Osnabrück

Osnabrücker Veteran Max Brink: Bei uns hat nie einer den Namen Hitler erwähnt

Sven Stahmann
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Von Sven Stahmann
| 06.05.2022 12:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Der 93-jährige Veteran Max Brink erinnert sich im Interview an den 8. Mai 1945. Foto: Sven Stahmann
Der 93-jährige Veteran Max Brink erinnert sich im Interview an den 8. Mai 1945. Foto: Sven Stahmann
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Am 8. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht, wodurch der Zweite Weltkrieg in Europa als beendet galt. Der 93-jährige Osnabrücker Veteran Max Brink erinnert sich 77 Jahre später im Interview an die Zeit des Krieges und äußert sich zum aktuellen Ukraine-Krieg.

Max Brink wurde am 31. Dezember 1928 in Hildesheim geboren. Nachdem er mit sieben Jahren gemeinsam mit seiner Familie nach Osnabrück kam, wurde er im Alter von nur 15 Jahren als Luftwaffenhelfer eingezogen. In Georgsmarienhütte, Münster und Everswinkel kämpfte er für das verbrecherische Regime im Zweiten Weltkrieg. 77 Jahre nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht erzählt der 93-Jährige im Interview von den Leiden des Krieges und davon, wie er mit den schlimmen Erfahrungen umgegangen ist. Außerdem erklärt er, was er von jüngeren Generationen hält und warum er ihnen seine Geschichte erzählen will.

Frage: Am 8. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht. Können Sie sich noch an den Tag erinnern?

Antwort: Ja, definitiv.

Frage: Wie haben Sie den Tag erlebt?

Antwort: Für uns war ja eigentlich schon ein paar Tage vorher Schluss. Die Bomben hörten auf und die Menschen kamen aus den Bunkern und den Kellern raus. Ich selbst kam schon am 5. April aus dem Krieg zurück als Soldat. Der 8. Mai hatte für uns also eher was Offizielles.

Frage: Waren Sie damals erleichtert oder angesichts der Niederlage eher enttäuscht?

Antwort: Weder das eine noch das andere. Der 8. Mai war für mich persönlich eher bedeutungslos. Mehr in Erinnerung habe ich einen Tag, als ich Anfang April mit Kameraden auf dem Rückzug war. Unsere Infanterie war aufgelöst, unsere Geschütze hatten wir gesprengt. Wir waren entlassen, ohne aber Papiere in der Tasche zu haben. Wenn wir erwischt worden wären, wäre es das Aus gewesen. Aber wir haben es geschafft. Als ich in Hagen am Teutoburger Wald mit einem Kameraden abwartete, bis wir eine Straße überqueren konnten, haben wir einen englischen Soldaten gesehen, der alleine in einem Jeep vorbeifuhr. Er fuhr, als ob der Krieg schon lange zu Ende gewesen wäre. Das war ein Moment, den ich nie vergessen habe.

Frage: Ist der 8. Mai heute noch ein besonderer Tag für Sie?

Antwort: Nein. Man weiß zwar um die Bedeutung, aber man kümmert sich eigentlich nicht drum. Genauso wie man sagen würde, dass mein Großvater heute Geburtstag gehabt hätte.

Frage: Knapp vier Monate nach der deutschen Kapitulation war der Zweite Weltkrieg dann endgültig beendet. Wann haben Sie realisiert, dass Sie für ein verbrecherisches Regime gedient haben? Den Holocaust haben Sie während des Krieges ja gar nicht mitbekommen.

Antwort: Ziemlich schnell, als die ersten Nachrichten von den Konzentrationslagern kamen. Das war wenige Wochen, wenn nicht sogar nur Tage nach Kriegsende. Auch vieles andere wurde bekannt. Seither habe ich immer den Standpunkt vertreten – auch meinen Kindern und Enkelkindern gegenüber: Wir dürfen nicht verschweigen, dass wir und unsere Eltern damals einem verbrecherischen Regime gedient haben. Das dürfen wir nicht unter den Teppich kehren. Wir waren allerdings nicht im Einzelnen schuldig. Es standen Befehle dahinter.

Frage: Wie geht man denn damit um, wenn man weiß, dass man Menschen getötet hat?

Antwort: Ich hatte das Glück, noch so jung gewesen zu sein. Wäre ich ein oder zwei Jahre älter gewesen, hätte man mich nach Russland an die Front geschickt. Wir bei der Flak (Flugabwehrkanone, Anm. d. Red.) mussten zwar Flugzeuge abschießen, hatten aber keinen direkten Blickkontakt mit Menschen. Wir waren also nicht so konfrontiert.

Frage: Hatten oder haben Sie denn immer noch ein schlechtes Gewissen?

Antwort: Natürlich.

Frage: Und wie hat man das dann verarbeitet?

Antwort: Mit viel Arbeit. Wir wussten nach dem Krieg erstmal nicht, wie es weitergeht. Wir hatten Hunger. Erst 1948 mit der Währungsreform ging es wieder aufwärts. Der damalige Wirtschaftsminister (ab 1949: Ludwig Erhard, Anm. d. Red.) wehrte sich dagegen, dass wir vom „Wirtschaftswunder“ sprachen. Er hat immer gesagt „Die Wunder fallen nicht vom Himmel – die gute Wirtschaft haben wir, weil wir die Ärmel hochgekrempelt haben“. Wir haben 70 Stunden die Woche gearbeitet. Das haben wir so hingenommen. Man arbeitete dafür, dass es vorwärtsging.

Frage: Wie ging es Ihnen denn während dieser Zeit nach dem Krieg?

Antwort: Neben der vielen Arbeit war es eine fröhliche Zeit. Ich war 16 Jahre, als der Krieg vorbei war. Ich lernte meine Frau 1946 kennen. Zusammen waren wir eine Gruppe von fünf Paaren. Wir gingen sonntags regelmäßig zum Tanzen. Das war eine wilde, schöne Zeit für uns. Da hat man sich dann auch nicht mehr so intensiv mit der Vergangenheit beschäftigt.

Frage: Also hat Ihnen auch diese wilde Zeit geholfen, die Erlebnisse aus dem Krieg zu verarbeiten?

Antwort: Ja. Und viele Gespräche. In der Gruppe haben wir nicht immer nur Highlife gemacht. Stattdessen saßen wir auch oft zusammen und haben die Vergangenheit intensiv reflektiert. Das hat sehr gut getan.

Frage: Ein großes Problem war aber dennoch der Hunger, den sie vorhin schon kurz ansprachen.

Antwort: Ja. Die Bomben waren weg und dann ging es mit dem Hunger direkt weiter. Und es gab zahlreiche Flüchtlinge. Meine Auffassung war schon damals als junger Kerl, dass es eine ganze Menge Aversion gegen die Flüchtlinge gab. Die Leute meinten: „Was wollen die hier?“ Wir mussten bei uns zu Hause auch zwei Flüchtlinge aufnehmen, weil wir zwei Zimmer überhatten. Aber das war kein Problem. Die Flüchtlinge zu Hause und auch auf der Arbeit wurden schnell zu unseren Freunden.

Frage: Gab es denn insgesamt viel Hass gegenüber den Flüchtlingen?

Antwort: Nur bei einer Minderheit. Was man aber immer wieder beobachtet hatte: Für die Flüchtlinge mussten Zimmer zur Verfügung gestellt werden. Dabei ging es nicht nach Quadratmetern, sondern nur nach Anzahl der Zimmer im Haus. Dabei gab es häufig Leute, die einfach eine Wand weggerissen haben, damit sie keine Flüchtlinge aufnehmen mussten. Wenn man heute das Wort „asozial“ hört, wird es oft falsch gedeutet. Genau diese Leute waren tatsächlich asozial.

Frage: Können Sie es verstehen, wenn sich Menschen heutzutage beschweren, dass Geflüchtete nach Deutschland kommen?

Antwort: Nein. Die Flüchtlinge haben sich in ganz Deutschland verteilt. Die konnte und kann man doch nicht einfach wieder mit ihren Kindern dahin zurückschicken, wo geschossen wird.

Frage: Begeben wir uns nochmal zurück in die Zeit des Kriegs: Sie wurden 1944 mit 15 Jahren und 5 Tagen als Luftwaffenhelfer eingezogen. Was war das für ein Gefühl?

Antwort: Ich hatte das Gefühl, das Vaterland verteidigen zu dürfen. Ganz klipp und klar. Wer sich mit Worten windet wie „Da mussten wir hin“, der lügt. So sehr meiner Mutter und meinem Vater das auch nicht recht war.

Frage: Wären Sie nur fünf Stunden später – und damit am 1. Januar 1929 – geboren, wären Sie nicht einberufen worden. Sie waren also einer der jüngsten Soldaten überhaupt. Wie haben Sie sich mit den Älteren verstanden? Wurden Sie überhaupt ernst genommen?

Antwort: Wir waren keine Kinder oder Jugendliche mehr, als wir in den Krieg zogen. Wir haben uns sehr gut mit den Älteren verstanden. Das mussten wir aber zwangsläufig auch, sonst hätten wir die Aufgabe nicht lösen können. Wobei an dem Flak-Stand, wo ich eingesetzt wurde, auch nur junge Soldaten waren. Der einzige Erwachsene war der Geschützführer. Aber der war damals mit rund 24 Jahren auch noch sehr jung.

Frage: Wie sehr hat Sie die Kriegszeit geprägt?

Antwort: Da müsste ich jetzt ein wenig zurückgreifen. Ich bin 1935 als I-Männchen zur Schule gekommen. Dort hatten wir eine Fibel – also ein Lesebuch – mit Heini und Lene als Hauptdarsteller, mit denen wir die Sütterlin-Schrift lernten. Dann kam die Druckschrift. In Druckbuchstaben stand plötzlich unter anderem geschrieben, warum Hitler das Eiserne Kreuz bekommen hat. Da wurden wir dann schon als Siebenjährige in eine Richtung gestellt. Schließlich kam 1939 die Pflicht, dass man in das Jungvolk und später in die Hitlerjugend eintreten musste. Wir hatten also von da an zweimal die Woche Dienst. Die ganze Sache hat uns mächtig viel Spaß gemacht. Wir haben aber an nichts Politisches dabei gedacht. Ich glaube auch, das in unserer Flakstellung später nie einer mal den Namen Hitler erwähnt hat. Das war für uns eine politische Seite, die uns völlig kaltließ. Wir hatten auch keine Veranlassung, darüber nachzudenken.

Frage: Also kann man sagen, dass Sie aus der Zeit vor allem die Kameradschaft mitgenommen haben?

Antwort: Ja, unbedingt. Das, was war toll. Wir haben Geländespiele gemacht und waren im Zeltlager. Da geht’s richtig rund für junge Leute. Da macht man abends ein Feuer an und singt Lieder. Das war doch genau das, was uns interessierte.

Frage: Sie sind jemand, der oft die Erlebnisse vom Krieg erzählt. Warum halten Sie es für so wichtig, dass die jüngeren Generationen von Zeitzeugen erfahren, was damals geschehen ist?

Antwort: Ich hatte einen Schwager, der hat nach dem Krieg immer gesagt: „Ich will da nichts von hören.“ Das ist aber nicht richtig, denn das heißt: Ich bin es ja sowieso nicht gewesen. Das ist aber zu bequem. Man kann sich nicht selbst belügen und gleichzeitig wissen die Kinder immer noch nicht, was gewesen ist. Das gehört doch zur Erziehung dazu.

Frage: Welche Erwartung haben Sie an die jüngeren Generationen?

Antwort: Ich glaube durch bestimmte Demonstrationen wird die Welt nicht besser, obwohl ich die Menschen manchmal auch verstehe. Es sind aber einige große Schreihälse dabei, hinter denen dann andere herlaufen. Das ist die eine Seite.

Frage: Und die andere?

Antwort: Ich glaube der größte Teil der jungen Menschen zeigt Verständnis für andere. Ein Beispiel: Ich habe einen Rollator und fahre viel Bus. Wissen Sie wer aufsteht, wenn ich den Bus betrete? Junge Menschen. Von wegen „Die Jugend von heute“. Das ist die Jugend von heute!

Frage: Schauen wir auf den aktuellen Krieg in Europa. Wie haben Sie den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine aufgefasst? Sind da Erinnerungen hochgekommen?

Antwort: Vor allem habe ich an meinen Bruder Walter gedacht. Der war Jahrgang 1921 und ist 1943 in russische Gefangenschaft gekommen. Im November 1943 ist er im russischen Gefangenenlager Tambow-Rada gestorben. Mein Bruder hat in Smolensk, Belgorod und auch in Charkow gekämpft. Also auch dort, wo jetzt in der Ukraine Krieg ist. Wenn ich jetzt abends im Fernsehen die Bilder sehe, muss ich daran öfter denken.

Frage: Haben Sie aktuell ein Problem damit, die Nachrichten im Fernsehen zu verfolgen?

Antwort: Nein, im Gegenteil. Man will natürlich wissen, wohin der Hase läuft.

Frage: Ich bin zu einer Zeit aufgewachsen, in der Krieg kaum Thema war. Mit dem Ukraine-Krieg kommt dieses Horrorszenario nun näher. Gibt es aus Ihrer Sicht eine Möglichkeit, wie Krieg in Zukunft verhindert werden kann?

Antwort: Tja… Überall auf der Welt gibt es Menschen, die Macht mit Gewalt an sich gerissen haben. Menschen, die also reine Diktatoren sind. Wenn man das vermeiden könnte oder die Menschen ein bisschen mehr aufwachen würden… Man sagt das jetzt so, aber es war bei uns nichts Anderes. Wir sind auch mitgelaufen. Naja... Also in einem Satz: Krieg kann verhindert werden, wenn es keine Diktatoren mehr geben würde. Dann könnte man über alles verhandeln.

Frage: Haben Sie Angst davor, noch einen Weltkrieg miterleben zu müssen?

Antwort: Ja, das habe ich. Vor allem wegen meiner Kinder und Enkelkinder. Am meisten habe ich aber davor Angst, dass einer die Atomkraft einsetzt. Dann ist es vorbei. Wir leben in einer Zeit – und das war schon immer so – in der man meint, dass unsere Großeltern in der „guten alten Zeit“ lebten. Dem habe ich immer widersprochen. Das ist eine Beleidigung für unsere Großeltern. Die hatten auch ihre schweren Sorgen in vielerlei Hinsicht. In einem Buch, welches ich noch nicht veröffentlicht habe, habe ich geschrieben: Unsere heutigen Sorgen sind die gute alte Zeit von übermorgen. Die gute alte Zeit haben wir. Das muss man schon sagen.

Frage: Welche Verpflichtungen hat Deutschland Ihrer Meinung nach? Muss die Regierung oder die Bevölkerung noch etwas von früher wiedergutmachen?

Antwort: Heutzutage wird einem 96-Jährigen, der früher mal bei der SS war, ein Prozess gemacht. Dann muss ich mich fragen, warum man so lange gepennt hat. Der tut doch keiner Fliege mehr was zu leide. Ich entschuldige das damit überhaupt nicht. Aber es wird alles so träge abgewickelt. Das hat man doch nicht erst erfahren, als der Mann 90 wurde.

Frage: Verhält sich Deutschland denn im Ukraine-Krieg angemessen?

Antwort: Angemessen finde ich das nicht. Wobei ich mir im Klaren bin, dass wir das von hier aus anders beurteilen als beispielsweise die Polen. Das ist ein ganz großer Unterschied. Ich finde Bundeskanzler Olaf Scholz ist auf dem richtigen Weg. Allerdings möchte ich nicht in seiner Haut stecken. Die Entscheidung, nur Stahlhelme oder doch schwere Panzer in die Ukraine zu schicken, ist eine verdammt schwere.

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