Steigender Meeresspiegel Wo endet die Nordsee, wenn’s Wasser steigt?
Der Meeresspiegel steigt. Verschiedene Szenarien sprechen von 61 Zentimetern oder 1,10 Meter. Wie wirkt sich das auf das Festland in Ostfriesland aus?
Ostfriesland - „Die Zukunft: Das Eis der Polarkappen ist geschmolzen und die Kontinente sind im Wasser verschwunden. Die Wenigen, die überlebt haben, schufen sich eine neue Welt“: Mit dieser Einleitung beginnt der post-apokalyptische Science-Fiction-Film Waterworld mit Kevin Costner von 1995. Das Szenario für den bis dahin teuersten Hollywood-Film ist rein fiktiv. Mit dem Anstieg des Meeresspiegels beschäftigen sich dennoch weltweit Forscher. Unter anderem geht es um die Frage: „Wie hoch steigt das Wasser an, wenn die antarktische Eisdecke schmilzt?“ In einer Studie von 2015 hat das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung berechnet, dass der Meeresspiegel um fast 58 Meter ansteigen würde. Die deutsche Küstenlinie würde sich bis zu 400 Kilometer landeinwärts verschieben, Berlin und Hamburg in den Fluten versenken.
Die Zahlen, mit denen der Weltklimarat arbeitet, um sich auf steigende Meeresspiegel vorzubereiten, sind nicht ganz so dramatisch. Wenn das 2-Grad-Ziel eingehalten wird, dann würde der Meeresspiegel bis zum Ende des Jahrhunderts um 0,61 Meter ansteigen. Sollten die Klimaziele nicht eingehalten werden und alles so weitergehen, wird mit einem Anstieg von 1,1 Meter bis zum Jahr 2100 gerechnet. Regionen, die tiefer liegen, werden überschwemmt.
Ohne Deiche käme die Tide weit ins Binnenland
Das würde auch große Teile von Ostfriesland betreffen. In dieser und weiteren Küstenregionen währt der Kampf gegen die Fluten schon seit Jahrhunderten, insbesondere bei Sturmfluten. Beispielsweise wurde der Ort Palmar im Rheiderland vom Dollart während so einer Katastrophe im Jahr 1287 verschlungen. Keine hundert Jahre später holte sich die Nordsee bei der zweiten Marcellusflut weitere Orte im Rheiderland. Schutz vor den Fluten bieten vor allem die Deiche. Jüngst hat Meino Kroon, Geschäftsführer des Leda-Jümme Verbandes, erklärt: Ohne Deiche würde die Tide schon jetzt weit ins Binnenland ziehen.
Der Leiter der Betriebsstelle Norden des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten und Naturschutz (NLWKN), Frank Thorenz, geht davon aus, dass bei so einem Szenario ohne den Schutz durch die Deiche rund 6500 Quadratkilometer des niedersächsischen Festlandes gefährdet wären. Andere Berechnungen gehen davon aus, dass rund 1,3 Millionen Menschen in Deutschland von der Erweiterung der Nordsee betroffen wären. In den Niederlanden wären es sogar 4,5 Millionen Menschen – das wäre fast jeder vierte Niederländer.
1000 Kilometer Deich an der Küste
Ob sich durch den Anstieg des Meeresspiegels tatsächlich auch die Küstenlinien verändern? „Nein“, sagt Frank Thorenz. Um eine Überflutung des Binnenlandes zu verhindern, würden die Deiche permanent erweitert, so der Experte. „An den Gebieten, die jetzt vor Sturmfluten geschützt sind, werden wir nichts ändern.“ Die Strategie in den Bundesländern an der Nordsee sei es, die Deiche in den nächsten Jahrzehnten weiter zu erhöhen und auszubauen. Laut NLWKN gibt es allein in Niedersachsen 610 Kilometer Deich direkt entlang der Küste. Von Ebbe und Flut beeinflusste Flüsse und Inseln mitgerechnet beträgt die Länge der Deiche mehr als 1000 Kilometer. Seit Mitte der 1950er Jahren seien umgerechnet drei Milliarden Euro investiert worden.
Die höchsten Deiche sind etwa neun Meter hoch. Bemessen werden sie nach dem zu erwartenden höchsten Hochwasser zuzüglich Wellenzuschlag und den Anforderungen für die Klimaveränderung. Dafür werden die Prognosen immer wieder überprüft. Thorenz erläutert: Bis zum Jahr 2007 sei ein Anstieg für die nächsten 100 Jahre um 25 Zentimeter prognostiziert worden. In den Jahren danach seien die Experten von 50 Zentimetern ausgegangen. „Das haben wir in großen Teilen erfüllt“, so der Leiter des NLWKN. Allerdings sei die Prognose mittlerweile überholt. Das heißt: Mittlerweile wird – zumindest wenn es um den Schutz der Küstenlinie geht – von einem Meter Anstieg bis zum Ende des Jahrhunderts ausgegangen. „Bei den Prognosen spielen verschiedene Szenarien eine Rolle“, so Thorenz weiter. Bei den Berechnungen wird von unterschiedlichen Emissionsraten von Treibhausgasen ausgegangen, die einen erheblichen Einfluss auf die globale Erwärmung haben können.
Anstieg um zwölf Zentimeter
Angestiegen ist der Meeresspiegel auch in den vergangenen Jahren. Laut der Pegeldatenbank der Bundesanstalt für Gewässerkunde ist das Tidemittelwasser auf Borkum in den Jahren zwischen 1963 und 2019 um etwa zwölf Zentimeter gestiegen. Gerechnet wird immer mit einem Durchschnittswert von mehreren Jahren. „Wenn wir ein Jahr viele Stürme haben, sind die Wasserstände höher“, erklärt er. Bei vielen Ostwinden seien sie wiederum niedriger. Um solche Witterungseinflüsse herauszufiltern, nimmt man die Mittelwerte. Damit sie auch in Zukunft den sprichwörtlich höheren Anforderungen standhalten, sollen die Küstendeiche in Niedersachsen Stück für Stück um einen Meter erhöht werden. Dann sollen die Deiche auch bei ungünstigeren Prognosen halten. Denn die Gefahr bestehe in erster Linie nicht bei normaler Tide, sondern bei Sturmfluten. Also dann, wenn das Wasser ohnehin höher als sonst steht. Für den Ausbau der Deiche werden Jahr für Jahr allein in Niedersachsen mehr als 60 Millionen Euro ausgegeben, erklärt das NLWKN auf seiner Seite.
Auch nach der Erhöhung um einen Meter soll nicht Schluss sein. Laut Thorenz sollen die Schutzwälle so gebaut werden, dass sie auch dann noch wieder um einen weiteren Meter erhöht werden können – wenn die fortgeschriebenen Prognosen das erfordern.
Ein Szenario wie in dem 90er-Jahre-Film mit Kevin Costner, in dem alle auf der Suche nach dem letzten Stück Festland sind, wird es also weiterhin höchstens im Kino geben. Denn dort, wo nun Land ist, soll es auch in hundert Jahren noch Land geben.