Osnabrück  „Habe mich selbst gehasst“: So schlimm wurde Jasmin in der Schule gemobbt

Stefanie Witte
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Von Stefanie Witte
| 23.05.2022 08:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Irgendwann habe sie nur noch geweint und gegessen, erzählt Jasmin. Foto: Symbolbild: Andreas Weihs/imago images
Irgendwann habe sie nur noch geweint und gegessen, erzählt Jasmin. Foto: Symbolbild: Andreas Weihs/imago images
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Jeder sechste Schüler wird laut einer OECD-Studie gemobbt. Auch Jasmin wurde angefeindet und ausgegrenzt. Ihre Lehrerinnen machten alles noch schlimmer.

Wenn Jasmin davon erzählt, was ihr ihre ehemaligen Mitschüler angetan haben, wirkt sie ruhig und abgeklärt. Dabei kann das, was sie erlebt hat, dazu führen, dass sich Schüler selbst hassen, verletzen oder sogar nicht mehr leben wollen.

Da war zum Beispiel die Gruppe von Mädchen, die sie in der Schule einkesselte und mit Fragen bombardierte: “Benutzt du Pickelcreme?”, “Willst du ein Hobby?”, “Wie kämmst du dich?”. Im Schwimmunterricht warfen ihr Mitschülerinnen vor, sie zu belästigen, blafften sie an: “Warum stehst du hier?”. Im Klassenraum warf jemand ihre Tasche auf die Fensterbank mit den Worten “Du nervst voll.” Auf dem Flur brüllte ihr jemand hinterher: “Stirb doch.”

Mehr als einmal, so erinnert sich Jasmin, flieht sie weinend aus dem Unterricht, weil sie den Druck nicht mehr aushält. Niemand folgt ihr, um sie zu trösten.

In der fünften und sechsten Klasse war das. Heute ist Jasmin 18 Jahre alt und hat nicht nur aufgearbeitet, was ihr passiert ist – sie will auch darüber sprechen und andere warnen, nicht in dieselben Fallen zu tappen wie sie selbst.

Laut Statistik geht es bei Mobbing in der Schule am häufigsten um Spott, Gerüchte und Ausgrenzung – all das hat Jasmin erlebt. Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wird jeder sechste Schüler zum Opfer. Experten sagen, es könne grundsätzlich jeden treffen. Aber – das ist das Perfide – die Betroffenen gehen häufig davon aus, sie seien selbst daran schuld, dass sie Gewalt erfahren.

Bei Jasmin beginnt alles mit einem Nachbarsmädchen, das sie offenbar nicht mag. Es erzählt in der Schule, Jasmins Mutter habe die Tochter fest im Griff, würde sie überbehüten. Jasmin gerät ins Zentrum der Gerüchteküche. Dazu kommt, so beschreibt es die Schülerin: “Ich war anders als die anderen, nicht so perfekt. Die Mädchen auf dem Gymnasium waren blond, haben Querflöte gespielt und Markensachen getragen. Ich habe da nicht so reingepasst.”

Jasmin hat braune Haare und dunkle Augen, spricht sehr präzise, ruhig, eloquent. Damals sei sie etwas pummeliger gewesen, sagt sie. “Meine Noten waren ganz gut, aber das wurde auch gegen mich verwendet. Wenn ich mal Sport nicht mitgemacht habe, hieß es: Ich dachte, du wolltest immer so gute Noten haben.”

Die Fünftklässlerin sucht die Schuld bei sich. “Ich dachte, das liegt alles an mir”, sagt sie. “Ich fand mich hässlich, dick, und habe mich selbst gehasst.” Je länger der Druck in der Schule anhält, desto unsicherer wird sie. “Ich habe mich einsam gefühlt”, erinnert sich Jasmin. Sie habe in dieser Zeit viel geweint und viel gegessen.

Immer wieder fehlt sie in der Schule – auch das ist typisch für Mobbing. Ihre größte Angst: “Irgendwann steht die Polizei vor der Tür und zerrt mich in die Schule.” Jasmin streitet heftig mit ihren Eltern. Ihr Vater kann die ganze Sache nicht nachvollziehen. Er begreift nicht, dass seine Tochter nicht einfach mit den anderen Kindern spielt. Ihre Mutter versteht besser, was Jasmin durchmacht. Sie hat selbst Ausgrenzung erfahren. Gleichzeitig aber haben die Eltern Angst um die Zukunft ihres Kindes, fürchten, dass Jasmin in der Schule scheitern könnte.

Die Familie wendet sich an Jasmins Klassenlehrerin. Die übergibt zunächst an eine Vertrauenslehrerin, die für solche Fälle geschult sein sollte. Mit ihr sitzt Jasmin in einem leeren Klassenraum, erzählt von ihren Problemen. Die Lehrerin habe zugehört, dann aber gefragt, ob es Probleme zu Hause gebe, erzählt Jasmin. Die Gerüchte, die das Nachbarsmädchen gestreut hatte, schafften es bis ins Lehrerzimmer.

Die Vertrauenslehrerin hält daran fest, dass die Probleme vor allem an Jasmin selbst lägen, empfiehlt ihr, offener zu sein. Schließlich wird ein Klassenkamerad beauftragt, zu kontrollieren, ob es unter den Schülern Probleme gibt. Die Mitschülerinnen konfrontieren Jasmin daraufhin, werfen ihr vor: “Wenn du was hast, musst du das auch sagen.”

Auch die Klassenlehrerin schaltet sich noch einmal ein und setzt eine andere Schülerin unter Druck, Namen von Tätern zu nennen. Es kommt zu einem Konfrontationsgespräch – ein Ansatz, der eigentlich von Forschung und Praxis längst überholt ist. Für viel zielführender halten Experten heute den sogenannten “No-blame-approach”, bei dem Pädagogen auf Schuldzuweisungen und Strafen verzichten. Stattdessen geht es darum, spürbare Verbesserungen für die Opfer herbeizuführen.

Jasmins Klassenlehrerin bestellt dagegen die mutmaßlichen Täter auf der Liste und Jasmin zum Gespräch ein und besteht darauf, über konkrete Vorwürfe zu sprechen. Die Beschuldigten streiten ab, einzelne Sätze oder Wörter gesagt oder gemeint zu haben.

Sie hätte sich wenigstens eine richtige Freundin gewünscht, sagt Jasmin heute über diese Zeit. Oder mindestens mehr Verständnis von ihrer Lehrerin.

Irgendwann kann sie nicht mehr. “Ich war dann zwei Wochen lang gar nicht in der Schule. Ich habe es nicht mehr geschafft, mich dem zu stellen.” Ihre Eltern ziehen die Notbremse, lassen ihre Tochter schließlich die Schule wechseln.

Damit entkommt Jasmin zwar der akuten Mobbinghölle. Aber die Gerüchte verfolgen sie bis in die neue Schule. Jugendliche beider Schulen sind miteinander befreundet. Schnell machen die gleichen Gerüchte die Runde. “Ich war die Neue und die Schüler haben lieber ihren Freunden geglaubt, als Kontakt zu mir zu suchen”, sagt Jasmin. Doch sie beißt sich durch, wendet sich ab der neunten Klasse an eine Therapeutin, nimmt ab, und sucht immer wieder Kontakt zu Mitschülern. Heute, so sagt sie, habe sie eine feste Freundesclique, fühle sich nicht mehr einsam.

Die 18-Jährige ist pragmatisch. Man werde in der Schule mit Menschen zusammengeworfen, die man sich nicht aussuchen könne, stellt sie nüchtern fest. Mobbingopfern rät sie eindringlich, nicht daran zu glauben, dass mit ihnen selbst etwas nicht stimme. Und wenn jemand keinen Ausweg finde, empfiehlt Jasmin, könne es besser sein, sich an einen Therapeuten zu wenden als an Lehrer. Die könnten das Ganze nur verschlimmern.

Tatsächlich kommt es immer darauf an, wie professionell die Pädagogen arbeiten. An manchen Schulen sind etwa Schulsozialarbeiter für genau solche Fälle geschult und können dabei unterstützen, das kaputte Gefüge in einer Klasse zu reparieren. Vielfach versuchen Schulen mittlerweile, Mobbing gar nicht erst entstehen zu lassen, bieten Workshops an, versuchen Kinder und Jugendliche zu sensibilisieren.

In Jasmins Fall lud die Schule zum Abschlussgespräch vor dem Schulwechsel dann nicht nur die Schülerin und ihre Mutter ein, sondern auch das Jugendamt. “Es geht dir doch zu Hause so schlecht”, habe eine der Lehrerinnen gesagt. Vor ihrer Mutter und den Jugendamtsmitarbeitern habe man sie gefragt, ob sie nicht Probleme mit ihren Eltern habe. Auch Drohungen bleiben hängen. Jasmin erinnert sich an Sätze der Lehrerinnen wie: “Wenn du jetzt gehst, wirst du noch tiefer fallen.” Oder: “Du läufst vor deinen Problemen nur davon.”

Die 18-Jährige macht in diesem Jahr ihr Fachabitur. Ab August will sie ein Freiwilliges Soziales Jahr beginnen.

Und wie arbeitet eine Schule einen solchen Fall auf, bei dem am Ende wie so oft nicht Täter Konsequenzen tragen, sondern das Opfer die Schule verlassen muss? An einen Satz des Direktors aus dem Abschlussgespräch erinnert sich Jasmin heute noch lebhaft: “Mobbing gibt es bei uns nicht.”

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