Westerland  Sylt für 9 Euro: Auf der Suche nach der Dosenbier-Revolution

Ankea Janßen
|
Von Ankea Janßen
| 01.06.2022 18:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Noch ist genügend Platz am Strand von Westerland auf Sylt. Mit dem 9-Euro-Ticket erreichbar gilt die Nordseeinsel als beliebter denn je. Foto: Ankea Janßen
Noch ist genügend Platz am Strand von Westerland auf Sylt. Mit dem 9-Euro-Ticket erreichbar gilt die Nordseeinsel als beliebter denn je. Foto: Ankea Janßen
Artikel teilen:

Ist Sylt gewappnet für die 9-Euro-Ticket-Touristen? Im Netz machen linke Gruppierungen und Spaß-Initiativen Stimmung. Gut betuchte Anwohner haben Angst, heißt es. Aber stimmt das? Ein Tagesausflug auf die Insel für 9 Euro bringt Klarheit.

Mittwoch, 1. Juni, 12 Uhr in Westerland, der Tag, an dem Sylt doch eigentlich gestürmt werden sollte: Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, Menschen in bunten Steppjacken flanieren durch die Fußgängerzone. Der eine schiebt sein E-Bike, der nächste knabbert am Krabben-Fischbrötchen und auch am ersten Grauburgunder wird schon genippt. Von Dosenbier keine Spur!

Dabei war das doch ganz anders angekündigt - zumindest im Internet. Mit dem Start des 9-Euro-Tickets sollte sich die nördlichste und teuerste deutsche Nordseeinsel zur Partyinsel nach dem Vorbild Mallorcas wandeln. #Sylle lautet ein gern verwendeter Hashtag in Anlehnung an Malle und seinen Ballermann-Tourismus.  

In den sozialen Netzwerken war zu lesen, das St. Tropez Deutschlands müsse „von den Bonzen befreit“ werden, der Pöbel soll sich am Strand mit Dosenbier niederlassen. „Sylt in Angst vor den 9-Euro-Urlaubern“, titelte die Bild-Zeitung.

„Die Idee von Sylt muss zerstört werden“, forderte auch Isabella Wolbart, Chefin der Linksjugend Solid in der „Zeit“. Sylt stehe für das Versprechen des kapitalistischen Systems. „Wenn du hart arbeitest, kannst du hier Urlaub machen.“ Für die linke Szene sei das der „Klassenkampf in Reinform“, so Wolbart. „Champagner hier, Dosenbier dort.“

Wo aber ist sie, die linke Szene und das Dosenbier, die von heute an Sylt erobern will? Aus Meldorf (Dithmarschen) angereist sind die Schulfreunde Jan, Karsten, Bernd und Christian. Sie, alle jenseits der 60, tragen Kapitäns-Mützen und sind bester Laune. Mit dem 9-Euro-Ticket umherzureisen, erinnere an frühere Interrail-Touren. Was sie vorhaben? Vielleicht ein Fahrrad mieten und an den Strand von Wenningstedt. Nach Dosenbier-Revolution klingt das jedenfalls nicht.

Schnell ans Meer wollen auch die Studenten Kai, Torben und Tommy aus Kiel. Vorher aber noch ein Halt beim Edeka: Sangria aus dem Tetrapack und - endlich! - auch ein paar Dosenbier. „Alles 25 Prozent teurer da drin, was soll das?“, schimpft Tommy als er aus dem Geschäft kommt. Mit dem Besuch per 9-Euro-Ticket wolle man ein Zeichen setzen. „Die Insel ist für alle da.“ Ein paar Meter weiter zahlen sie brav vier Euro Kurtaxe pro Person, um die Füße endlich in den Sylter Sand zu stecken.

Keine Kritiker des kapitalistischen Systems weit und breit also. Aber angstvolle Insulaner? „So lange niemand Strandkörbe ansteckt und den Strand zumüllt, ist doch alles in Ordnung“, meint Holger Robrahn. Seit über 60 Jahren lebt der 74-Jährige auf Sylt, vermietet mehrere Ferienwohnungen. Ausgebucht seien diese im Sommer noch nicht. „Es gibt so viele Menschen, die kein Geld haben. Lasst sie alle kommen“, sagt er noch und schreitet dann in seiner Steppjacke und seinen Segler-Schuhen davon.

Norddeutsch-entspannt, dieses Westerland. Also Ortswechsel: auf nach Kampen. Hier wohnen und urlauben Prominente in teuren Reetdach-Villen. Jürgen Klopp beispielsweise oder Karl-Heinz Rummenigge. Ein Reetdach-Haus ist schöner als das andere, in den Vorgärten stehen Porsche und Bentley.  

Und wenn irgendwo die Angst umgehen muss, dann doch wohl im Hoboken-Weg – der teuersten Straße Deutschlands. Nur Millionäre und Milliardäre wohnen hier, 30 Millionen Euro bezahlte ein deutscher IT-Unternehmer für eine Reetdach-Villa, mit unterirdischen Stockwerken samt Schwimmbad.

Eine Menschengruppe steht staunend vor den Luxusbauten und lauscht dem Touristenführer. Aber weit und breit kein verängstigter Anwohner in Sicht. Und dann doch, ganz am Ende der Sackgasse bewässert eine ältere Dame ihren Garten. Ob sie Sorge vor dem Touristenansturm und krawallige Besucher durch das 9-Euro-Ticket habe? Prompt lädt die Frau, die in diesem Text nur Susanne O. genannt werden möchte, zum Gespräch auf ihr 3600 Quadratmeter großes Grundstück ein.

„Wir leiden ohnehin darunter, dass der Tourismus ansteigt“, sagt Susanne O.. Im Juli und August sei jedes Jahr „Land unter“. Die Insel verkrafte das nicht mehr. Und das galt schon vor dem 9-Euro-Ticket.

Seit 50 Jahren besitzen Susanne O. und ihr Mann, die eigentlich in Hamburg leben, ihr Feriendomizil auf Sylt. 1991 kauften sie es für drei Millionen Euro – ein Schnäppchen damals. Der Nachbar gegenüber ist der besagte deutsche IT-Unternehmer, verrät sie.

Natürlich weiß Susanne O. davon, dass „Krawallbrüder“ im Netz planen, die Insel zu stürmen und Reiche zu ärgern. Verständnis hat sie keins. „Wir haben ja auch dafür gearbeitet“, sagt sie. Und Angst? Ein bisschen „Schiss davor“ - so würde man das in Norddeutschland sagen - habe sie schon.

Na endlich. Da ist sie, die Angst vor den Billig-Touristen, die per Bahn anreisen. Wenn auch norddeutsch dosiert. Aber das 9-Euro-Ticket gilt ja auch noch einige Zeit...

Tankrabatt und 9-Euro-Ticket: Der Tag zum Nachlesen im Liveticker.

Ähnliche Artikel