Sylt Chaostage 2022: So planen linke Gruppen ihren Trip nach Sylt
9-Euro-Ticket: Während einige Spaß-Gruppen für „Chaostage“ auf Sylt nur im Netz existieren, wollen andere ihre Pläne real mach und ihre politischen Botschaften von der digitalen in die reale Welt bringen.
Die große Dosenbier-Revolution der 9-Euro-Ticket-Touristen war am Mittwoch auf Sylt ausgeblieben. Pünktlich zum Start des Billigtickets am 1. Juni hatte sich einer der größten Stimmungsmacher gegen Sylt auf Facebook verabschiedet. „Peter Biodynamisch Von Frosta“ hatte die von ihm gegründete Facebook-Gruppe „Chaostage Sylt 2022“ geschlossen.
Dort hatte er zuletzt immer wieder klassenkämpferisch dazu aufgerufen, mit dem 9-Euro-Ticket nach Sylt zu fahren und es dort „krachen“ zu lassen. „Sylt fuer alle, sonst gibts Krawalle !!! Erfrecht sich doch die Sylter Bourgeoisie eines direkten Angriffs gegen die proletarischen Massen und damit gegen uns alle !“, hieß es dort, blieb aber bei der bloßen theoretischen Ankündigung.
Andere linke Initiativen halten an ihren Zielen fest: Auf Facebook, Twitter, Telegram und Co. verabreden sich zu teils politischen Treffen – einige davon werden vermutlich groß. Den Start machten am ersten Tag des Billigtickets rund 30 Linksalternative, die sich unter dem Namen „Sylt51“ über das Kommunikationsportal Reddit zusammengefunden hatten.
Ihre Ziele machten sie auf Nachfrage unserer Redaktion am Strand vor Westerland deutlich: „In der alternativen Subkultur wird man schnell mit Vorurteilen konfrontiert: Wir wollen hier auf Konfrontationskurs gehen und zeigen: Guckt mal, so schlimm ist es gar nicht“, sagt Paul (24) aus Bielefeld, einer der Punks, der gemeinsam mit elf Freunden am Mittwoch von Nordrhein-Westfalen gestartet und am Nachmittag auf der Insel angekommen war. Mit Bier, Musik und dem Partyspiel Bier-Pong feierten sie am Mittwoch friedlich am Strand.
Ihr Ziel: Präsenz zu zeigen und nicht in eine Ecke gedrängt zu werden und - unabhängig von sexueller Orientierung, Vorlieben und Aussehen. „Wir wollen auffallen und es macht natürlich Spaß mit unserem Auftreten zu provozieren, besonders hier“, sagte Paul. Politische Aktionen seien auf Sylt aber nicht geplant.
Bei der antikapitalistischen Initiative „Aktion Sylt“ sieht das anders aus. Voraussichtlich im August planen die Beteiligten ein großes zweiwöchiges „Protestcamp gegen die Gentrifizierung und den Mietenwahnsinn auf Sylt“, schreiben sie auf Twitter. Wie Erik Uden, einer der Gründer der Initiative auf Nachfrage unserer Redaktion mitteilte, müssten zunächst noch einige Dinge organisiert werden, bevor die Aktion, die als politische Versammlung angemeldet werden soll, mit hunderten Teilnehmenden in einem legalen Rahmen stattfinden kann.
„Eingeladen sind vor allem junge Menschen und linke Gruppierungen. Es wird die Möglichkeit geben, sich vor Ort räumlich und thematisch voneinander abzugrenzen“, schreiben die Verantwortlichen auf ihrer Homepage. Übernachtet werden soll voraussichtlich in Zelten - finanziert wird das ganze aus Spenden.
Konkrete Ziele sind bei der Telegram-Gruppe „Sylt 2022“ eher schwer herauszufiltern. Die rund 1500 Mitglieder, die aus zahlreichen bundesdeutschen Großstädten stammen, teilen hier teilweise ironische Bilder und Storys zum 9-Euro-Ticket, verabreden sich aber auch in Kleingruppen für „Chaostage“ auf Sylt - einige von ihnen waren am Donnerstag nach Sylt gekommen. Wie Bilder von Dosenbier am Strand aus der Gruppe vermuten lassen. Im Vordergrund steht hier unter anderem die Kapitalismus-Kritik.
Seit Mittwoch ist das 9-Euro-Ticket gültig, es gilt bis Ende August bundesweit im Nahverkehr.