschaft. Sex springt uns von nahezu jeder Plakatwand entgegen, er ist überall verfügbar, aber trotzdem wird er immer weniger praktiziert.“
Der Grund liegt laut der Expertin auf der Hand: Viel Zeit am Handy und vor dem Fernseher und eine ständig auf uns einprasselnde Informationsflut sorgten für immer weniger Zeit, in der Sex überhaupt stattfinden könne. Junge Männer würden sich außerdem oft mit Erektionsproblemen an Bacio wenden. „Auch das Thema, zu früh zum Orgasmus zu kommen, begegnet mir jetzt häufiger – das hat im Laufe der Jahre zugenommen.“ Eine Erklärung sieht Bacio im vermehrten Pornokonsum.
Doch nicht nur interessierte Fragen rund um das Thema Sexualität erreichen die Sexualpädagogin. Weil sie kaum ein Thema scheut, meinen manche Menschen, Grenzen überschreiten zu dürfen. „Ich bekomme immer wieder vulgäre Nachrichten“, sagt Bacio. Auch Dickpics landen in ihrem Postfach. „Weil ich offen über Sex rede, denken Männer, das sei ein Freifahrtschein, mir sowas zu schicken.“ Derartige Nachrichten bringt Bacio sofort zur Anzeige.
Um von Social Media und ständigem Blick aufs Smartphone abzuschalten, ist Bacio am liebsten in der Natur unterwegs, spaziert mit ihrem Labrador-Mischling durch den Wald oder schwimmt ihre Bahnen im nahegelegenen See. „Wenn ich draußen bin, geht es mir gut“, sagt sie. Wie lange sie noch „die Aufklärerin“ für junge Menschen in den sozialen Netzwerken sein möchte, wisse sie nicht. „Mal sehen, wie lange ich dieses Game noch spiele.“