Osnabrück Übermaltes Meisterwerk von Holocaust-Künstler Felix Nussbaum entdeckt
Verfolgung, Exil, Holocaust: Der Osnabrücker Künstler Felix Nussbaum bannte das Leid in seinen Bildern. Aber wie hat er wirklich gearbeitet? Neue Untersuchungen zeigen es - mit sensationellen Ergebnissen.
Eine Straße wie eine Schlucht, schwarze Fahnen als Zeichen der Trauer, eine schwarze Katze, erstarrt in namenlosem Schrecken - Felix Nussbaum formte sein Gemälde "Trostlose Straße" zu einem einzigen Bild des Entsetzens und der Ausweglosigkeit. Ein Gemälde als "Zeugnis für die Seelenleiden aller gesellschaftlich Ausgestoßenen und Verfolgten": So beschrieb Kunstmäzen Hubertus Schlenke in den Nachrichten der Felix-Nussbaum-Gesellschaft 2008 die Wirkung des Motivs der schwarzen Katze auf mehreren Bildern des 1904 in Osnabrück geborenen und 1944 in Auschwitz ermordeten Künstlers. Aber wie kam Nussbaum zu solchen Bildwirkungen?
Jürgen Kaumkötter, Direktor des Zentrums für verfolgte Künste in Solingen, wollte es genauer wissen - und schob Nussbaums Gemälde "Trostlose Straße" unter den Scanner. Das bislang auf 1928 datierte Gemälde gehört als Dauerleihgabe zum Bestand des Hauses. Es spielt eine zentrale Rolle in der Ausstellung "1929/1955. Die erste documenta und das Vergessen einer Künstler:innengeneration", die noch bis zum 11. September 2022 in Solingen zu sehen sein wird. Nussbaums Gemälde ist doppelt durchleuchtet worden, einmal per Röntgengerät, zum anderen mit dem Infrarotscanner. Die Ergebnisse sind aufsehenerregend. Sie verändern das Bild des Künstlers Felix Nussbaum maßgeblich, weil sie besser verstehen lassen, wie er gearbeitet hat.
"Wir haben unter dem Gemälde ein zweites Bild gefunden", sagt Jürgen Kaumkötter und klingt dabei immer noch so aufgeregt wie jemand, der gerade einen Schatz gefunden hat. Nussbaum brachte das Bild im Sommer 1942 in das Versteck in der Brüsseler Avenue Brugman bei seinem Arzt Dr. Grosfils. Später gelangte es in den Besitz der Erbin Auguste Moses-Nussbaum, bevor es Mitte der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts über die Münchener Galerie Hasenclever in Privatbesitz verkauft wurde. Jetzt offenbart es sein wirkliches Geheimnis. Fachleute des Cologne Institute of Conservation Sciences (CICS) der Technischen Hochschule Köln durchleuchteten die Malschichten mit Röntgen- und Infrarotstrahlen. Der Knaller: Sie entdeckten ein Bild unter dem Bild.
Wer seine Konturen erkennen will, muss das ganze Gemälde drehen. Unter dem Hochformat der "Trostlosen Straße" liegt ein Querformat, das eine wahre Apokalypse zeigt. Zwei Sonnen über einer Szene des Grauens: Mauer und verdorrter Baum, skelletierte Häuser und wehrlose Menschenopfer, unten links ein Mann, der mit der Pose des Entsetzens die Hand vor sein Gesicht schlägt - ein typischer Nussbaum. Der Clou: Nach den Recherchen Jürgen Kaumkötters ist die Vorzeichnung zu diesem verdeckten Gemälde rund zehn Jahre nach jener Datierung entstanden, die bislang für die "Trostlose Straße" angenommen wird. Museumsdirektor Kaumkötter datiert dieses Meisterwerk nun auf 1939 und fügt es so der Werkfolge Nussbaums neu ein.
Alles nur eine Spitzfindigkeit für Spezialisten? Nein. Die Kölner Untersuchungen verändern nicht nur die Einschätzung eines Kunstwerkes, sie werfen auch ein neues Licht auf die Arbeitsweise und damit auf die Künstlerpersönlichkeit Felix Nussbaums. Für Jürgen Kaumkötter ist jetzt klar, dass der Maler mit seiner "Trostlosen Straße" auf die Pogromnacht vom 9. November 1938 reagiert hat. Kaumkötter erkennt auf dem Gemälde die Osnabrücker Johannisstraße. Die Zerstörungen der Synagogen, die Gewalt gegen Juden, sie trieben 1938 Nussbaums Eltern Philipp und Rahel in das Amsterdamer Exil. Die Infrarotuntersuchung zeigt nun, dass Nussbaum auf seinem Gemälde vor der schwarzen Katze zerschlagene Fensterkreuze und zersplittertes Glas dargestellt hat. Später übermalte er diese überdeutlichen Anspielungen auf die Pogromnacht.
"Felix Nussbaum hat mit diesem Bild auch mit seiner Heimatstadt Osnabrück abgerechnet und mit den Verfolgungen, die seine Eltern dort erlitten haben", resümiert Kaumkötter. Zugleich ist für ihn klar, dass Nussbaum seine Darstellung gerade dadurch zu einem allgemeingültigen Symbol für Gewalt und Verfolgung gemacht hat, dass er allzu deutliche zeitgeschichtliche Hinweise wieder tilgte. Die technischen Untersuchungen verändern aber auch noch einmal die Sicht auf Nussbaum selbst. Der Künstler der Schmerzen: So wird er im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus immer wieder inszeniert. Als Maler hat Nussbaum aber nicht einfach nur aus dem Gefühl heraus gearbeitet, sondern seine Werke sehr genau kalkuliert. Er hat korrigiert, verworfen, seine Bildideen über Jahre hinweg verfolgt und perfektioniert. Das Bild Felix Nussbaums bedarf neuerlicher Revision - weg von einseitiger Opferpsychologie, hin zur komplexen Ratio eines selbst in der Bedrängnis des Exils sehr bewusst arbeitenden Künstlers.
Solingen, Zentrum für verfolgte Künste: 1929/1955. Die erste documenta und das Vergessen einer Künstler:innengeneration. Bis 11. September 2022. Di.-So., 10-17 Uhr. Zur Information über die Ausstellung geht es hier.