Osnabrück  Könnten Sie auch Ministerpräsidentin, Frau Hamburg?

Lars Laue
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Von Lars Laue
| 03.06.2022 01:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Formuliert im Interview eindeutige Ansprüche: Julia Willie Hamburg, Spitzenkandidatin der Grünen für die Landtagswahl in Niedersachsen am 9. Oktober. Foto: Ole Spata/dpa
Formuliert im Interview eindeutige Ansprüche: Julia Willie Hamburg, Spitzenkandidatin der Grünen für die Landtagswahl in Niedersachsen am 9. Oktober. Foto: Ole Spata/dpa
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Wieso heißt eine Frau Willie, wie machtbewusst sind die Grünen und warum ist der „Bauern-Schreck“ Christian Meyer mit im Spitzenduo? Im Interview gibt Julia Willie Hamburg, Spitzenkandidatin der Grünen für die Landtagswahl in Niedersachsen am 9. Oktober, Antworten.

Frage: Frau Hamburg, Sie heißen mit vollem Namen Julia Willie Hamburg. Wo kommt eigentlich „Willie“ her und gehört der Name zu Ihrem Vor- oder zu Ihrem Nachnamen?

Antwort: Meine Eltern hatten den Babybauch damals „Willie“ genannt und wäre ich als Junge auf die Welt gekommen, wäre das wohl auch mein Rufname geworden. Nun tragen meine Schwester und ich „Willie“ mit Stolz als zweiten Vornamen, was offiziell auch zulässig ist.

Frage: Die Grünen wollen nach der Landtagswahl am 9. Oktober raus aus der Opposition und zurück an die Regierungshebel. Sie sind Bildungspolitikerin und wollen somit vermutlich Niedersachsens neue Kultusministerin werden, oder?

Antwort: Wir Grüne wollen dieses Mal auf jeden Fall große und gewichtige Ministerien besetzen. Wir wollen Einfluss nehmen auf die zentralen Politikbereiche des Landes. Da gehört das Bildungsressort natürlich dazu, aber ich kann mich durchaus auch für andere Politikbereiche begeistern.

Frage: Und zwar?

Antwort: Ich denke da beispielsweise an das Verkehrs- und Wirtschaftsministerium. Aber auch für die Finanzen könnte ich mich begeistern, denn schließlich wird hier entschieden, wofür wir in Niedersachsen wieviel Geld ausgeben. Und warum sollte nicht auch mal das Innenministerium von den Grünen besetzt werden? Uns geht es aber in erster Linie um die Inhalte und danach schauen wir auf die Ministerien.

Frage: Christian Meyer, der männliche Teil Ihres Spitzenduos, hat sich indes bereits festgelegt und würde gern das Umweltministerium von Olaf Lies (SPD) übernehmen. Haben Sie sich da nicht richtig abgesprochen?

Antwort: Da gibt es keinen Dissens zwischen uns. Christian Meyer ist ein unfassbar profilierter Umweltexperte…

Frage: …und vielen als ehemaliger Landwirtschaftsminister noch als „Bauern-Schreck“ in Erinnerung.

Antwort: Christian Meyer kann in der Tat polarisieren und auf den Tisch hauen, aber er kann durchaus auch verbinden und weiß, dass wir nur im Bündnis mit allen gemeinsam unsere politischen Ziele erreichen. Für uns war schnell klar, dass er eine führende Rolle in unserem Wahlkampf spielen wird. Ich bin jedenfalls sehr froh, so einen erfahrenen Politiker an meiner Seite zu haben. Und niemand wird ernsthaft in Frage stellen, dass die Grünen das Umweltministerium besetzen.

Frage: Weitere profilierte Köpfe aus den Reihen der Grünen in Niedersachsen sind Anna Kebschull, Landrätin des Landkreises Osnabrück, und der Oberbürgermeister von Hannover, Belit Onay. Spielen die beiden mit Blick auf die Landtagswahl auch eine Rolle?

Antwort: Anna Kebschull und Belit Onay sind auf jeden Fall Persönlichkeiten, die wir gern im Kabinett hätten. Aber die Wählerinnen und Wähler haben die beiden gerade erst zu Hauptverwaltungsbeamten gewählt und sie haben vor Ort noch viele Aufgaben und Ziele, die sie in ihrer Amtszeit und darüber hinaus vorantreiben wollen. Daher zieht es sie nicht in die Landesregierung und sie werden aus den Kommunen weiter Einfluss nehmen.

Frage: Wer wird eigentlich Vize an der Seite von Stephan Weil (SPD) oder Bernd Althusmann (CDU) , wenn die Grünen mitregieren: Sie oder Christian Meyer?

Antwort: Wir Grüne stellen grundsätzlich Frauen nach vorne und das gilt auch in Niedersachsen. Daher kandidiere ich auch auf Listenplatz eins und Christian Meyer auf zwei.

Frage: Und wie sieht es mit dem Fraktionsvorsitz aus, sollten Sie und Herr Meyer nach der Wahl Ministerämter bekleiden?

Antwort: Wir haben viele erfahrene und profilierte Menschen in der Fraktion, die diese Funktion ausfüllen können. Das entscheiden wir mit der neuen Fraktion nach der Wahl. Ich bin mir aber sicher, dass etwa unsere Landesvorsitzende Anne Kura, die mich nach Osnabrück eingeladen hat, mit ihrer Erfahrung eine verantwortungsvolle Position in der nächsten Fraktion haben wird.

Frage: Streben die Grünen auch einen Sitz im VW-Aufsichtsrat an?

Antwort: Natürlich ist der Aufsichtsrat von VW ein zentraler Hebel, um zu gestalten. Insofern ist das eine Schlüsselfunktion, die durchaus attraktiv und für uns wichtig ist. Aber auch darüber verhandeln wir erst nach der Wahl.

Frage: Die Grünen in Nordrhein-Westfalen haben mit mehr als 18 Prozent vorgelegt. Welches Ergebnis wollen die Grünen in Niedersachsen erzielen?

Antwort: Wir wollen das stärkste Ergebnis erzielen, das wir jemals in Niedersachsen erreicht haben.

Frage: Dann wären die 13,7 Prozent aus 2013 zu toppen. Reicht Ihnen das?

Antwort: Wir liegen derzeit in Umfragen zwischen 17 und 21 Prozent. Wenn es so kommt, sind wir sehr zufrieden.

Frage: Wieso waren die Grünen eigentlich nicht so selbstbewusst und haben einen eigenen Kandidaten für das Ministerpräsidenten-Amt ins Rennen geschickt?

Antwort: Das hatte nichts mit mangelndem Selbstbewusstsein zu tun. Wenn die Wählerinnen und Wähler am Ende entscheiden, dass wir stärkste Kraft werden, scheuen wir uns nicht, das Ministerpräsidenten-Amt anzunehmen und auszufüllen. Allerdings können wir auch Umfragen lesen. Zu dem Zeitpunkt waren wir bei 16 Prozent und SPD und CDU deutlich vor uns. Stephan Weil ist da momentan nun einmal das Zugpferd und es zeichnet sich nicht ab, ihn einzuholen. Insofern war uns ein gesunder Realismus an der Stelle wichtig, aber wir beobachten die Entwicklung und scheuen uns auch nicht, ab einem bestimmten Zeitpunkt um die Ministerpräsidentschaft zu konkurrieren.

Frage: Die SPD will am liebsten wieder mit den Grünen regieren und umgekehrt. Was ist mit der CDU und wie sieht es eigentlich mit der FDP aus?

Antwort: Wir arbeiten sowohl mit der SPD als auch mit der CDU und der FDP sehr gut zusammen. Insofern schließen wir mit diesen Parteien keine Koalitionen aus. Aber klar ist auch, dass wir eine größere inhaltliche Nähe zur SPD haben. Grundsätzlich halten wir Zweier-Koalitionen für sinnvoller. Sie sind stabiler und auch in Niedersachsen nach derzeitigen Umfragen gut möglich.

Frage: Die Grünen sind – im Gegensatz zu SPD, CDU und FDP – im Landtag hart geblieben und haben dagegen gestimmt, das Verbot zur Erdgasförderung vor Borkum wieder aufzuheben. Was sagen Sie den Menschen, die befürchten, im nächsten Winter frieren zu müssen.

Antwort: Mir kommt es darauf an, zu erfahren, wie viel Gas und Flüssiggas wir tatsächlich brauchen, um unabhängig von Russland zu werden. Dann gilt es zu klären, wieviel wir über Erneuerbare ersetzen können und wieviel Gas wir dann noch für wie lange dazukaufen müssen. Klar ist jedenfalls, dass das Gasfeld vor Borkum eine viel zu geringe Relevanz in der Frage der Energieversorgung hat, weil dort schlichtweg zu wenig Gas im Boden ist. Der Eingriff steht nicht im Verhältnis zur Menge. Und natürlich werden wir nicht umhinkommen, Flüssiggas zu importieren, aber gleichzeitig müssen wir unsere Umwelt maximal schützen und eine klare Ausstiegsoption haben. Die Versorgungssicherheit ist prioritär, keiner soll frieren müssen, aber entscheidend ist auch, dass wir endlich den Turbo bei den erneuerbaren Energien starten, um so schnell wie möglich unabhängig von den fossilen Energieträgern zu werden.

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