Hamburg  Wie Pornokonsum als Kind dem Sexleben als Erwachsenen schadet

Julia Wadle
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Von Julia Wadle
| 11.05.2022 12:36 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Bereits im Grundschulalter sehen viele Kinder zum ersten Mal einen Porno (Symbolbild). Foto: Imago Images/PantherMedia
Bereits im Grundschulalter sehen viele Kinder zum ersten Mal einen Porno (Symbolbild). Foto: Imago Images/PantherMedia
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Was macht es mit einem achtjährigen Mädchen, wenn sie sieht, wie eine Frau von drei Männern gleichzeitig penetriert wird? Welche Auswirkungen hat das auf ihr Bild von Sexualität?

In diesem Artikel erfährst Du:

Elf Jahre. So alt war Billie Eilish, als sie zum ersten Mal einen Porno gesehen hat. Ihre öffentliche Porno-Beichte sorgte weltweit für Schlagzeilen. Sie habe sich wie „einer der Typen“ fühlen und dazugehören wollen – ungeachtet des Schadens, den der frühe Pornokonsum bei ihr auslöste.

Wer jetzt schockiert denkt: „Wie kann das sein, das ist doch viel zu früh für Pornos“ oder „Was ist das für ein Umfeld“ oder „Sowas passiert nur in den USA“, dem sei gesagt: Nein. Das ist hier genauso.

Denn mit elf Jahren einen Porno gesehen zu haben, ist nicht außergewöhnlich früh. Einer britischen Studie zufolge haben mehr als 60 Prozent aller Kinder im Alter zwischen 11 und 13 schon einmal einen Porno gesehen. Die meisten sind nach eigenen Angaben unabsichtlich mit Pornografie konfrontiert worden, zum Beispiel durch weitergeleitete Links oder versehentlich beim Googeln. Doch 18 Prozent der Jungen und Mädchen unter 13 Jahren haben bewusst im Internet nach Pornos gesucht. 

Dass der erste Kontakt mit Pornos immer früher stattfindet, deckt sich mit den Erfahrungen der Psychotherapeutin und Diplom-Psychologin Tabea Freitag: „Der Zugang zu Pornos ist häufig dann, wenn die Kinder ein Smartphone bekommen und von Mitschülern entsprechende Links weitergeschickt bekommen. Das passiert vielfach schon mit acht, neun Jahren.“

Dass ihre Kinder Pornos sehen, bekommen die Eltern vielfach nicht mit: Drei Viertel der in der britischen Umfrage befragten Eltern gaben an, dass ihr Kind noch nie Pornografie gesehen haben. Doch auch diejenigen, die sich dessen einem möglichen Pornokonsum ihres Kinds bewusst sind, wiegen sich nicht selten in falscher Sicherheit, wie Freitag berichtet:

Es sei wie bei einem Horrorfilm, erklärt die Expertin. Angst und Schock verstärken den Adrenalinkick und führe zu einer starken inneren Erregung. Dadurch ergebe sich eine starke Ambivalenz: ,Das ist eklig, aber es macht mich an. Das ist menschenverachtend und trotzdem muss ich mir das immer wieder reinziehen.‘ Diese Ambivalenz mache es noch schwieriger, sich Eltern anzuvertrauen, selbst wenn die Kinder eine gute Beziehung zu den Eltern haben.

So bleiben die Jungen und Mädchen allein zurück mit einer Vorstellung von Sexualität, die stärker von Kameramännern als von Gefühlen geprägt ist. Denn während der Kontakt zu Pornos immer früher stattfindet, erleben Teenager in Deutschland ihr Erstes Mal später als noch vor zehn Jahren. Das zeigt die Studie „Jugendsexualität“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2019. Laut dieser Befragung haben vier Prozent der 14-Jährigen in Deutschland ihr Erstes Mal bereits erlebt; ein Alter, in dem laut der britischen Studie bereits zwei Drittel Pornos gesehen haben. Im Vergleich zum Anfang des Jahrtausends nimmt der Anteil der sexuell aktiven Jugendlichen ab, erklären die Studienautoren. 

In welchem Alter Jugendlich in Deutschland zum ersten Mal Sex haben, zeigt die Grafik:

Die Gründe für die sexuelle Zurückhaltung haben sich in den vergangenen Jahren verschoben. Zwar sind „Fehlen des/der Richtigen“ und „zu schüchtern“ nach wie vor die Hauptgründe für sexuelle Zurückhaltung. Doch während die Jugendlichen seltener „Angst vor einem Ungeschick“ empfinden, ist der Anteil der Jungen und Mädchen, die sich entweder für „zu jung“ halten oder Sex als „unmoralisch“ angeben, deutlich angestiegen. 

Der Einfluss von Pornografie ist gerade bei den Jugendlichen besonders ausgeprägt, die noch keine eigenen Erfahrungen gemacht haben. Das berichtet auch Psychotherapeutin Tabea Freitag:

Selbst bei Erwachsenen in langjährigen Beziehungen könne es durch Pornos zu einer Verschiebung der sexuellen Präferenzen kommen, wenn die Eindrücke stark genug sind, erklärt die Psychotherapeutin. „Wenn Kinder solche Bilder sehen, denken manche: ,Das ist also das, was die Erwachsenen immer machen. Das ist also Sex, mit brutaler Gewalt, ständigem Wechsel.‘“

Denn das ist das Bild, dass viele Pornos von Sex vermitteln – und damit vermeintlich Standards definieren. Das gilt unter anderem für Analsex, wie Peggy Orenstein in ihrem Essay „When did Porn become Sex Ed?“ (dt. Wann sind Pornos Sexualkunde geworden?) problematisiert. Obwohl laut einer Studie der „Indiana University“ mehr als 70 Prozent der jungen Frauen Schmerzen beim Analverkehr empfinden, wird er zunehmend praktiziert: Rund 20 Prozent der 18- und 19-Jährigen Frauen haben Analsex, bei den Frauen zwischen 20 und 24 sind es sogar 40 Prozent. Warum tun sie das, wenn sie Schmerzen empfinden?  

Der Erwartungsdruck ist hoch, wie eine britische Studie nahelegt, für die 130 heterosexuelle junge Männer und Frauen zwischen 16 und 18 Jahren zum Thema Analsex befragt wurden. Das Ergebnis: „Die Schilderungen junger Menschen normalisieren schmerzhaften und unsicheren Analsex zwischen Heterosexuellen.“ Zwei zentralen Motivationen für Analsex haben die Studienautoren in den Befragungen festgestellt:

Die Autoren listen fünf Gründe auf, warum die befragten 16- bis 18-jährigen Analsex praktizieren, auch wenn es für die Frau schmerzhaft ist: 

Ähnliches schildert auch Therapeutin Tabea Freitag aus ihrem Alltag als Therapeutin: „Mädchen erzählen uns auch in der Präventionsarbeit, dass sie Pornos sehen um zu wissen, was die Jungs von ihnen erwarten. Sie bereiten sich vor, damit sie den Jungen zu Diensten sind.“ 

Denn Pornos reduzieren Sex auf ein Konsumgut, findet Freitag:

Der weibliche Körper als Ware: Eine Perspektive, die die Mädchen selbst übernehmen. Wer sich selbst so sieht, kann leichter Opfer von Cybergrooming werden. 

In den vergangenen zwei Jahren, seit Anfang der Coronavirus-Pandemie, habe sich dieses Problem verstärkt, berichtet die Psychologin: 

Diese Mädchen seien Opfer sowohl der früheren Grenzverletzung durch Pornografie als auch der Männer, dies dies ausnutzen und müssten geschützt werden. Schließlich sehnen sie sich lediglich nach Anerkennung, Aufmerksamkeit, Bestätigung. „All das haben sie im Lockdown nicht bekommen, als die Klasse und die Freundinnen gefehlt haben“, sagt Freitag.

Wie man sich vor Cybergrooming und Belästigung im Internet schützen kann, erfährst Du in diesem Video:

Doch wie kann man nach solchen Erlebnissen wieder ein normales Verhältnis zu sich und der eigenen Sexualität entwickeln? Tabea Freitag rät, in sich reinzuhören und erstmal selbst kennenzulernen. „Es fängt nicht damit an, sich zu fragen, welche Sexpraktiken man mag, sondern so grundlegende Dinge wie: Mag ich Wind auf meiner Haut?, Was sind meine Gefühle?, Was bewegt mich? Und was brauche ich eigentlich?“, erklärt sie. Statt sich an anderen zu orientieren und deren Sicht zu übernehmen, einfach mal in sich reinhören.

Denn nur wer sich kennt, kann sich für andere öffnen. Anders als im Porno geht es beim Sex um die „Resonanzfähigkeit“, wie es Freitag beschreibt. „Im Porno wird Sex als Konsumgut dargestellt. Bei realem Sex geht es um Kommunikation, Empathie, Leidenschaft, Humor, Persönlichkeit – es ist ein ganzes Orchester von Feinabstimmungen. In Pornos wird all das reduziert zugunsten der schnellen Luststeigerung, dem größten Kick. Es ist wie ein Orchester, in dem eine verstimmte Geige alle anderen übertönt“, beschreibt sie.

Eigentlich sollte es gar nicht erst kommen müssen. Denn das Zugänglichmachen von Pornografie für Minderjährige ist verboten. Das steht im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag. Neben pornografischen Inhalten sollen Kinder und Jugendliche damit vor rechtsradikalen und gewaltverherrlichenden Inhalten geschützt werden. Verantwortlich für die Einhaltung der Bestimmungen sind die Landesmedienanstalten und die Kommission für Jugendmedienschutz.

Der Landesanstalt für Medien NRW ist Ende 2021 ein Coup gelungen: Mehreren großen Porno-Portalen droht in Deutschland in der bisherigen Form eine Netzsperre, weil sie laut Gerichtsbeschluss gegen den Jugendschutz verstoßen. Das Düsseldorfer Verwaltungsgericht gab im Dezember 2021 bekannt, dass die Landesanstalt für Medien NRW (LfM) die frei zugänglichen Inhalte von Porno-Anbietern mit Sitz in Zypern zu Recht beanstandet und ihre künftige Verbreitung in dieser Form in Deutschland zu Recht untersagt habe.

Ein konsequenter Jugendschutz und klare Regeln, dafür spricht sich auch Psychotherapeutin Tabea Freitag aus:

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