Vergünstigte Bahnfahrten Neun-Euro-Ticket ist für manche Ostfriesen mehr Fluch als Segen
Im IC zwischen Bremen und Norddeich ist für gewöhnlich ein Nahverkehrsticket gültig. Doch nicht das Neun-Euro-Ticket – und für eine Gruppe ist das besonders ärgerlich.
Aurich – Jedes Mal, wenn die 19-jährige Studentin Miriam Bohlen mit der Bahn aus Flensburg in ihre Heimat nach Aurich fährt, muss sie trotz ihres Semestertickets rund 30 Euro bezahlen. Denn ihre Fahrkarte gilt nur in Schleswig-Holstein. Das Neun-Euro-Ticket soll dieses Problem für Studenten vorübergehend lösen: In den kommenden drei Monaten ist jedes Semesterticket im Nahverkehr bundesweit gültig. Doch wenn das Ziel Ostfriesland ist, stehen viele Leute vor Problemen.
Der Grund dafür: Zwischen Leipzig und Norddeich fährt ein Intercity (IC) der Deutschen Bahn. Für den Fernzug bräuchte man für gewöhnlich ein Fernverkehrsticket. Ab Bremen gilt dieser Zug jedoch als Regionalbahn (RE 56) und darf auch mit Nahverkehrstickets, zum Beispiel zum Niedersachsentarif, gefahren werden.
Internetseite der Deutschen Bahn sorgt für Verwirrung
Die Neun-Euro-Tickets, die es für die kommenden drei Monate gibt, ermöglichen Bahnreisenden, einen Monat lang im Nah- und Regionalverkehr für neun Euro zu reisen. Doch der RE 56 zwischen Bremen und Norddeich ist davon ausgeschlossen. Obwohl er für gewöhnlich in den Nahverkehrstarif fällt, müssen Neun-Euro- oder Semesterticket-Besitzer draufzahlen.
Ein Blick auf die Internetseite der Deutschen Bahn sorgt, auch bei Miriam Bohlen, für Verwirrung. Denn der RE 1, der alternativ zu dem RE 56 diese Strecke eigentlich fährt, wird bei der Suche nicht aufgelistet. Es scheint, als käme man mit dem Neun-Euro-Ticket gar nicht nach Ostfriesland. Bei jeder Verbindung ist der Hinweis „Das Neun-Euro-Ticket ist in diesem RE der DB Fernverkehr AG nicht gültig. Bitte wählen Sie eine andere Verbindung“ zu finden. Erst wenn man explizit nur den Regionalverkehr auswählt, wird auch der „übliche“ Regionalzug angezeigt. Doch auch die anderen IC-Verbindungen werden trotzdem angezeigt.
In Baden-Württemberg herrschen andere Regelungen
Studierende wie Miriam Bohlen, deren Ziel Ostfriesland ist, verärgert das. Denn theoretisch könnten sie einiges an Geld sparen. „Ich überlege, zwischen Juni und August gar nicht mehr nach Aurich zu fahren“, sagt die 19-Jährige. Denn selbst, wenn sie eine Verbindung zwischen Bremen und Norddeich finde, die sie nutzen könne, gehe sie davon aus, dass die Züge überfüllt sein würden. Schon jetzt komme es häufig vor, dass Gäste auf dem Weg an die Küsten in den Gängen stünden.
Die Option, einen anderen Zug zu nehmen und umsonst zu fahren, gibt es zwar theoretisch. Doch dann würde sich die ohnehin schon über siebenstündige Fahrt von Miriam Bohlen um weitere drei Stunden verzögern. „Und ich habe keine Lust, noch mehr Zeit an Bahnhöfen zu verbringen“, sagt die Studentin.
Ostfriesland ist kein Einzelfall
Ein Blick in andere Bundesländer verrät: So kompliziert wie in Ostfriesland müsste es nicht sein. Baden-Württemberg hat das 9-Euro-Ticket für den Abschnitt der Gäubahn zwischen Stuttgart und Singen/Konstanz bereits anerkannt. Dort herrscht dasselbe Problem: „Auf manchen Abschnitten gelten in diesen Fernverkehrszügen auch Nahverkehrstickets, auf Basis von Vereinbarungen mit den Ländern. Die Länder entscheiden, ob dies auch für das Neun-Euro-Ticket gilt“, teilt eine Sprecherin der Deutschen Bahn auf ON-Anfrage mit.
Mit anderen Ländern würden die Gespräche noch laufen, heißt es weiter. Denn Ostfriesland ist kein Einzelfall. Auf mindestens sieben Streckenabschnitten gebe es dieses Problem bundesweit, heißt es von der Deutschen Bahn.
Bis es eine Änderung gebe, sei die günstigste Möglichkeit für sie das sogenannte Jugend-Freizeit-Ticket, sagt Miriam Bohlen. Doch auch das hat einen Haken: Es ist nur bis einschließlich 20 Jahre gültig. Ihre Freunde, die älter seien, würden die Reise in die Heimat aufgrund all dieser Probleme inzwischen schon lieber mit dem Auto als mit der Bahn antreten, sagt Miriam Bohlen.