Osnabrück Anne Mette Iversen und das Ternion Quartet: Lässig und gut
Als Leiterin der Jazz-Abteilung im Institut für Musik (IfM) ist Anne Mette Iversen schon geraume Zeit im Amt. Jetzt hat sie sich im Blue Note mit einem fantastischen Konzert als Musikerin, Komponistin und Bandleaderin vorgestellt.
Die Kategorie der besten Konzerte hat keinen Ewigkeitsanspruch, sondern muss immer wieder neu justiert werden. Das Osnabrücker Blue Note hat nämlich eben einen Jazzabend erlebt, der eindeutig zu den besten in der Clubgeschichte zählt. Gespielt hat das Ternion Quartet aus Berlin.
Mit diesem Konzert hat sich Anne Mette Iversen, die neue Leiterin der Jazzabteilung im Institut für Musik der Hochschule Osnabrück (IfM) vorgestellt. Und das in mehrfacher Hinsicht: Sie ist Bandleaderin und Kontrabassistin der Formation, vor allem aber stammen die Stücke des Abends alle von ihr, was im Hinblick auf ihre Lehrtätigkeit am IfM nicht ganz unwesentlich ist. Dort unterrichtet sie nämlich Komposition und Arrangement, und für die Studierenden im Publikum war das Konzert eine Lehreinheit auf Topniveau.
Sie konnten nämlich erleben, wie Iversen den Positionen Innovation und Tradition jede Gegensätzlichkeit nimmt. Die dänische Musikerin entwickelt Themen, die ihre Zuhörer packen, ohne sich anzubiedern: komplex, rhythmisch vertrackt und gleichzeitig voller Wärme. Selten spricht zeitgenössische Jazz so umfassend Geist und Herz an.
Das gilt auch für die Entwicklung der Stücke. Iversens musikalischen Sozialisation als klassische Pianistin durchdringt die Arrangements; da werden die Melodieinstrumente mal in romantischer Innigkeit parallel geführt, oft aber entwickelt sie eine fein austarierte Polyphonie, in die sie ihre Basslinien als gleichwertiges Melodieinstrument integriert. So gestaltet sie faszinierende Portale, hinter denen sich die noch faszinierendere Welt der Improvisation öffnet.
Der Clou ist dabei die Besetzung: Auf Klavier oder Gitarre, also auf ein Harmonieinstrument verzichtet die Formation. Seit Dewey Redman und Dave Holland weiß die Jazzwelt, welche Freiheiten das ermöglicht; hier erwächst daraus die perfekte klangliche Gleichberechtigung aller vier Bandmusiker. Dabei verteilen sich die Aufgaben schon auf eine klassische Art: Schlagzeuger Roland Schneider und Iversen selbst definieren, wo es rhythmisch-harmonisch langgeht. Aber die Zuordnungen sind fließend, wie Intros und Zwischenspiele belegen: Mit dem Kontrabass als drittes Melodieinstrument entwirft die Formation eine verblüffende klangliche Vielfalt.
Die reicht von der gefühlvollen Ballade bis zum Freejazz, und das verdankt sich auch den beiden expressiven Bläsern. Posaunist Geoffroy De Masure sucht seine Töne unter der Decke und auf dem Bühnenboden, er splittet seinen Ton auf zu sogenannten „Multiphonics“, wo dann nicht einer, sondern zwei und manchmal auch drei Töne gleichzeitig erklingen. Altsaxofonistin Silke Eberhard spielt zurückgenommen lyrisch in den bluesigen Balladen und wild ausdrucksvoll, wenn sie vom Hardbop in den Freejazz vorstößt, und im Dialog mit den dunklen Tönen von Bassistin Iversen und dem knackigen Spiel von Schlagzeuger Schneider entsteht eine lässige Atmosphäre und eine Musik, in der jeder Ton fesselt. Und das erlebt man wirklich selten.