Osnabrück

Intellektuelle und der Krieg: Die moralische Instanz unter Entscheidungsdruck

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 06.05.2022 11:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
AfD Niedersachsen - Demonstration von AfD-Gegnern Foto: dpa
AfD Niedersachsen - Demonstration von AfD-Gegnern Foto: dpa
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Frieden bewahren oder die Freiheit verteidigen - notfalls mit Waffen: Der Streit der Intellektuellen um Deutschlands Position zum Krieg in der Ukraine spiegelt eine Grundsatzdebatte. Sie tobt auch um die Position der Intellektuellen selbst.

„Krieg dem Kriege! / Und Frieden auf Erden“: Es sind Schlusszeilen mit pathetischem Glockenhall, mit denen Kurt Tucholsky 1919 sein berühmtes Gedicht „Krieg dem Kriege“ schließt. „Es darf und soll so nicht weitergehn. / Wir haben alle, alle gesehn, / wohin ein solcher Wahnsinn führt“: Ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, nach Millionen Kriegstoten, Revolution und schmerzhafter Geburt der Weimarer Republik meißelt Tucholsky eine Lehre tief in den deutschen Geisteskanon, die sich im „Nie wieder!“ nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dramatisch erneuert. Es darf keinen Krieg mehr geben.

Ausgerechnet oder, ganz nach Blickwinkel, gerade im einst preußisch militarisierten Deutschland avanciert der Pazifismus des „Nie wieder!“ zu Staatsräson und kollektiver Mentalität. Die Gesellschaft der Bundesrepublik hat sich diese Haltung zu eigen gemacht – als eine „schwer errungene Nachkriegsmentalität“, wie der Philosoph Jürgen Habermas in seinem Essay zum Krieg in der Ukraine in der Süddeutschen Zeitung am 29. April 2022 schreibt. Was Politologen wie Herfried Münkler als postheroische Haltung bezeichnen, erweist sich mit dem russischen Überfall auf die Ukraine nach Meinung vieler Kritiker als ehrenwertes, aber schwaches Konzept. Muss Freiheit nicht verteidigt werden – notfalls auch mit Waffen?

Die beiden Offenen Briefe, die Intellektuelle an Bundeskanzler Olaf Scholz gerichtet haben, bringen den Konflikt auf den schmerzenden Punkt. Den Krieg schnell beenden, um Leben zu retten oder Waffen liefern, um den Ukrainern zu helfen, ihre Freiheit zu verteidigen: Mit diesen Positionen markieren die beiden, einerseits von Alice Schwarzer und andererseits von Ralf Fücks initiierten Schreiben das klassische Pro und Contra – mit einem moralischen Dilemma in der Mitte. Wer die Sache als Bataille um bloße Worte abtut, die nur Intellektuelle angeht, greift zu kurz. Die Debatte betrifft in Wirklichkeit die moralische Landkarte und politische Orientierungsmuster einer ganzen Gesellschaft. Wird der Werteatlas westlicher Gesellschaften unter dem Eindruck des Krieges gerade neu geschrieben? Es sieht so aus.

Intellektuelle spielen eine herausgehobene Rolle, als es darum geht, den Pazifismus zu formulieren und in der Gesellschaft zu verankern. Sie streiten für diese Haltung, als es noch gefährlich ist, sie zu äußern, sie verteidigen sie gegen Kritik und Anwürfe. Intellektuelle gehen voran, auch als Seismographen von Tendenzen mit dem Anspruch allgemeiner Gültigkeit. „Laßt euch nicht narren: Militarismus ist keine Religion. Er ist eine Bestialität“, schreibt Kurt Tucholsky in seinem Text „Krieg gleich Mord“, der am 19. April 1932 in der „Weltbühne“ erscheint. Der Intellektuelle ist der unbequeme Mahner, der unermüdliche Aufrüttler – und der unnachsichtige Kritiker ohnehin. Seine Waffe ist das Wort. Das Wort besitzt die Macht, die Welt zu verändern. Diese Überzeugung leitet Intellektuelle. Von ihr hängt alles ab, der besondere Einfluss des Intellektuellen ebenso wie seine Sorge, dass sein Wort gegen den Sturmwind der Geschichte geworfen sein könnte. Tucholsky schreibt tapfer gegen diese Befürchtung an.

Hermann Hesse ist da zur gleichen Zeit skeptischer, wenn es um Künstler geht, die „mit Protesten gegen kriegführende Mächte auf den Plan treten“. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, schreibt er unter dem Titel „O Freunde, nicht diese Töne!“ nachdenklich: „Als ob jetzt, wo die Welt in Brand steht, solche Worte irgendeinen Wert hätten. Als ob ein Künstler oder Literat, und sei es der beste und berühmteste, in den Dingen des Krieges irgendetwas zu sagen hätte“. Hesse tadelt die Eitelkeit mancher Intellektueller, die ihren Einfluss überschätzen. Die Erwartung, die an sie gerichtet ist, bleibt dennoch bestehen. Der Intellektuelle hat frei zu sein von falschen Rücksichten. Er sagt, was gesagt werden muss, ohne sich von den Sachzwängen der Politik einengen lassen zu müssen. Diese Rollenzuschreibung macht das Konzept des Intellektuellen als öffentlicher Figur so vielversprechend. Als Mahner spricht er unbequeme Wahrheit aus – zum Wohl der ganzen Gesellschaft. Oder?

„Bis dahin reduzierte sich die politische Betätigung der Schriftsteller darauf, Resolutionen und Proteste zu unterschreiben. Das empfand ich als unzureichend, zu bequem“, notiert Günter Grass 1990 in seinem Essay „Assistenz durch Dreinreden“ und blickt dabei ausdrücklich auf Tucholsky und sein publizistisches Engagement in den dreißiger Jahren zurück. Grass will es nicht beim Rückblick belassen, er will eingreifen, politisch mitgestalten. Immer wieder Grass: Der Autor der „Blechtrommel“ macht den Großschriftsteller gerade mit seinem Engagement für die Wahl Willy Brandts 1969 zum ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler zur medialen Figur und moralischen Instanz.  Der Intellektuelle steht links, gerade als „Bürger und Patriot in der internationalen Welt des Gedankens“, wie es Hermann Hesse formuliert.

Dabei wissen gerade die Intellektuellen selbst, dass ihre öffentliche Rolle ohne Widersprüche nicht zu haben ist. Das erfahren nicht nur die Unterzeichner der beiden Offenen Briefe, die gerade im Hinblick auf Waffenlieferungen an die Ukraine an Bundeskanzler Olaf Scholz gerichtet worden sind. Das wussten bereits jene Schriftsteller, die früher auf die öffentliche Wirkung ihrer Worte setzten. Heinrich Böll nennt Worte in seiner Rede „Die Sprache als Hort der Freiheit“ von 1970 „gespaltene Wesen“ und sagt weiter: „Worte können töten und es ist einzig und allein eine Gewissensfrage, ob man die Sprache in Bereiche entgleiten lässt, wo sie mörderisch wird“. Die mediale Bataille färbt unweigerlich auf den ab, der sich an ihr beteiligt. Oder wie Bertolt Brecht in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“ 1939 schreibt: „Auch der Zorn über das Unrecht / Macht die Stimme heiser. Ach, wir / Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit / Konnten selber nicht freundlich sein“.

In der Debatte um Waffenlieferungen an die Ukraine unternimmt der Philosoph Jürgen Habermas den Versuch, dem Meinungskampf zu entfliehen und Räume des Nachdenkens offenzuhalten. Er kritisiert den „schrillen, von Pressestimmen geschürten Meinungskampf“ und lobt den Bundeskanzler, der abwartet, auch um den Preis, dafür als zögerlich gescholten zu werden. Das Denken steht über dem Statement: Mit dieser Haltung verleiht Habermas auch der Figur des Intellektuellen eine neue Kontur. Jetzt kann jedes falsch gesetzte Wort das Kriegsrisiko erhöhen: Auf diese Gefahr will Habermas angemessen reagieren – und gleichzeitig seine Philosophie von Politik als Abwägung der besseren Argumente auch in schwierige Zeiten hinüberretten.

Die Konflikte der Intellektuellen zeigen gerade, wie sehr der Krieg in der Ukraine den moralischen Kompass der Bundesrepublik unter Druck setzt. Taugt der Pazifismus des „Nie wieder!“ noch, wenn die Freiheit notfalls auch mit Waffengewalt verteidigt werden muss? Die Frage hat die vermeintlich klar auf der Linken positionierten Intellektuellen längst gespalten. Das zeigen die beiden Offenen Briefe. Sind die Verteidiger des Friedens links, die Fürsprecher der Freiheit dann folgerichtig rechts? Die Kompassnadel der alten politischen Orientierung zeigt keine Richtung mehr an, sie kreiselt munter. Gerade der aktuelle Meinungsstreit zeigt, dass Intellektuelle nicht per se alles besser wissen. Sie durchdenken nur, wenn es gut läuft, Konflikte genauer, stellen präzisere Fragen als viele andere. Genau das ist jetzt von ihnen zu erwarten. Ihre Rollenkonflikte zeigen nur an, in welch tiefgreifendem Wandlungsprozess die ganze Gesellschaft steckt. Die Intellektuellen sind Treiber und Getriebene dieser Konflikte – und das nicht zum ersten Mal in der Geschichte.

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