Osnabrück  Ukrainische Oligarchen spüren finanziellen Aderlass

Thomas Ludwig
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Von Thomas Ludwig
| 11.05.2022 16:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Bild aus besseren Tagen: Rinat Achmetow, der reichste Mann der Ukraine, hat den Fußballclubs Schachtjor Donezk gesponsert. Foto: Jens Kalaene/dpa
Bild aus besseren Tagen: Rinat Achmetow, der reichste Mann der Ukraine, hat den Fußballclubs Schachtjor Donezk gesponsert. Foto: Jens Kalaene/dpa
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Der ukrainische Präsident wollte Macht und Einfluss der Oligarchen beschneiden. Dann kam die russische Invasion. Nun herrscht zwischen den Superreichen und der Regierung in Kiew eine Art Burgfrieden. Wer sichert sich die Pole-Position für die Zeit nach dem Krieg?

Petro Poroschenko wirkt an diesem Tag entspannt und sichtlich erfreut. “Ziemlich bedeutsames Treffen, das ich gerade mit Friedrich Merz hatte, dem Vorsitzenden der CDU Deutschlands. Es ist so schön, wenn man mit der Ukraine und über die Bedürfnisse unseres Staates die gleiche Sprache spricht, besonders wenn es um die Front geht”, kommentierte Poroschenko einen Filmschnipsel, den er auf Twitter mit der Welt teilte.

Die Häme eines Users ließ mit Blick auf Merz’ens ehemalige Tätigkeit beim Investmentgiganten Blackrock nicht lange auf sich warten: “Hatte er irgendwelche guten Ideen, wie Sie Ihren Rang unter den ukrainischen Oligarchen verbessern könnten?”

Tatsächlich ist der Expräsident mit seinem Schokoladenimperium hierzulande wohl der bekannteste ukrainische Oligarch. An der Spitze im Forbes-Ranking der reichsten Ukranier stehen aber andere: Auf Platz eins ist es mit deutlichem Vorsprung Rinat Achmetow; sein Vermögen liegt bei rund 4,4 Milliarden Dollar. Auf Platz zwei und drei folgen Victor Pinchuk und Vadim Novinsky, sie sind rund zwei und 1,4 Milliarden Dollar schwer.

Was Poroschenko dennoch mit allen Superreichen teilt: sein Vermögen ist geschrumpft - laut Forbes inzwischen gar auf deutlich unter eine Milliarde Dollar.

Forbes hat für das laufende Jahr sieben ukrainische Milliardäre für seine weltweite Liste der Superreichen ermittelt. Zusammen sollen sie knapp zwölf Milliarden Dollar wert sein. Das sind rund sieben Milliarden Dollar weniger als im März vergangenen Jahres. Der Krieg und seine Folgen geht auch an den Superreichen im Land nicht spurlos vorbei. Forbes-Schätzungen zufolge haben die ukrainischen Milliardäre 9,7 Milliarden Dollar oder fast 45 Prozent weniger als kurz vor Beginn der russischen Invasion. Ein Grund dafür, dass der Rückgang nicht noch größer ausfällt, ist wohl, dass einige von ihnen einen erheblichen Teil ihres Vermögens außerhalb der Ukraine halten.

Der Ursprung ihrer Vermögen reicht in den meisten Fällen in die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion zurück, als - ähnlich wie in Russland - von einer “Grauzone einer nicht formellen Ökonomie” die Rede und neue gesetzliche Strukturen in der Ukraine noch Mangelware waren. Dass der ein oder andere Superreiche seinem Glück mit unsauberen Methoden nachgeholfen haben dürfte, gilt als gesichert. 

“In der Ukraine konnte die traditionell starke Spaltung des politischen Systems in formale und informelle Bestandteile auch durch die ‘Revolution der Würde’ von 2014 nicht überwunden werden“, heißt es in einer Analyse des Ukraine-Experten André Härtel von der Stiftung Wissenschaft und Politik aus dem vergangenen Jahr: „Neben den ver­fassungsmäßigen Institutionen existieren in dem Land mächtige Akteure, die keiner demokratischen Verantwortlichkeit unter­worfen sind, aber Verfügungsgewalt über Politikbereiche haben”. 

Tatsächlich haben die ukrainischen Oligarchen stets kräftig in der Politik mitgemischt, etwa durch Bestechung und Einflussnahme auf Gesetzesvorhaben. Kritikern zufolge steht die Macht vieler Superreicher seit Jahrzehnten fast allen wichtigen Reformen im Weg.

Diese versteckte Macht einzudämmen, galt seit Jahren als eine der Hauptforderungen der EU Richtung Kiew. Bei seinem Amtsantritt versprach Präsident Wolodymyr Selenskyj, etwas dagegen zu unternehmen und die Ukraine zu reformieren. Doch anfänglich fehlte der Schwung. Erst im September 2021 verabschiedete das ukrainische Parlament ein Gesetz, dass die Macht der Oligarchen eindämmen helfen sollte.

Dann kam die russische Invasion dazwischen - und mit ihr die Debatte um einen beschleunigten Beitritt des Landes zur EU. Präsident Wolodymyr Selenskyj hofft, dass seinem Land schon im Juni der Status eines EU-Beitrittskandidaten zuerkannt wird; rund 1000 Seiten Dokumente sind inzwischen als Antwort auf den Fragebogen zur Mitgliedschaft an Brüssel übergeben. 

Die Differenzen zwischen Oligarchen und der Regierung von Wolodymyr Selenskyj scheinen vorerst zu ruhen. „Sie haben erkannt, dass Putin eine klare Bedrohung für die gesamte Ukraine und auch für ihr Vermögen darstellt“, sagte Taras Berezovets, ein ukrainischer Politologe, dem US-Wirtschaftsmagazin Forbes. Bereits im Februar habe es ein Treffen der Tycoons mit dem Präsidenten gegeben. “Alle erklärten ihre Bereitschaft zu helfen“, sagte Berezovets. Die Unterstützung reicht von der Finanzierung des ukrainischen Militärs bis hin zur Nutzung von Industrieanlagen für die Waffenproduktion. Der Kampf um die Pole-Position nach dem Ende des Krieges hat längst begonnen.

Rinat Achmetov - Stahl, Kohle Der Name Rinat Achmetow (55), Sohn eines Bergarbeiters und einer Verkäuferin, ist dieser Tage eng verknüpft mit den Gefechten in der Hafenstadt Mariupol; das dortige Asow-Stahlwerk gehört zu seinem Konglomerat. Über seine Beteiligungsgesellschaft System Capital Management kontrolliert Achmetow ein Firmengeflecht, das weit über die Stahl- und Kohleindustrie hinausreicht. Banken, Versicherungen, Logistik, Handel, Medien - überall hat Achmetow seine Finger im Spiel. Gegen Achmetow wurde mehrfach wegen Korruption ermittelt. Die Ermittlungen wurden jedoch immer wieder eingestellt.

International einen Namen gemacht hat er sich als Präsident des Fußballclubs Schachtar Donezk; mit viel Geld hat Achmetow Schachtar neben Dynamo Kiew zum führenden Fußballverein des Landes gemacht, der auch in der Champions League vertreten war. Im Krieg gegen Russland hat sich der Tycoon klar positioniert. „Ich warte sehnlichst auf den Sieg der Ukraine in diesem Krieg“, sagte Achmetow im März. Er werde „keine Kosten und Mühen scheuen“, um das Land wieder aufzubauen. Achmetows Unternehmen leisten im Krieg humanitäre Hilfe und unterstützen die Kriegsanstrengungen, unter anderem indem sie mehr als 35 000 Panzerabwehrhindernisse, so genannte "Igel", hergestellt haben.

Victor Pinchuk - Stahl, Beteiligungen Der Aufstieg des 61-Jährigen begann 1990 im Stahlsektor. Maßgeblich protegiert wurde er von seinem Schwiegervater Leonid Kutschma, der von 1994 bis 2005 ukrainischer Präsident war; dessen Amtszeit war geprägt durch Cliquenwirtschaft und politische Skandale. Gemeinsam mit Achmetov kaufte Pinchuk, der parallel mehrere Jahre im Parlament saß,  2004 für 800 Millionen Dollar den staatlichen Stahl-Giganten Kriworisch. Nach einem Wechsel im Präsidentenamt mussten sie den Deal rückabwickeln und erzielten mit dem Weiterverkauf rund 4,8 Milliarden Dollar.

2006 hat Pinchuk mit dem “PinchukArtCenter” in Kiew das erste Museum für zeitgenössische Kunst in der Ukraine gegründet. Damals zog er sich weitgehend aus der Politik zurück. Er soll über hervorragende Netzwerke vor allem in Frankreich und den USA verfügen und hat sich stets für einen EU-Beitritt seines Landes stark gemacht. Zudem finanzierte Pintschuk unter anderem die Open Society Stiftung des US-Investors George Soros, die den Bürgerprotest von 2004 unterstützte. In diesen Tagen wirbt er im Westen eindringlich für Waffenlieferungen an die Ukraine.

Vadym Novinskyi - Stahl Vadym Novinskyi (58), gebürtiger Russe, hat sein Vermögen in den 1990er Jahren im Zuge der Privatisierung zahlreicher Unternehmen in der Ukraine gemacht. Im Jahr 2012 nahm er die ukrainische Staatsbürgerschaft an. Sein Protegé damals: Präsident Viktor Janukowitsch. Novinskyi galt lange Zeit als der am pro-russischsten eingestellte Milliardär des Landes. Im Jahr 2019 wurde er als Mitglied der prorussischen Oppositionspartei Bloc erneut ins Parlament gewählt.

Noch vor der Invasion Russlands hatte er versucht, die Verhandlungen mit Moskau über eine gütliche Entwicklung in Schwung zu bringen - erfolglos. Bei Ausbruch des Krieges hatte er das Land zunächst verlassen, wenig später kehrte er jedoch zurück. Dabei könnte auch die öffentliche Empörung eine Rolle gespielt haben.

Seit Mai 2014 laufen gegen Nowynski strafrechtliche Ermittlungen wegen „unrechtmäßiger Inhaftierung oder Entführung im Zuge einer Verschwörung“ und „Missbrauch von Macht oder Autorität“, weil er Präsident Janukowitsch unterstützt haben soll.  Dieser war 2014 aus der Ukraine nach Russland geflohen und am 22. Februar 2014 vom ukrainischen Parlament im Zuge der Unruhen in Kiew abgesetzt worden. Zuvor hatte Janukowitsch die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens der Ukraine mit der EU ausgebremst.

Petro Poroschenko - Süßwaren Der Süßwaren-Unternehmer und Ex-Präsident Petro Poroschenko (56) gilt als Intimfeind von Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj - kein Wunder, war er ihm doch 2019 bei der Stichwahl um das höchste Staatsamt unterlegen. Noch im Januar diesen Jahres hatte Poroschenko, der die Opposition im Land anführt, eine Festnahme wegen Hochverrats gedroht.

Ihm wurde vorgeworfen, 2014 und 2015 Kohle in den besetzten Gebieten gekauft zu haben. Er habe damit die Separatisten unterstützt und so deren terroristische Aktivitäten mitfinanziert, heißt es. Der Parlamentsabgeordnete und Vorsitzende der Oppositionspartei „Europäische Solidarität“ weist die Vorwürfe vehement zurück. Gegen ihn wurde schon eine Reihe von Verfahren angestrengt, bisher sind sie aber im Sande verlaufen.

Seit Beginn des Krieges arbeitet Poroschenko offenbar verstärkt an seiner Rehabilitierung, twittert viel, zeigt sich mit Soldaten siegessicher im Kriegsgebiet und ist ein gefragter Gesprächspartner für internationale Fernsehstationen. Jüngst sagte er, in der heutigen Lage seines Landes gebe „keinen Unterschied mehr zwischen Opposition und Regierung“. Der Millionär gilt als möglicher Gegner von Selenskyj bei der für 2024 erwarteten Präsidentschaftswahl. Während seiner Zeit als Präsident 2014 bis 2019 pflegte Poroschenko einen pro-westlichen Kurs.  Sein Vermögen ist inzwischen auf deutlich unter eine Milliarde Dollar gesunken.

Ihor Kolomoyskyi - Banking, Investments Der 59-Jährige Ihor Kolomoyskyi hat 1992 die PrivatBank gegründet. Das heute größte Finanzinstitut der Ukraine wurde 2016 wegen Betrugs und zum Schutz des ukrainischen Finanzsystems verstaatlicht. Neben der Bank hat Kolomoyskyi ein umfangreiches Netz von Beteiligungen gesponnen, das zahlreiche Sektoren umfasst, unter anderem  Lebensmittel, Maschinenbau, Chemie und Stahl sowie Medien, darunter auch der TV-Kanal 1+1. Durch diesen wurde der heutige Präsident Wolodymyr Selenskyj als Komiker populär. Kolomoyskyi gilt als sein Förderer und unterstützte 2019 dessen Präsidentschaftskandidatur.

Dem Oligarchen werden rabiate Geschäftsmethoden nachgesagt, so soll er in der Vergangenheit nicht vor dem Einsatz von Schlägertrupps und Justizbestechung zurückschreckt sein, um Geschäftsinteressen durchzusetzen. Zwischenzeitlich wurden ihm gar Morde, Folter und Schmuggel in seinem Namen vorgeworfen.

In den Jahren 2014/15 war er Gouverneur in seiner Heimat Dnipro, zuvor hat er vor allem in der Schweiz und in Frankreich gelebt. Als Finanzier hat er die umstrittenen Freiwilligenbataillone „Asow” und “Dnipro“ mit aufgebaut. 2021 verbot die USA ihm die Einreise wegen „erheblicher Korruption“, Kolomoyskyi stelle „eine ernsthafte Bedrohung für die Zukunft der Ukraine“ dar. 

Vlad Yatsenko - Fintech Vlad Yatsenko (38) ist Mitbegründer der in London ansässigen Digitalbank Revolut. Sie wurde im Juli 2021 durch die Aufnahme von 800 Millionen Dollar bei einer Bewertung von 33 Milliarden Dollar zum wertvollsten Fintech-Unternehmen in Großbritanniens. Das Geschäft machte auch Yatsenko zum Milliardär.

Der britisch-ukrainische Doppelbürger leitet das Unternehmen zusammen mit seinem Mitbegründer Nik Storonsky, der in Russland aufgewachsen ist, es aber im Alter von 20 Jahren verlassen hat und jetzt britischer Staatsbürger ist. Am Tag der russischen Invasion in der Ukraine am 24. Februar nannte Jazenko Wladimir Putin "einen der dreistesten Lügner der Geschichte", und Revolut spendete zwei Millionen Dollar an das Ukrainische Rote Kreuz.

Henady Boholyubov - Banking, Investments Henady Boholyubov (60) gründete Anfang der 1990er Jahre zusammen mit dem Milliardär Ihor Kolomoyskyi die PrivatBank, die größte Geschäftsbank der Ukraine, mit einem Kapital von gerade mal einer Million Dollar. Die ukrainische Regierung verstaatlichte die PrivatBank 2016, um ihren Zusammenbruch zu verhindern, nachdem Ermittlungen auf einen groß angelegten Betrug hingedeutet hatten.

Im Jahr 2017 fror Großbritannien Vermögenswerte in Höhe von mehr als 2,5 Milliarden Dollar ein, die Kolomoyskyi und Boholyubov gehörten, und stellte sich damit in einem Rechtsstreit gegen die PrivatBank auf die Seite ihrer früheren Eigentümer. Inzwischen bezieht Boholyubov einen Großteil seines Vermögens von der Privat Group, einem Konglomerat, das unter anderem Beteiligungen an Tankstellen sowie Öl und Gas besitzt.

Kostyantin Zhevago - Rohstoffabbau Kostyantin Zhevago (48) besitzt eine Mehrheitsbeteiligung am Bergbauunternehmen Ferrexpo.  Es ist unklar, ob Zhevago, der von 1998 bis 2019 Mitglied des ukrainischen Parlaments war, selbst noch in der Ukraine ist. Ferrexpo richtete am 7. März einen humanitären Fonds in Höhe von 7,5 Millionen Dollar ein, aus dem unter anderem Unterkünfte, kostenlose Mahlzeiten, Kinderbetreuung und medizinische Versorgung finanziert werden.

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