Osnabrück Tatort „Liebeswut“ aus Bremen: Ein richtig krasser Krimi
Dritter Fall für das neue Tatort-Team in Bremen. Mads Andersen (Dar Salim) ist anderweitig beschäftigt, also müssen Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) und Linda Selb (Luise Wolfram) allein klarkommen. Auf jeden Fall ist’s ein krasser Krimi.
Da fehlt doch jemand, oder? Richtig. Erst zweimal war der dänische „Game of Thrones“-Star Dar Salim als Mads Andersen und Teil des neuen Bremer Tatort-Teams zu sehen, schon nimmt er sich eine Auszeit. Hat er etwa jetzt schon von der Option Gebrauch gemacht, jederzeit wieder aussteigen zu können, wenn’s nicht mehr passt, wie er in einem Interview mit unserer Zeitung sagte? Ganz so krass kommt’s dann doch nicht.
Im wahren Leben ist der gebürtige Iraker eben ein international gefragter Schauspieler und hatte anderweitig zu tun - im Krimi ist er verdeckter Ermittler aus Kopenhagen und sitzt diesmal im Zug nach Dänemark, um einen nicht näher erläuterten Fall zu bearbeiten. Beim nächsten Mal aber, so versichert ein Sprecher von Radio Bremen auf Anfrage unserer Redaktion, soll er wieder dabei sein. Diesmal aber müssen Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) und Linda Selb (Luise Wolfram) ohne ihn auskommen.
Feuer in einem Bremer Wohnhaus der weniger komfortablen Sorte mit Bewohnern der weniger privilegierten Art. Der Brand ist längst gelöscht und die etwas sonderbare Selb enttäuscht darüber, dass sich der anonyme Anruf über einen Schuss im Haus als vermeintlicher Fehlalarm entpuppt, da findet sich hinter einer massiv abgedichteten Tür in der ausgebrannten Wohnung doch noch eine Leiche.
Die zweifache alleinerziehende Mutter Susanne Kramer (Ilona Thor) liegt in ihrem erdbeerfarbenen Hochzeitskleid im Bett, Todesursache Kopfschuss. An der Wand sind in großen Lettern wirre Sätze notiert: „Der Teufel spricht durch die Wände. Er wird sie holen. Ich kann nix mehr tun.“ In Moormann lösen das Kleid und vor allem einer der Hausbewohner traumatische Erinnerungen an ihre Kindheit aus. Sie geht von Suizid aus, Selb tippt auf Mord. Und dann sind die beiden Töchter der Toten verschwunden. Hat sie etwa der Teufel geholt?
Drehbuchautorin Martina Mouchot und Regisseurin Anne Zohra Berrached fahren ein prominent besetztes Panoptikum schräger Gestalten auf: Der groß aufspielende Aljoscha Stadelmann gibt einen ständig Eis lutschenden Hausbewohner im Feinripp-Unterhemd, Matthias Matschke den instabilen Ex-Mann der Toten und Milena Kaltenbach seine durchgeknallte neue Flamme. Dirk Martens spielt einen pädophilen Hausmeister und Ulrike Krumbiegel sowie Thomas Schendel die Großeltern der vermissten Kinder.
Anne Zohra Berrached, die vor fünf Jahren mit „Der Fall Holdt” einen der stärksten Lindholm-Tatorte überhaupt vorlegte, beschreibt ihr Personal diesmal so: „Wir haben Figuren erschaffen, die ein Leben verborgen, am Rande der Gesellschaft führen. Outcast. Außenseiter, die es im Leben nicht geschafft haben, die nach Liebe schreien und die Scham umgibt. Sie wollen nicht gesehen werden, leben im Dunkeln.”
Die Regisseurin zieht alle Register und wird ihren Ruf, ein Ausnahmetalent zu sein, mit diesem Tatort noch verstärken. Im Senderinfo sagt die 39-Jährige selbstbewusst: „Es ist mein dritter Tatort und ich habe mir vorgenommen, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, direkt, unmittelbar und laut unsere Geschichte zu erzählen. Wie in allen meinen Filmen möchte ich tief in die Seele von Menschen schauen.”
Und doch wird ihr Film nicht jedermanns Sache sein. „Liebeswut“ ist schrill, alptraumhaft, psychedelisch, die Figuren sind überzeichnet und das Ganze von einer Musik unterlegt, als spiele er in Bayreuth und nicht in Bremen. Die Regisseurin sagt, Hitchcocks Komponist Bernhard Herrmann sei Vorbild für die Musik ihres Films gewesen: „Ich wollte einen abrupten, schnörkellosen, aber bombastischen Sound aus einer anderen Zeit, der den Teufel ankündigt.”
In Sachen Realitätsnähe macht ihr Krimi mehrfach Minuspunkte. Aber wie betonen die Tatort-Macher immer wieder gerne? Sie drehen ja keine Dokumentationen. Anne Zohra Berrached formuliert es so: „Anders als bei meinen bisherigen Filmen ist mir bei diesem der Realitätsanspruch egal.” Für sie sei es „der intensivste, besonderste und in all seinen Charakteren tiefste Krimi, den ich je gemacht habe”.
Tatort: Liebeswut. Das Erste, Sonntag, 29.5., 20.15 Uhr.
Wertung: 4 von 6 Sternen