Norden
Dr.-Becker-Klinik schränkt Reha-Therapieform ein
Patienten der Dr.-Becker-Klinik in Norddeich müssen auf ihre Wassertherapie verzichten. Der Grund dafür ist nach Angaben des Unternehmens aber nicht nur der Preisanstieg beim Gas.
Norden - Ein Blick durch die Fensterscheiben zeigt ein leergepumptes Schwimmbecken. In der Dr.-Becker-Klinik in Norddeich wurden Anfang des Monats die Bewegungsbäder stillgelegt. Die Patienten haben darüber per Aushang erfahren. Statt einer Therapie im Wasser nach beispielsweise einer Hüftoperation bekommen sie jetzt Trockenübungen an Land. Dahinter steckt nach Angaben der Unternehmenssprecherin jedoch nicht etwa der Preisanstieg beim Gas.
Stattdessen wolle man einen Beitrag leisten, kurzfristig den Energieverbrauch zu senken, um unabhängiger von russischem Gas zu werden. „Die Gasfrühwarnstufe wurde ausgerufen. Wir sind alle angehalten Energie zu sparen“, sagt Rebecca Jung, Sprecherin der Dr.-Becker-Klinikgruppe. An allen acht Standorten wurde daher nicht nur die Wassertemperatur um ein bis zwei Grad gesenkt, sondern gleich eine Stilllegung der Becken veranlasst.
72 Wohnungen statt ein Schwimmbecken heizen
15 bis 30 Prozent des gesamten Energiebedarfs der Klinikgruppe werden für die Bewegungsbecken aufgewandt, erläutert die Sprecherin. „Dort können wir also signifikant Gas einsparen“, habe eine Berechnung des Beauftragten für Nachhaltigkeit ergeben. Mit dem Energieverbrauch eines Bewegungsbeckens könnten 72 Wohnungen geheizt werden. In der Klinikgruppe könnten so nach den Berechnungen rund 701.130 Kubikmeter Erdgas eingespart werden, um die Reserven zu entlasten.
„Das ist keine Kosteneinsparmaßnahme“, betont Jung. Denn wenn es nach den Vorstellungen der Klinikgruppe geht, übernehmen andere Rehakliniken in Deutschland den Vorschlag. Dann könnte sogar Gas für 79.760 Wohnungen eingespart werden. „Wir befinden uns dazu mit unserem Verband und anderen Kliniken im Austausch“, so die Sprecherin.
Wird der Reha-Erfolg beeinflusst?
Nach Angaben ihrer Kollegen in Norddeich würde die Maßnahme bei den meisten Patienten auf Verständnis stoßen. Bereits während der Pandemie habe man Erfahrungen gesammelt, wie die Therapie ohne Wassereinheiten erfolgreich sein könne. Denn in vielen Bundesländern war die Nutzung der Schwimmeinrichtungen untersagt. In Norddeich wurde allerdings in Kleingruppen im Wasser weiter trainiert. „Für den Erfolg der Reha braucht es keine Einheiten im Bewegungsbecken. Unseren Patienten entstehen somit keine Nachteile“, sagt Jung.
Jeder müsse zudem überlegen, was ihm wichtiger ist. „Wir sind gesellschaftlich verpflichtet, uns alle einzuschränken. Ich glaube, der Gedanke ist noch nicht bei allen angekommen“, so die Sprecherin. Sie fände es schlimmer, im Winter in der Wohnung frieren zu müssen. Daher werde die Klinikgruppe die Bäder erst wieder in Betrieb nehmen, wenn sich die Lage entspannt habe und es eine Versorgungssicherheit gebe.
Verband: Wirtschaftliche Erwägungen
Die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation (Degemed) ist der Dachverband, an den die Klinikgruppe mit ihrer Idee herangetreten ist. „Die wirtschaftliche Situation ist maßgeblich für diesen Schritt“, ordnet Geschäftsführer Christof Lawall den Vorstoß ein. Denn vor dem Preisanstieg sei niemand auf die Idee gekommen, aus Umweltgründen auf die Becken zu verzichten. Jedes Unternehmen müsse seine Energiebilanz im Blick haben. Bewegungsbäder fressen sehr viel Energie, denn dort herrschen mit 28 bis 30° Celsius höhere Wassertemperaturen vor als in Freizeitbädern.
Gleichzeitig seien die Wassertherapien Kernbestandteil der orthopädischen Rehabilitation. „Die Kostenträger fordern von den Kliniken, dass es sie gibt“, so Lawall. Daher müssten Renten-, Kranken- und Unfallversicherungen ersetzende Leistungen genehmigen. „Wir haben den Impuls der Becker-Klinikgruppe aufgenommen und sind in Gesprächen“, bestätigt der Geschäftsführer.
Klinik Norderney geht einen anderen Weg
In der Klinik Norderney in Trägerschaft der Deutschen Rentenversicherung Westfalen hingegen gibt es nach Angaben des Sprechers Jörg Grabenschröer aktuell keine Planung, das Schwimmbad kurzfristig zu schließen. Ein Bewegungsbad gehört mit zum medizinischen Therapieangebot verschiedener Reha-Indikationen, erläutert er. Zudem seien Bäder Bestandteil der sogenannten Strukturanforderungen der Deutschen Rentenversicherung, wonach Reha-Kliniken Bäder grundsätzlich vorhalten müssen, bestätigt er die Angaben des Verbandes.
Inwieweit dies bei einer sich verschärfenden nationalen Versorgungslage und einem exorbitanten Anstieg der Energiepreise neu bewertet werden müsse, sei in seinen Augen derzeit nicht absehbar.