Solingen  Wie die erste Documenta verfolgte Künstler ausschloss

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 07.06.2022 12:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ausstellung "1929/1955 - Die erste documenta" in Solingen Foto: dpa
Ausstellung "1929/1955 - Die erste documenta" in Solingen Foto: dpa
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Welche Künstler schafften es zur ersten Documenta 1955 - und welche nicht? Documenta-Gründer Arnold Bode machte gerade um verfolgte Künstler einen weiten Bogen. Warum?

"Ich lache / Die Löcher sind die Hauptsache / An einem Sieb / Ich habe Dich so lieb": Für seine schnoddrig-zärtlichen Verse ist er berühmt: Joachim Ringelnatz. Aber wer weiß noch, dass der 1934 gestorbene Dichter auch ein talentierter Maler war? "Das ist richtig gute Malerei", sagt Jürgen Kaumkötter, Direktor des Zentrums für verfolgte Künste, über Ringelnatz´ Gemälde "Eis und Meer", das jetzt in dem Solinger Museum zu sehen ist. Arnold Bode zeigt es 1929 in Kassel im Rahmen der von ihm eingerichteten "Großen Kunstausstellung". Bode richtet auch die erste Documenta 1955 am gleichen Ort aus. Da ist Ringelnatz nicht mehr dabei. Ob das Publikum ihn nicht nur als Verseschmied, sondern auch als Maler kennen würde, wenn Documenta-Gründer Bode seine Bilder auch 1955 gezeigt hätte?

Bei dem Vergleich der beiden von Arnold Bode eingerichteten Ausstellungen geht es natürlich nicht nur um Ringelnatz. Das Solinger Zentrum für verfolgte Künstler und das Kasseler Documenta-Archiv haben die beiden Präsentationen von 1929 und 1955 miteinander verglichen, um zu untersuchen, wie die von den Nationalsozialisten unterdrückte Kunst nach 1945 wieder sichtbar gemacht worden ist - oder eben auch nicht. Das Resultat der Nachforschung kratzt nun an einem Mythos. Die unterdückte Avantgarde wieder zeigen, eine Brücke zur Kunst vor 1933 schlagen - mit diesem Versprechen trat die Documenta 1955 an. Eingelöst hat sie es nicht wirklich.

Den Beleg liefern jetzt Diagramme, die in Solingen zu sehen sind. Kaumkötter und sein Team haben akribisch Namenslisten zusammengestellt, notiert, welcher Künstler wo zu sehen waren, und Diagramme über die Geburtsjahrgänge der präsentierten Künstler erstellt. Ein Resultat sticht sofort ins Auge: Mit gerade einmal 4,7 Prozent lag der Anteil der Frauen auf der Künstlerliste der ersten Documenta beschämend niedrig. Sogar die Vergleichsausstellung von 1929 lag da etwas besser. Zweites Resultat, das eine deutliche Sprache spricht: Die Alterskurven der an den beiden Präsentationen von 1929 und 1955 beteiligten Künstler verschieben sich gegeneinander in bezeichnender Weise. Arnold Bode zeigt 1929 noch die ganz jungen Künstler, für seine erste Documenta greift er hingegen auf die älteren Jahrgänge der Avantgarde zurück. Die Künstler, die kurz vor der Machtergreifung 1933 ihre Karrieren begannen, sind nun deutlich schlechter repräsentiert.

Was sagt das alles? Die Ausstellung "1929/1955 - Die erste documenta 1955 und das Vergessen einer Künstler:innengeneration" ist ein Lehrstück zu der Frage, wie Kunst gemacht wird. Künstlerlisten formieren sich zu einem künftigen Kanon. Und der lenkt mit der Wahrnehmung auch den ökonomischen Erfolg von Künstlerkarrieren. Wer heute im Solinger Zentrum die Namenslisten nebeneinander hält, bemerkt den scharfen Kontrast sofort. Hier die Kunstgrößen wie Josef Albers, Max Pechstein oder Oskar Schlemmer, die sowohl 1929 wie auch 1955 vertreten waren, auf der anderen Seite jene Künstler, die nur 1929 dabei waren und heute vergessen sind. Wer kennt noch Bruno Krauskopf, Anton Kerschbaumer oder Emil Betzler? Und was nützt es ihnen heute, dass der seinerzeit prominente Kunstkritiker Paul Westheim von ihnen und anderen als einer "Phalanx der jungen frischen Kräfte" sprach? Richtig: nichts.

Sicher, gerade die verheerende Kunstpolitik der Nationalsozialisten hat dazu geführt, dass viele Künstlerinnen und Künstler mit ihren Werken vergessen wurden. Das Forschungsprojekt belegt noch einmal in bitterer Weise eindrucksvoll, wie folgenreich gerade die NS-Ausstellung "Entartete Kunst" 1937 in München gewirkt hat. Zur gleichen Zeit modelliert das Solinger Projekt klar heraus, über welche Definitionsmacht die Kasseler Documenta verfügt. Schon ihre erste Ausgabe hat gezeigt, wie eine Ausstellung von dieser Kraft einen ganzen Kunstkanon formen, zwischen Erfolg und Misserfolg von Künstlerkarrieren eine Scheidegrenze einziehen kann. Die Documenta macht Kunst sichtbar - oder auch nicht.

Die Solinger Schau hat ihr großes Verdienst darin, nicht nur solche Schlagseiten sichtbar zu machen, sie leuchtet auch einzelne Künstlerinnen und Künstler beispielhaft an. Dabei reicht der Bogen von dem in Auschwitz ermordeten Osnabrücker Felix Nussbaum bis hin zu der Bildhauerin Milly Steeger, die sich den Nationalsozialisten andiente und eine Büste Adolf Hitlers zu fertigen versprach. Wir sehen nun César Klein, dessen Werke die Nazis als "entartet" verhöhnten oder eben Joachim Ringelnatz mit seinen Gemälden. Eine bittere Erkenntnis bleibt: Auch die nachträgliche Präsentation wird diese und weitere Namen wohl nicht dauerhaft im Kunstkanon verankern helfen.

Das Solinger Haus ist prädestiniert dafür, solchen, gern verdrängten Verläufen der Moderne nachzuspüren und gerade auf die Schattenseite der Erfolgsgeschichten der Avantgarde zu blicken. Das Zentrum für verfolgte Künste beherbergt tausende Kunstwerke von Künstlerinnen und Künstlern einer Generation, die in der Kunstgeschichtsschreibung unter dem Signum geführt wird, verschollen zu sein. Solingen zeigt sie wieder, jene Künstler, die nicht so prominent wurden wie Josef Albers oder Max Pechstein, weil sie über Verfolgung und Exil in Vergessenheit gerieten. 30 Namen aus der Solinger Sammlung waren auch auf der Künstlerliste der Ausstellung von 1929 vertreten. Bei der ersten Documenta waren es nur noch drei. Nach Jürgen Kaumkötter kein Zufall. Nach 1945 habe man sich nicht mehr an das Schicksal der von den Nazis Verfolgten erinnern wollen, deutet der Museumschef den auffälligen Befund, der die frühe Geschichte der Documenta in ein neues Licht rückt.

Gleichwohl hat auch das Solinger Forschungsprojekt seine Leerstellen. Die Wichtigste: Die Diskussion um künstlerische Qualität wird ausgeblendet. Damit bleibt auch die Frage unberührt, welche ästhetischen Maßstäbe dazu geführt haben, dass manche Künstler eben nicht auf der Documenta gezeigt wurden. Die 1955 in Kassel präsentierten Künstler hatten es meistens verdient - und sie gehörten in vielen Fällen ebenfalls zu den von den Nationalsozialisten verfolgten oder als "entartet" diffamierten Künstlern. Das Forschungsprojekt kommt gleichwohl zur rechten Zeit und das nicht nur, weil am 18. Juni 2022 die 15. Ausgabe der Kasseler Documenta eröffnet wird. Das Forschungsprojekt passt auch in den Kontext der Enthüllungen um Werner Haftmann. Der Programmatiker der frühen Documenta-Ausgaben ist gerade erst von Historikern als Kriegsverbrecher entlarvt worden, der in Italien Gefangene malträtiert hat. Er war nicht geeignet, nach 1945 an die Leiden der Opfer der Diktaturen zu erinnern.

Solingen, Zentrum für verfolgte Künste: 1929/1955 - Die erste documenta 1955 und das Vergessen einer Künstler:innengeneration. Bis 11. September 2022. Di.-So., 10-17 Uhr. Zur Information über die Ausstellung geht es hier.

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