Hamburg

So leiden Männer unter ihrer Beschneidung – vier Betroffene berichten

Marian Schäfer
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Von Marian Schäfer
| 05.05.2022 12:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Foto: Christian Ströhl
Foto: Christian Ströhl
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Jedes Jahr werden in Deutschland Tausende Jungen grundlos beschnitten. Vier Männer erzählen über ihr Leben ohne Vorhaut.

Die ersten Erinnerungen stammen aus einer Zeit, als Florian vier, fünf Jahre alt war. Die Kinderärztin, so erzählt es der heute 24-Jährige, zuppelte damals an seinem Penis herum und sagte: „Die Vorhaut müsste zurückzuziehen sein.“ Das war sie aber nicht, und weil sich auch ein paar Monate später daran nichts geändert hatte, bekam Florian, der seinen Nachnamen hier nicht nennen möchte, einen Termin in einer Klinik für Urologie.

„Der Arzt dort sagte mir, ich solle mich einmal auf die Liege setzen und so tun, als würde ich Pipi machen“, erinnert sich der junge Mann. Also setzte er sich und tat wie ihm geheißen. Nach einem kurzen Blick habe der Arzt ohne weitere Untersuchung gesagt: „Die Vorhaut ist zu eng, die müssen wir abschneiden.“

Die enge Vorhaut, sagt Florian, hatte ihn bis dahin nie gestört, schon gar nicht beim Wasserlassen. Seine Mutter habe dem Arzt das Gleiche gesagt und gefragt, ob es nicht andere Möglichkeiten gebe. „Der verneinte bloß und fragte, ob sie verantwortlich dafür sein wolle, wenn ich später Probleme haben sollte. Er beharrte darauf, dass dieser Eingriff zeitnah durchgeführt wird“, erzählt der junge Mann. Ohnehin sei es nur ein kleiner Routineeingriff, bei dem nur das Nötigste entfern werde, habe der Arzt gesagt.

Also wurde Florian beschnitten. Die Mediziner legten ihn in Vollnarkose und lösten zunächst mit einer Knopfsonde, einer Art dünnem Stab, seine Vorhaut von der Eichel ab. Dann durchtrennten sie das Bändchen, das Vorhaut und Eichel miteinander verbindet, und entfernten beides schließlich ganz. Von Florians Vorhaut, die eigentlich die komplette Eichel bedeckt, blieb nur noch ein schmaler Saum von wenigen Millimetern.

„Ich kann mich an die Zeit danach noch gut erinnern“, sagt Florian, „weil es so schmerzhaft war.“ Auch der Anblick war ein Schock: „Die Hälfte der Haut war weg und es sah aus, als hätten sie meinen Penis gehäutet“, erinnert er sich. In der Klinik empfahlen die Mediziner ihm Kamillenbäder zur besseren Abheilung. So steht es in einem Arztbericht.

Danach rückte das Thema für Florian in den Hintergrund. Erst in der Pubertät, als er 14 oder 15 Jahre alt war, kam es wieder auf. Damals begann er, seinen Körper zu erkunden und suchte im Internet Informationen zu dem Thema. „Ich las dort, wie andere Jungen ihre Penishaut hin und her schieben können und dabei die helle Lust verspüren“, erzählt Florian. Er hingegen habe eine völlig unbewegliche Haut gehabt. „Beim Anfassen fühlte ich nur ein dumpfes Nichts.“

Florian begann, tiefer zu recherchieren und fand - kurz gesagt - heraus, dass ihm viel zu früh und aller Wahrscheinlichkeit nach grundlos die Vorhaut abgenommen worden war. „Ich fühlte mich verstümmelt, das hat mich seelisch fertig gemacht“, erzählt er. Kurz vor seinem 18. Geburtstag beschloss er, den Arzt und die Klinik von damals zu verklagen.

Männer wie Florian gibt es in Deutschland viele. Im Jahr 2020 rechneten Kliniken und niedergelassene Ärzte hierzulande mehr als 32.000 Beschneidungen offiziell bei den gesetzlichen Krankenkassen ab. Hinter vielen der Eingriffe wird zwar eine kulturell-religiöse Motivation gestanden haben, die Mehrheit, davon gehen Experten aus, erfolgte aber wohl aufgrund eines falschen ärztlichen Rates.

Denn medizinisch notwendig, da ist sich zum Beispiel der Kinderurologe Professor Maximilian Stehr aus Nürnberg sicher, wären höchstens 5000 der Eingriffe gewesen. Zum Beispiel kann das bei Jungen der Fall sein, deren Vorhaut sich auch im Alter von 14 Jahren und trotz des Einsatzes spezieller Salben nicht zurückziehen lässt.

Betroffenen-Vereine wie „MOGiS e.V.“ kritisieren Beschneidungen, die medizinisch nicht notwendig sind, grundsätzlich – egal, welche Motivation dahinterstehen mag. Am Samstag (7. Mai) findet in Köln auch wieder der „Weltweite Tag für Genitale Selbstbestimmung“ statt. Inhaltlicher Schwerpunkt ist das „Kölner Urteil“.

Vor zehn Jahren urteilte das Kölner Landgericht erstmals, dass medizinisch nicht notwendige Beschneidungen Körperverletzung sind. Vor allem religiöse Verbände liefen damals Sturm. Wenige Monate später erließ die Bundesregierung den sogenannten „Beschneidungsparagraphen“. Seitdem können Eltern auch Vorhautentfernungen durchführen lassen, selbst wenn sie medizinisch nicht indiziert sind.

Die Folgen für die Betroffenen sind immens, ganz unabhängig vom Hintergrund der Beschneidung. Zuallererst sind da die akuten körperlichen Auswirkungen, die starken Schmerzen und Blutungen zum Beispiel. Es kommt auch oft zu Vernarbungen oder dazu, dass bei der Operation Schwellkörper und Harnröhre verletzt werden. Wovon viele Männer, die als Jungen beschnitten worden sind, aber vor allem berichten, das sind psychische und psychosexuelle Folgen.

Schließlich gilt die Vorhaut als eine der erogensten Zonen des männlichen Körpers. Sie ist sehr gut durchblutet und extrem sensibel - viel sensibler als die Eichel. Beim Geschlechtsverkehr sorgt die Vorhaut für die Lustspitzen, während die Eichel eher die dumpfen Grundtöne liefert. Entsprechend empfinden viele Beschnittene den Sex als mühsam und wenig erfüllend.

Nicht selten wirkt sich das auf die Paarintimität und damit auf das Bindungs- und Beziehungsverhalten aus. Viele Männer wechseln ihre Partner, in der Hoffnung, dass die nächste Beziehung erfüllender werde.

So war es auch bei Muhammet Savci. Sechs Jahre war der 31-Jährige mit seiner Freundin zusammen, als er sich von ihr trennte. „Die Partnerschaft hat mir meine Unzufriedenheit immer und immer wieder vor Augen geführt“, sagt er.

Savci stammt aus einer muslimischen Familie. Er war fünf Jahre alt, als er mit seinen Eltern und seinem siebenjährigen Bruder in die Türkei reiste. „Wir dachten, es wäre ein normaler Urlaub mit einem Familienfest, aber dann trafen wir dort auf einen Nachbarjungen, der meinte, uns würde gleich ein Teil des Penis abgeschnitten.“

Die beiden Brüder glaubten ihm nicht, doch dann wurden sie in eine Wohnung geholt und betraten einen Raum voller Männer. „Als erstes war mein Bruder dran. Ich sah zu, wie er schrie und strampelte“, erinnert sich Muhammet Savci. „Als ich an der Reihe war, wehrte ich mich nicht. Ich war wie gelähmt.“

Der 31-Jährige sagt, dass damals sein Urvertrauen gebrochen worden sei. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass seine Eltern so etwas machen würden, ohne ihm davon zu erzählen. „Ich bin in Deutschland aufgewachsen“, sagt er. „Ich hatte nie ein Beschneidungsfest mitbekommen und wusste auch nicht, dass so etwas wie eine ‚Beschneidung‘ existiert.“

An den Akt der Amputation selbst hat Savci keine Erinnerungen. Dafür aber an die Tage danach. „Es war demütigend“, erzählt er. Im selben Raum, in dem die Brüder auf einer Liege und ohne Betäubung beschnitten worden waren, wurden Betten aufgestellt, in denen sie lagen, ihre schmerzenden Genitalien bedeckt durch Schuhkartons. „Ständig kamen Besucher, beglückwünschten uns und pinnten Geld ans Kopfkissen“, so Savci. Im Studium litt er häufig unter Konzentrationsproblemen.

Als er mit 20 Jahren beim Geschlechtsverkehr sehr wenig spürte, brachte er dies das erste Mal mit der Beschneidung in Verbindung. Er begann zu recherchieren, begriff das Ausmaß. „Das Sexuelle war aber nicht das einzige Problem“, erzählt Muhammet Savci, „es gibt noch heute Triggermomente, die in mir Angst auslösen, die zu einer Schockstarre führen.“ Zum Beispiel, wenn Autokolonnen bei Hochzeiten durch die Stadt fahren. „Die werden ähnlich gefeiert wie das muslimische Beschneidungsfest“, sagt Savci.

Der Verlust der Empfindsamkeit, über die Betroffene wie Florian und Muhammet Savci berichten, hängt mit der entfernten Vorhaut aus zweierlei Gründen zusammen. Zum einen verlaufen in ihr selbst unzählige Nerven, die Reize weiterleiten. Zum anderen schützt eine vorhandene Vorhaut die Eichel vor Reibung an der Kleidung. „Ohne Vorhaut verhornt sie und verliert selbst noch mehr von ihrer wenigen Sensibilität“, sagt Muhammet Savci.

Irgendwann bestellte der 31-Jährige Geräte im Internet, die dafür sorgen sollen, dass die verbliebende Haut gedehnt wird und zumindest einen Teil der Eichel wieder bedeckt. Was sich komisch anhört, folgt einem anerkannten Prinzip: „Dasselbe passiert zum Beispiel am Bauch, wenn man zunimmt“, so Savci. Bei ihm ist die Eichel heute wieder ungefähr zur Hälfte mit Vorhaut bedeckt. Die Verhornung nahm in diesem Bereich ab, die Schleimhaut erholte sich.

Bei den Zwillingen Ephraim und Manasseh Seidenberg ist das ähnlich. Sie leben in der Schweiz und erklären in einem Video-Gespräch anhand eines Penis-Modells, wie sie den noch unbedeckten Teil der Eichel schützen – mit einem Pflaster.

Die Brüder stammen aus einer jüdischen Familie. Wie es die Tradition will, wurden sie an ihrem achten Lebenstag beschnitten. „Alles, was wir darüber wissen, haben wir von unserer Patentante erfahren“, sagen sie. Ihre Mutter war bei dem Eingriff damals nicht dabei, sie habe es sich nicht mit ansehen können.

Die Beschneidung fand nicht in einer Wohnung statt wie bei Muhammet Savci, sondern in einer Arztpraxis. „Das Ergebnis ist auch nicht verpfuscht, sondern der Schaden entspricht gewissermaßen dem, was beabsichtigt war“, erklären die Zwillinge. Betäubt worden seien sie damals nicht, schließlich überwiege das Risiko einer Narkose bei Säuglingen in diesem Fall den Nutzen.

Ihre Eltern und ihre Patentante, die Krankenschwester war und die OP als solche überwachte, machen sie nicht allein verantwortlich für die Beschneidung. „Sie waren nicht informiert, kannten es nicht anders, und auch wir selbst haben noch lange gedacht, dass das etwas Gutes ist.“

Das änderte sich schleichend, vor allem durch persönlichen Austausch. Darüber, was andere empfinden und sie nicht. Mit der Zeit rückten dann auch andere Nachteile in den Vordergrund. Zum Beispiel, dass die Haut am Penis bei jeder Erektion spannt.

„Auch sorgen die abgetrennten Nerven für Probleme“, erzählen Manasseh und Ephraim Seidenberg. Zum einen seien da unterschwellige Schmerzen, die je nach Stimmung mehr oder weniger stark sein könnten. Zum anderen Schmerzen nach Samenergüssen.

Zudem leiden die Zwillinge unter einer Nebenwirkung, die ebenfalls häufig auftritt: einer Verengung der Harnröhre. „Unser Strahl ist dünn“, sagen sie, „es dauert lange, bis die Blase und die Harnröhre vollständig entleert sind. Manchmal bleibt auch noch etwas drin und läuft später heraus, was sehr unangenehm ist.“

Die Brüder reden sehr offen über solche Dinge, was nicht nur daran liegt, dass sie als Mediziner und Naturwissenschaftler auf die Beschneidung blicken. Sie haben in der Schweiz auch einen Betroffenen-Verein gegründet. Er heißt „prepuce.ch“, das ist Französisch und bedeutet „Vorhaut“. „In der Schweiz wird das Thema noch viel zu selten kritisch diskutiert“, sagen sie. „Es gibt keine Regelungen und auch keine medizinischen Leitlinien. Da ist Deutschland weiter.“

Tatsächlich ist hierzulande erst vor wenigen Wochen von führenden medizinischen Fachgesellschaften eine neue Leitlinie zur „Phimose“ veröffentlicht worden. Der Begriff bedeutet „Vorhautverengung“ und bezeichnet eine Diagnose, mit der Beschneidungen oft fälschlicherweise begründet werden.

Die neue Leitlinie ist sehr deutlich darin, wie hart diese Diagnose zu stellen ist – und welche Folgewirkungen Beschneidungen oft haben. Sie soll dazu führen, dass Beschneidungen aus scheinbar medizinischen Gründen weniger werden – und Betroffene ihren Fall später im Zweifel auch besser juristisch aufarbeiten lassen können.

Damit sie nicht das erleben, was Florian erleben musste: „Zwar konnten wir nach fünf Jahren der Auseinandersetzung beweisen, dass ich vor der Beschneidung absolut beschwerdefrei war“, erzählt Florian. „Doch sah das Gericht im Verhalten des Arztes am Ende keinen Verstoß gegen den Facharztstandard, da dieser damals nicht einheitlich praktiziert worden war.“  

Florian scheiterte mit seiner Klage. „Trotzdem war es richtig, den Weg gegangen zu sein“, sagt er. Zum einen, um das traumatische Erlebnis für sich selbst verarbeiten zu können. „Und zum anderen“, sagt Florian, „um auch die Gesellschaft zum Umdenken zu bewegen.“

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