Berlin  Böser Mann, lustvoll unterworfene Frau: Das gefährliche Rollenbild in Liebesfilmen

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 12.05.2022 13:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
„Shades of Grey“, „365 Tage“ oder „Twilight“: Diese Filme eint ein fragwürdiges Frauen- und Männerbild. Foto: Collage: imago images,/Cinema Publishers Collection, Netflix, dpa/Concorde
„Shades of Grey“, „365 Tage“ oder „Twilight“: Diese Filme eint ein fragwürdiges Frauen- und Männerbild. Foto: Collage: imago images,/Cinema Publishers Collection, Netflix, dpa/Concorde
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Der Mann als abgründiges Faszinosum, die Frau als lustvoll Unterworfene: Warum bleiben Millennials dieser Geschichte so treu - von „Twilight“ über „50 Shades of Grey“ bis hin zu „365 Tage“?

Wer Anfang der 90er als Mädchen auf die Welt kam, wurde in der Pubertät von Stephenie Meyers „Twilight“-Saga (2005-2008) kalt erwischt. Die dunkle Romanze konfrontiert die Schülerin Bella Swan mit dem Vampir Edward – und mit seiner zerstörerischen Sexualität. Wer alle vier Bände durchhatte, konnte gleich auf Anschluss weiterlesen: Kurz nach Meyers Finale kam „Shades of Grey“ (2011/12) auf den Markt. E. L. James‘ Trilogie schildert erneut eine dunkle Erotik; und wie das Publikum war auch die Identifikationsfigur ein bisschen älter geworden. Diesmal ging es um eine Studentin, die einen superreichen SM-Fan liebt. Die inhaltliche Nähe war kein Zufall: E. L. James hatte ihr Werk ursprünglich als Fan-Fiction zu Meyers Vampirstoff entworfen.

In der Jugendliteratur wurde die mit dem Bösen flirtende Heldin bald abgelöst. In den Reihen „Die Tribute von Panem“ (2008-2010) und „Die Bestimmung“ (2011-2013) gingen Mädchen in die Revolte. Im Erwachsenen-Segment lebte die Frau alten Schlags aber weiter: Blanka Lipińskas „365 Tage“-Trilogie (2018/19) entwirft schon wieder eine Frau mit Faible für Finsterlinge. Nun ist die Heldin im Berufsleben angekommen – und verliebt sich in den Mafiaboss, der sie entführt. Zum internationalen Überraschungshit wurden die Romane mit der Netflix-Verfilmung im Pandemie-Sommer 2020. Gerade hat der Streamingdienst Teil 2 rausgebracht.

Die Frauen werden mit jeder Version dieser Geschichte älter, der Tonfall ruppiger: „Twilight“ war noch ein Jugendroman, der auch in der Enthaltsamkeitsbewegung gut ankam. (Stephenie Meyer ist Mormonin.) „Shades of Grey“ wurde als erotische Erwachsenenliteratur vermarktet, die man in der U-Bahn besser hinter einem neutralen Cover versteckt. Und „365 Tage“ ist jetzt endgültig ein um die Sexszenen heruminszenierter Softporno.

Auch in den Männerfiguren spitzt sich was zu: Sie entwickeln sich vom überbehütenden Vampir über den Fetisch-Milliardär bis hin zum mörderischen Mafioso. Don Massimo, der Held aus „365 Tage“, verliebt sich in einem Schicksalsmoment in Laura, lässt sie betäuben, entführen und in einen Luxuspalast sperren. Genau ein Jahr lang – daher der Titel – soll sie in seiner Gewalt bleiben und sich dabei „aus eigenem Antrieb“ in ihn verlieben.

Kriminelle Gewalt als erotischer Nervenkitzel: Das hatte sich bislang noch keiner getraut. Bei „Shades of Grey“ bestand das Vorspiel ja noch aus langwierigen Verhandlungen: Christian Grey hatte sich seine Perversionen von Anastasia in einem pedantischen Vertragswerk absegnen lassen – womit der Roman eine Feier des sexuellen Einverständnisses wurde. Der polnische Abklatsch idealisiert jetzt den Übergriff: Nein heißt ja.

In schriller Übertreibung schildert die „365 Tage“-Reihe genau die Ausbeutung von Machtverhältnissen, um die inzwischen die MeToo-Debatte entbrannt ist. Es ist ulkig: Eben erst hat Netflix Kevin Spacey aus „House of Cards“ rausgeschrieben; nun zaubert der Streamingdienst aus K.o.-Tropfen und Geiselhaft eine sexuelle Fantasie, die sich auch noch an Frauen richtet. Und die akzeptiert wird. Bei aller Empörung: Für ein großes Publikum hat der Film funktioniert. „365 Tage“ schaffte es an die Spitze der Netflix-Charts.

Das hat sicher damit zu tun, dass Don Massimo – ein Muskelmann mit hygienisch gestutztem Brusthaar – zumindest optisch das Gegenteil von Harvey Weinstein ist: ein Triebtäter, aber im Körper eines Sexgottes. Der Erfolg dürfte sich allerdings Vorbildern verdanken, die viel weiter zurückreichen als bis zu Edward und Bella.

Ihren Ursprung hat die Konstellation der drei Reihen in der Romantik. Vor 200 Jahren prägte der Dichter Lord Byron den nach ihm benannten Byron’schen Helden: den mysteriösen Menschenfeind, den Getriebenen, der narzisstischen Obsessionen gehorcht und als charismatischer Schurke fasziniert. Und den die Frauen heilen und für die Gemeinschaft zurückgewinnen wollen. Auch der wüste Don Massimo bittet Laura einmal: Lehre mich Sanftheit. Von Byron über die Brontë-Schwestern bis in die heutige Unterhaltungsliteratur ist das zum vertrauten, unmittelbar einleuchtenden Muster geworden. Der Typus ist etabliert und muss nicht mehr begründet werden.

Zu den ähnlichen Titeln, die der Netflix-Algorithmus mit „365 Tage“ assoziiert, gehört auch „3096 Tage“. Das ist der Film über die Leidensgeschichte von Natascha Kampusch. Der Vergleich macht allerdings auch klar, was „365 Tage“ gerade nicht ist: die realistische Schilderung einer Entführung. Die Filme rufen nicht zum Missbrauch auf; Don Massimos Gewalt ist eher eine deplatzierte Metapher für den konventionellen Machismo. Die Heldin Laura beschreibt es so: „Stell dir einen Alpha-Mann vor, der immer weiß, was er will. Er ist umsorgend und beschützend. Bei ihm fühlt man sich wie ein kleines Mädchen. Er verwirklicht deine sexuellen Fantasien. Außerdem ist er 1,90 Meter groß, hat null Körperfettanteil und wurde von Gott selbst geformt.“ Das klingt vielleicht dominant, aber vor allem appetitlich.

Und das muss es ja auch. Der Film richtet sich schließlich nicht an Frauen mit Stockholm-Syndrom, sondern an ein Mainstream-Publikum. Deshalb werden die Kräfteverhältnisse – ganz im Widerspruch zur grausamen Ausgangssituation – auch als ziemlich ausgeglichen beschrieben. Statt Lauras Not und Angst in Szene zu setzen, schildert der Film ein gegenseitiges Begehren und betont ganz ausdrücklich die weibliche Lust. Massimo füllt dabei sogar eine Lücke: Der aufregende Mafioso tritt genau dann in Lauras Leben, als ihr Freund sich als übler Sexmuffel entpuppt.

Wie jeder Softporno sind auch die Netflix-Filme um Nummern herumerzählt; in diesem Fall sind es nicht nur erotische. Zu den Ausschweifungen im Bett kommen die nicht weniger wichtigen Exzesse mit der Kreditkarte – in Luxusläden, Wellness-Tempeln und teuren Restaurants. Lauras Shopping-Orgien wirken fast lustvoller. Beim Kaufrausch leuchten ihre Augen, beim Sex guckt Massimo, als müsste er einen krummen Nagel in die Wand zimmern.

Inszeniert ist beides wie Fernsehwerbung. Oder wie Fotos auf Instagram. Ob Laura sich am Pool oder in Massimos Armen räkelt – immer sieht sie aus wie eine Influencerin, die gar nichts wirklich erlebt, sondern nur für die Kamera posiert. Begehren wird in „365 Tage“ so professionell präsentiert wie ein Produkt: im sterilen Katalogschick, der zwar sexualisiert ist, aber zugleich dem Schamgefühl amerikanischer Tech-Riesen gehorcht. Auch damit wirken die Filme aus der Zeit gefallen: Das Internet ist voll harter Pornografie, das Independent-Kino experimentiert seit Jahrzehnten mit expliziten Hardcore-Szenen – und Netflix setzt in seiner verruchtesten Reihe noch einmal auf reinliche „Playboy“-Ästhetik.

Apropos Influencerin: So sieht die „365 Tage“-Autorin auf Instagram aus:

Warum gucken so viele Menschen sich das an? Vielleicht liegt es wirklich ja an der „Twilight“-Sozialisation, dass die Zuschauer sich an den heißen Problemmännern nicht satt sehen können. In der Auslegung der Byron’schen Helden ist allerdings eine Veränderung zu spüren. Die Vampirromanze war noch eine klassische Initiationsgeschichte. Bella wollte durch die Liebe jemand werden. Change me – verändere mich – war ihr ewiger Satz, mit dem sie sich nach dem Biss, dem ersten Mal, dem Erwachsensein sehnte.

Laura ist das völlig fremd. Sie will nicht erwachsen sein und sie will sich auch nicht verändern. Ihr geht es, viel schlichter, um bloße Bedürfnisbefriedigung. Vielleicht ist das am Ende noch anstößiger als die erotische Verklärung er Gewaltsituation. Diese „365 Tage“-Filme feiern die Monster der Instagram-Ära: Übersättigte Leute, die auf ihre Freiheit pfeifen, solange sie nur konsumieren und dabei gut aussehen.

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