ON-Umfrage zum Nahverkehr Ist das Neun-Euro-Ticket der falsche Ansatz?
Nicht alle sechs Befragten in der Auricher Innenstadt sind von der Aktion begeistert. Sie finden, bevor die Preise gesenkt werden, muss etwas anderes passieren.
Aurich - Für neun Euro einen ganzen Monat lang im öffentlichen Nah- und Regionalverkehr unterwegs sein – das soll ab dem ersten Juni bis Ende August in ganz Deutschland zur Realität werden. Das hat die Regierung beschlossen, um die Bürger bei steigenden Spritpreisen zu entlasten und den Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn zu erleichtern. Die sechs von den ON befragten Passanten in der Auricher Innenstadt bezweifeln, dass das der richtige Weg ist.
„Die hätten das mit dem Neun-Euro-Ticket besser sein lassen können“, sagt Udo Schumacher aus dem Kölner Umland. Und das, obwohl er den öffentlichen Nahverkehr gerne häufiger nutzen würde. Die Bus- und Bahnhöfe seien dafür zu weit von seinem Wohnort entfernt. „Der Nahverkehr ist einfach unattraktiv. Man muss die Leute wortwörtlich abholen“, sagt Udo Schumacher. Den Nahverkehr auszubauen sei wichtiger, als ihn mit einem Rabatt attraktiver zu machen. Er ist überzeugt davon, dass Pendler nun sauer werden. Denn es ist damit zu rechnen, dass die Bahnen und Busse ab dem kommenden Monat überfüllt sein werden.
Spärliches Angebot in Ostfriesland
Das ist für Verena Hagena aus Tannenhausen der Grund, warum sie das Angebot nicht nutzen will. Gerade mit einem kleinen Kind sei es eigentlich angenehm, längere Strecken mit der Bahn zu fahren. Wenn es dort so voll werde, sei das jedoch stressiger, als mit dem Auto unterwegs zu sein. „Der Gedanke ist noch nicht ganz durchdacht“, sagt die 31-Jährige. Das Ticket zu kaufen, um in Aurich auf das Auto zu verzichten, kommt für sie nicht infrage. Es gebe zu wenige Verbindungen. „Hier ist das Angebot wirklich sehr schlecht. Aber es ist ja in ganz Ostfriesland eher spärlich“, sagt sie. Um den gestiegenen Spritpreisen zu entgehen, fährt sie nun häufiger mit dem Rad. Sie selbst stört das nicht. „Für meine Mutter, die nicht mehr ganz so mobil ist, wäre es allerdings wichtig, dass der Busverkehr in Aurich ausgebaut wird“, sagt sie.
Annetje Schless aus Aurich steht dem Nahverkehr in Ostfriesland nicht so negativ gegenüber. „Als ich vor 40 Jahren von der Niederlande nach Deutschland gezogen bin, war ich entsetzt, wie schlecht die Verbindungen hier sind. Aber es hat sich schon einiges verbessert“, sagt sie. In ihrer Heimat sei das schon damals besser gewesen – auch in ländlichen Gegenden. Innerhalb von Aurich sei sie nun fast immer mit dem Rad unterwegs. Für weitere Strecken, wie zum Beispiel nach Oldenburg, wolle sie sich das Neun-Euro-Ticket jedoch auf jeden Fall zulegen. Sie findet es schade, dass die vergünstigte Fahrkarte nur in Regionalzügen gilt. Denn auch bei Reisen in ihre Heimat, in den Süden der Niederlande, würde sie gern auf das Auto verzichten. „Mit dem Regionalverkehr wäre das eine Weltreise mit vielen Umstiegen. So bringt mir das leider nichts“, sagt die 67-Jährige.
Für Familien lohnt sich der Rabatt
Christiane Hain aus Castrop-Rauxel bei Dortmund hält das Neun-Euro-Ticket für eine gute Idee. „Vor allem für Familien ist das eine super Sache. Und dann auch noch in den Ferien“, sagt die 56-Jährige. Mit mehreren Kindern könne eine Bahnreise schnell teuer werden. Auch sie wolle sich für die Wochenenden das Ticket kaufen. Dann könne sie Ausflüge mit ihren Enkeln machen. Für ihren Arbeitsweg lohne es sich allerdings nicht, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. Während sie mit dem Auto nur 15 Minuten unterwegs sei, dauere es mit Bus und Bahn eineinhalb Stunden.
Marlen Grabein aus Staßfurt findet gut, dass es Angebote gibt, um die Kosten für die Bürger zu minimieren. Sie glaubt aber, dass es mehr bringen würde, die Spritpreise zu senken. Das Neun-Euro-Ticket helfe vor allem Leuten, die in der Großstadt leben. Sie könne sich vorstellen, es dort zu nutzen, um zum Beispiel einen Tag mit der Straßenbahn zu fahren. Bei weiteren Strecken bleibe sie lieber beim Auto, um flexibel zu sein, sagt die 34-Jährige.
Anni Fleßner aus Rahe leidet unter den steigenden Spritpreisen noch nicht so sehr, dass sie auf den Bus umsteigen würde. Das meiste könne sie mit dem Fahrrad erledigen, sagt die 78-Jährige. Für weitere Strecken teile sie sich ein Auto mit ihrem Mann. Noch braucht sie das Neun-Euro-Ticket also nicht. Irgendwann seien sie vielleicht nicht mehr so mobil. Dann würden sie und ihr Mann vom Auto auf den Bus umsteigen. „Solange wir fit sind, fahren wir Fahrrad. Und ich hoffe, dass das noch eine ganze Zeit so bleibt“, sagt sie.