Melle  Der Meller Marian Brehmer über Türkei und Orient: „Wie kannst du da leben?“

Michael Hengehold
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Von Michael Hengehold
| 25.05.2022 16:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Marian Brehmer vor dem Panjschir-Tal in Afghanistan in afghanischer Kleidung, aufgenommen auf seiner Reise im Januar 2020. Foto: Privatarchiv Brehmer
Marian Brehmer vor dem Panjschir-Tal in Afghanistan in afghanischer Kleidung, aufgenommen auf seiner Reise im Januar 2020. Foto: Privatarchiv Brehmer
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Einen Orient jenseits der Klischees von brennenden US-Fahnen, Unterdrückung und Armut hat Marian Brehmer auf vielen Reisen kennengelernt. Nun hat er ein Buch geschrieben, in dem er aufzeigen möchte, dass es dort einen kulturellen Schatz zu heben gibt.

In Osnabrück geboren, in Melle aufgewachsen, hat Marian Brehmer viel von der Welt gesehen. Inzwischen lebt der Journalist in Istanbul. Aus „Der Schatz unter den Ruinen. Meine Reisen mit Rumi zu den Quellen der Weisheit“ liest er am Samstag, 28. Mai, in der Pauluskirche in Melle, am Donnerstag, 9. Juni, im Renaissancesaal des Ledenhofs in Osnabrück. Beide Veranstaltungen beginnen um 19 Uhr.

Frage: Herr Brehmer, Sie sind ein reisefreudiger Typ, Sie schauen sich offenbar gerne die Welt an ...

Antwort: Mit vier Jahren war ich das erste Mal in Indien, da wurde meine Neugier für östliche Kulturen geweckt. Länder im Nahen und Mittleren Osten sorgen bei uns eher für Negativschlagzeilen, immer nur Krisen und Kriege. Gerade beim Iran geht es immer nur um die Atomdebatte oder die - in Anführungszeichen - verrückten Mullahs und das Regime. Diese Realität existiert natürlich. Aber ich habe ein ganz anderes Land kennengelernt. Das hat mich hinterfragen lassen, inwieweit unser Bild von diesen Ländern stimmt oder ob wir da nicht einen großen Teil ausblenden, auch bewusst. Afghanistan ist sehr in Mitleidenschaft gezogen. Aber es gibt eine sehr reiche Kultur. Die Menschen haben sich trotz aller Gewalt, trotz allen Leids einen Optimismus, eine gute Ausstrahlung, eine Gastfreundschaft bewahrt.

Frage: Wie nehmen Sie die Berichterstattung im Westen wahr? Ist die nur sehr verengt oder auch falsch?

Antwort: Das fängt schon beim Ausdruck „Islamische Welt” an. Man hat immer den Eindruck, das sind alles Araber und im Mittelalter steckengeblieben. Aber es handelt sich um ganz verschiedene Kulturen. Die islamische Welt beginnt in Marokko und zieht sich rüber nach Ägypten. Dann haben wir Saudi Arabien, Dubai, Oman, Jemen. Die Türkei, der Balkan. Persien - eine ganz andere Kultur. Afghanistan, Pakistan. Tadschikistan, Usbekistan, Malaysia und Indonesien. Da gibt es riesige Unterschiede. Anders herum berichten türkische Medien von Pegida-Aufmärschen und da werde ich plötzlich von türkischen Freunden gefragt: Ist es noch sicher, nach Deutschland zu reisen? Das ist das Bild, das die Leute haben und genau so ist es auch, wenn man aus dem Westen auf den Iran schaut.

Frage: Welche Klischees oder Vorurteile sind die hartnäckigsten?

Antwort: Das vom unterdrückerischen und politischen Islam. Natürlich gibt es Betonköpfe, aber da nimmt man die wahr, die am lautesten schreien. In Kabul gab es bis 2020 eine sehr dynamische Studentenszene. Im Iran ist der Frauenanteil an den Unis höher als jener der Männer. Im Iran wurde ich oft von wildfremden Menschen zum Abendessen eingeladen. So habe ich es immer mehr als Unrecht empfunden, wenn wir diese Kulturen immer nur negativ bewerten und daraus entstand mein Wunsch, etwas anderes zu berichten.

Frage: Welche Reaktion erfahren Sie, wenn die Menschen feststellen, dass Sie tief in ihre Kultur eintauchen? Da kommt ein Alman und interessiert sich für Rumi ...

Antwort: Das löst Begeisterung aus, vor allem, weil ich Persisch spreche. Ich habe tatsächlich inzwischen den Akzent so gut drauf, dass manche denken, ich komme irgendwo vom Dorf im Westiran. Wenn ich dann auch noch einen Gedichtvers von Rumi rezitieren kann, ist das der Hammer, dann öffnen sich alle Türen. Rumi war ein Mystiker. Wir haben auch im Christentum Mystiker gehabt. Meister Eckhart und Hildegard von Bingen zum Beispiel, die im Mittelalter zur Zeit Rumis gelebt haben. Es geht um die Fragen nach dem Sinn des Lebens. Wer bin ich? Warum bin ich hier?

Frage: Wie stark ist der Einfluss der westlichen Kultur im Orient zu spüren?

Antwort: Was rüberkommt aus dem Westen, Hollywoodfilme, Essen oder Popmusik, hat einen großen Einfluss auf die Jugend, sodass viele ihre Wurzeln vergessen. Diese ganze Popkultur aus Amerika hat auch einen sehr destruktiven Effekt. Viele Menschen fühlen sich mit ihrer eigenen Kultur unterlegen und denken, alles was aus dem Westen kommt, ist nachahmenswert. Dass sie in der Vergangenheit steckengeblieben seien. Das ist eine Art Minderwertigkeitskomplex. Gastfreundschaft, Menschlichkeit, Spiritualität, das sind Schätze, die nicht ganz so flashy sind, aber da können wir noch was lernen. Wer würde in einer deutschen Fußgängerzone auf einen iranischen Touristen zugehen und ihn zum Essen einladen?

Frage: Was bedeutet der Titel Ihres Buches, “Der Schatz unter den Ruinen”?

Antwort: Tatsächlich liegt vieles in diesen Ländern in Ruinen. Aber darunter liegt ein Schatz. Ich habe mich oft als Schatzsucher empfunden. Als jemand, der gucken möchte, was noch von dieser Hochkultur übrig ist, die im Mittelalter existiert hat.

Frage: Ist es eine Reisebeschreibung?

Antwort: Es gibt drei Ebenen. Die Lebensgeschichte von Rumi. Verwoben damit sind meine Reisen auf seinen Spuren. Die letzten zwei Kapitel spielen in der Türkei, wo sein Grab ist. Da geht es auch um meine eigene spirituelle Suche.

Frage: Wenn Sie in Deutschland sind, müssen Sie dann ständig erklären, warum Sie in Erdogan-Land leben und wie schrecklich es dort ist?

Antwort: Das sind immer so die Fragen. Wie kannst du da leben? Ist es da sicher? Ich will das gar nicht schönreden. Natürlich gibt es unter dieser Regierung immer wieder Gängelung der Meinungsfreiheit, Journalisten im Knast. Aber es gibt auch einen ganz großen anderen Teil der türkischen Gesellschaft. Ich habe mich nie unsicher gefühlt, werde immer positiv aufgenommen.

Frage: Lesungen können sehr unterschiedlich ausfallen - was planen Sie?

Antwort: Es wird eine Mischung aus Lesung und freiem Vortrag. Ich werde auch Bilder zeigen. Eventuell, aber das halte ich noch offen, werde ich etwas auf der persischen Laute spielen, der Setar. Das hängt davon ab, ob ich noch zum Proben komme.

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