Osnabrück So rechnete der Richter mit Hendrik Holt, Politik und Windkraftbranche ab
In einem der unglaublichsten Betrugsfälle der zurückliegenden Jahre ist nun Recht gesprochen worden. Nach Abschluss des sogenannten Windkraftprozess müssen Hendrik Holt und seine Mitstreiter für lange Zeit ins Gefängnis, weil sie Windparkprojekte erfanden und die Rechte daran für Millionenbeträge verkauften.
Hendrik Holt erschien gut gelaunt, in Handschellen und mit Einstecktuch im Jackett, die Haare nach hinten gegelt. Der 32-Jährige scherzte mit seinen Anwälten, lachte in die Kameras. Ob man ihn unkenntlich machen müsse auf Fotos, wollte einer der zahlreichen Pressefotografen von ihm wissen. Ein sonst übliches Vorgehen bei Berichten aus dem Gericht. Nein, nicht notwendig. Bei seinem letzten großen öffentlichen Auftritt für lange Zeit sollte jeder den Emsländer sehen und erkennen können.
Video: Stimmen zum Urteil im Holt-Prozess
Für sieben Jahre und sechs Monate wird Hendrik Holt wenig später von der Wirtschaftsstrafkammer am Landgericht Osnabrück verurteilt. Sein deutlich älterer Geschäftspartner Heinz L., genannt Opi, muss für sieben Jahre hinter Gitter. Holts Bruder, seine Mutter und eine Schwester werden zu Gefängnisstrafen zwischen drei Jahren und drei Jahren und sieben Monaten verurteilt. Alle fünf nehmen die Urteile regungslos zur Kenntnis.
Zweifel an ihrer Schuld bestand nach den Geständnissen der Angeklagten und den gut 30 Verhandlungstagen ohnehin nicht mehr. Nach Überzeugung der Kammer hat sich das Quintett mit Wurzeln im beschaulichen Emsland des gewerbs- und bandenmäßigen Betruges schuldig gemacht. So ist die juristisch-korrekte Bezeichnung für das, was die Holts und L. im Windkraftsektor gemacht haben.
Oder konkreter: Die Holt-Gruppe erfand auf dem Papier Windkraftprojekte und verkaufte dann Rechte an den Fantasiegebilden an internationale Energiekonzerne: CEZ aus Tschechien, Enel aus Italien und SSE aus Schottland waren die Geschädigten. Also große Konzerne, denen die Holts mit “Abgebrühtheit und Kaltschnäuzigkeit” gegenüber getreten sind, wie es der Vorsitzende Richter Norbert Carstensen in seiner Urteilsbegründung formulierte.
Die Konzerne überwiesen nichtsahnend insgesamt rund zehn Millionen Euro für die Holt’schen Luftschlösser. Und wären Staatsanwaltschaft und Polizei im April 2020 nicht dazwischen gegangen und hätten Holt im Berliner Luxushotel Adlon verhaftet, wäre das Geschäft genau so weitergegangen. Der Verkauf eines weiteren Projektpakets für einen dreistelligen Millionenbetrag stand im Raum - für einen Berg gefälschter Unterlagen.
Das sind die Windparks des vermeintlich letzten großen Deals, des „Project Munich“:
Die Angeklagten könnten sich glücklich schätzen, dass es so weit nicht kam, sagte Richter Carstensen. Dann wäre die Strafe am Donnerstag vielleicht höher ausgefallen. Carstensen lobte die akribische Arbeit der Osnabrücker Ermittler um Staatsanwalt Nils Leimbrock.
Eine einzelne Anzeige einer Kommunalbeamtin aus dem Landkreis Cloppenburg hatte die Ermittlungen ausgelöst. Sie war auf eine gefakte Unterschrift von sich gestoßen, die aus der Feder der Holts stammte.
Polizei und Staatsanwaltschaft entdeckten am Ende weit mehr als 1000 Fälschungen. Sie entstanden auf Sylt und in Beirut. Die Holts manipulierten mit hohem Aufwand die Unterlagen. Die Fälscherwerkstatt mit Lichtbrettern und 3D-Druckern zum Erstellen pseudo-amtlicher Stempel betrieben sie in Sichtweite der Staatsanwaltschaft. Und selbst Tote machten laut später sichergestellter Unterlagen Geschäfte mit der Unternehmensgruppe aus dem Emsland.
Aber niemandem fiel das auf, trotz teils “dilettantischer Fälschungen”, so Carstensen. Und trotz teurer Anwaltskanzleien, die die Holt-Erfindungen für die Energiekonzerne prüften, nichts fanden und dann hohe Rechnungen stellten. Dabei hätte ein Anruf bei einem Grundstücksbesitzer ausgereicht, um die Lügen auffliegen zu lassen..
In seiner Urteilsbegründung zitierte Carstensen aus einer Einlassung Hendrik Holts vor Gericht: Die Holt-Gruppe habe dem Markt das gegeben, was der Markt verlangt habe. “Nicht mehr und nicht weniger.” Der Richter verurteilte in seinen Ausführungen nicht nur das Handeln der Holts, er rechnete auch ab mit einem Ökosystem, in dem der Betrug in dieser Dimension überhaupt erst gedeihen konnte
Neben der Gier der Konzerne und der Nachlässigkeit ihrer hochdotierten Prüfer führte Carstensen auch einen Notar an, der nicht dazwischen ging, als Holt’sche Firmen offenbar beerdigt werden sollten, um Spuren zu verwischen. Die GmbHs verwalteten die wertlosen Windkraftprojekte. Der Familienname verschwand im Handelsregister aus dem Unternehmensnamen, dafür tauchten Firmen mit Namen wie RUPR auf - wohl ein Akronym für “Rutsch uns den Puckel runter”.
Aber Carstensen nannte auch die Politik; Holt traf Bundestagsabgeordnete, speiste und trank mit ihnen in seiner Suite im Adlon und versuchte über einen eigens angeheuerten Cheflobbyisten dem damaligen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Desinfektionsmittel anzudrehen. Das Geschäft kam nicht zustande, aber die Gesamtumstände, so Richter Carstensen, seien geeignet, den Glauben in Rechtsstaat und gewählte Volksvertreter zu erschüttern.
Im Prozess selbst war das ein Nebenstrang. Am Ende, so Carstensen, sei es für seine Kammer lediglich um die Schuldfrage und die Bestrafung der Angeklagten gegangen. Mit den Urteilen blieb die Kammer leicht unter den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Vertreter Nils Leimbrock nannte die Strafen dennoch im Anschluss “tat- und schuldangemessen”.
Ob die Verteidiger der Holts und L.s Rechtsmittel einlegen, blieb am Donnerstag zunächst offen. Zumindest die Verteidigung von Holts Schwester hatte auf eine Bewährungsstrafe plädiert. Daraus wurde nun nichts. Bei Rechtsmitteln müsste sich der Bundesgerichtshof noch einmal mit den unglaublichen Geschäften des Hendrik Holt befassen.
In dessen Gesamtstrafe flossen auch zwei Strafbefehle des Amtsgerichtes Meppen ein: Das hatte ihn zum einen verurteilt, weil er sich phasenweise mit einem falschen Doktortitel schmückte, wohl um seine Geschäftspartner zu blenden. Und zum anderen, weil er den Botschafter von Simbabwe in Berlin bestochen hat, um an einen Diplomatenstatus zu gelangen. Holt erhoffte sich Immunität vor den Strafverfolgern in Deutschland - ein Irrglaube.
Jetzt muss er für mehrere Jahre hinter Gitter. Offenbar hält das den 32-Jährigen aber nicht davon ab, weiter Pläne zu schmieden. Im Hintergrund, so heißt es, wird daran gearbeitet, wie doch noch Profit aus dem Betrug geschlagen werden kann - etwa durch eine Verfilmung der Geschichte des einstigen Windkraft-Wunderkindes, das doch nur ein Hochstapler war.