Hamburg

„Leute schreiben mir, ich soll mal wieder vergewaltigt werden“

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 05.05.2022 11:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Huschke Mau setzt sich als Aktivistin gegen Prostitution ein. Foto: Michael Philipp Bader
Huschke Mau setzt sich als Aktivistin gegen Prostitution ein. Foto: Michael Philipp Bader
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Huschke Mau möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der Frauen gekauft werden können. Die Aktivistin und Autorin hat selbst viele Jahre als Prostituierte gearbeitet, jetzt kämpft sie dafür, Freier zu bestrafen und aufzuzeigen, welch brutale Gewalt Frauen angetan wird.

„Deutschland ist das Bordell Europas und diesen Titel hat es sich hart erarbeitet“, schreibt die Aktivistin Huschke Mau in ihrem Buch „Entmenschlicht“. Im Interview spricht die Aktivistin, die selbst über zehn Jahre in der Prostitution gearbeitet hat, über eine Bevölkerung, die nicht hinsehen will, brutalen Rassismus in Freierforen im Hinblick auf den Ukraine-Krieg und das ihrer Meinung nach effektivste Mittel gegen Prostitution: Das Nordische Modell.

Frage: Frau Mau, Sie stellen die Frage, ob Prostitution die Art von Sexualität ist, die wir als Gesellschaft unterstützen wollen. Wie lautet Ihre Definition von Prostitution?

Antwort: Prostitution ist kein Sex auf Augenhöhe, also kein konsensueller Sex, da mindestens ein wirtschaftliches Ungleichgewicht herrscht: Der Mann hat die Macht, die Frau braucht das Geld. Frauen werden als Ware angesehen.

Frage: Viele werden wahrscheinlich meinen, sie hätten mit Prostitution nichts zu tun. Sie sagen aber, dass Prostitution der gesamten Gesellschaft schadet und alle Menschen von ihr betroffen sind. Warum geht das Thema uns alle an?

Antwort: Wenn Männer Frauen kaufen können, hat das natürlich eine Auswirkung auf das Frauenbild innerhalb der gesamten Gesellschaft. Zwar gibt es auch Männer, die sich prostituieren, aber die haben ebenfalls meist männliche Freier. Freier sind Männer, die sagen, Geld ersetzt Konsens und es gibt sehr viele Freier in unserer Gesellschaft. Sie sind unsere Brüder, Chefs und Kollegen. Freier sind Täter, die finden, es ist unter bestimmten Umständen ok, mit einer Frau zu schlafen, auch wenn diese keine Lust darauf hat. Die bestimmten Umstände lassen sich ausweiten. Etwa, wenn die Frau betrunken ist oder in den Augen der Männer aussieht wie eine Schlampe. Deswegen gibt es in Gesellschaften, in denen Prostitution legal ist, auch mehr sexuelle Gewalttaten gegen Frauen.

Frage: Sie sagen, ein Teil der deutschen Bevölkerung hat kein Problem mit Zuhälterei, Zwangsprostitution und Menschenhandel. Was führt Sie zu dieser Annahme?

Antwort: Weil Prostitution massenweise in Deutschland stattfindet. Zuhälter treten als Geschäftsmänner in Talkshows auf oder werden vor Gericht freigesprochen. Prostitution wird als ein Teil von Pop-Kultur gesehen, dabei wird vergessen, dass es um reale Frauen geht. Einmal im Jahr findet in Frankfurt am Main die „Frankfurter Bahnhofsviertelnacht“ im Rotlichtviertel statt. Bei diesem Elendstourismus wird eine Party und eine Gaudi daraus gemacht, die oftmals migrantischen halb nackten Frauen in den Bordellen anzuglotzen. Das geht es zu wie im Zoo – das ist unglaublich. 

Frage: Warum wird so wenig über die negativen Auswirkungen von Prostitution gesprochen?

Antwort: Ich glaube, damit man nichts verändern muss. Solange immer wieder das Argument gebracht wird, dass es Frauen gibt, die sich freiwillig und selbstbestimmt prostituieren, kann alles so bleiben, wie es ist. Ich kenne aber keinen Menschen, der sich mal wirklich ernsthaft mit dem Thema Prostitution auseinandergesetzt, die Gewalt gesehen und danach immer noch gesagt hat: „Ok, es geht mich nichts an.“ Für viele Menschen ist es aber gefährlich hinzugucken, weil sie dann ihr eigenes Verhalten reflektieren müssten. 

Was sagen Sie jenen, die argumentieren, dass sich Prostitution niemals abschaffen lässt und immer geben wird?

Ich habe Visionen und lebe gerne in einer Gesellschaft, die sich weiterentwickeln will. Mord lässt sich wahrscheinlich auch niemals abschaffen, trotzdem haben wir als Gesellschaft eine Haltung dazu entwickelt und sanktionieren solche Taten. Die meisten Menschen halten sich an Gesetze. Daher brauchen wir das Nordische Modell in Deutschland, denn damit reduzieren wir die Anzahl der Freier und somit auch die Anzahl der Prostituierten. Es ist doch kein Naturgesetz, dass es in Deutschland 400.000 Prostituierte gibt und 90 Prozent davon Zwangsprostituierte sind.

In Ländern, in denen das Nordische Modell eingeführt wurde, ist Prostitution nachweislich zurückgegangen. Was sind weitere Vorteile des Modells?

Es bewirkt einen Einstellungswechsel in der Gesellschaft. Bevor es in Schweden eingeführt wurde, war die Mehrheit der Bevölkerung eigentlich dagegen. Je länger es existierte, desto mehr wurde es jedoch von der Gesellschaft akzeptiert. Die junge Generation, die in Schweden heranwächst, kennt das Nordische Modell von Anfang an und es ist für sie nicht denkbar, eine Frau zu kaufen, weil es nicht ihrem Wertesystem entspricht. Und da müssen wir in Deutschland doch auch hin. 

Hat das Prostitutionsschutzgesetz von 2017 die Lage in Deutschland nicht verbessert?

Nein, es gibt seitdem vor allem viele Regeln, die Prostituierte einhalten müssen. Die Situation von Zwangsprostituierten hat sich aber nicht dadurch verbessert, dass sie sich legal anmelden müssen. Gewalt hört ja nicht auf, indem sie bürokratisiert wird. Hinter den Frauen steht trotzdem noch ein Zuhälter und sie können nicht aussteigen. Der sogenannte Hurenpass nützt also gar nichts.

Aus welchen Gründen steigen Frauen in die Prostitution ein?

Es gibt meist mehrere Umstände, die zusammenkommen: Der größte Teil der Frauen in der Prostitution hat vorher schon sexuelle Gewalt erlebt und ist an die Abwertung als Frau gewöhnt. Hinzukommt eine extreme ökonomische Notlage und eine Person, die beim Einstieg hilft. Diese Punkte treffen auf die meisten Prostituierten zu, egal ob sie im Escort oder auf dem Straßenstrich arbeiten und egal, welches Bildungsniveau sie haben. 

Sie machen auch darauf aufmerksam, dass Prostitution von Rassismus lebt, selbst Rassismus ist und zu Rassismus führt. Wie zeigt sich das aktuell im Hinblick auf den Ukraine-Krieg?

So wie Frauen in der Prostitution objektifiziert werden, so wird auch ihre Ethnie sexualisiert. Freier kaufen rassistische Klischees. In Deutschland werden slawische Frauen seit Jahrzehnten ausgebeutet und die Freier haben das Bild vor Augen, dass es sich bei den Frauen, die nach Deutschland kommen, um Huren handelt. Ihre Ethnie wird fetischisiert, sie werden als naturgeil und unemanzipiert beschrieben. In Foren reiben sich Freier gerade die Hände und freuen sich über den Krieg, das zeigt zum Beispiel der Instagram-Account @dieunsichtbarenmaenner. 

Um Frauen vor Menschenhändlern zu schützen, gibt es zum Beispiel Durchsagen an Bahnhöfen, in denen vor dubiosen Übernachtungsangeboten gewarnt wird. 

Freier wissen, dass Frauen sich nicht freiwillig prostituieren, sich in Notlagen befinden und aus Kriegs- und Krisenregionen kommen. Jeder Krieg, den es auf der Welt gibt, ist für Freier ein Fest, denn er bedeutet, dass mehr Frauen in die Bordelle kommen. Deswegen stehen diese Männer jetzt am Bahnhof und lungern vor Flüchtlingsunterkünften herum. Sie denken, sie könnten sich ihre eigene Privat-Prostituierte holen. Sie sehen das Elend und denken sofort an die sexuelle Ausbeutung. 

Auch in Ihrem Buch haben Sie sich dazu entschieden, sehr detailliert und ausführlich aus Freierforen zu zitieren. Warum?

Wer wirklich wissen will, wie Prostitution ist, dem rate ich, eine halbe Stunde in Freierforen mitzulesen. Das ist eine total heilsame Kur gegen die Romantisierung von Prostitution. Welche Gewalt die Männer dort schildern, die sie an Prostituierten ausführen und wie sie über Frauen allgemein sprechen, ist so entlarvend, das schafft keine Studie und kein wissenschaftlicher Text. 

Frage: Wird es das Nordische Modell nach Deutschland schaffen?

Antwort: Ja, auf jeden Fall. Ich glaube daran, dass wir es als Gesellschaft schaffen, progressiv zu handeln. Junge Mädchen müssen die Chance auf eine Gesellschaft bekommen, in der sie erwarten können, dass Sex auf Augenhöhe stattfindet. 

Frage: Kürzlich haben Sie die NDR-Talkshow „deep und deutlich“ verlassen, haben die Moderatoren und Gäste der Sendung als „menschenverachtend, zynisch und naiv“ bezeichnet. Was widerfährt Ihnen noch als Aktivistin?

Antwort: Es ist nicht schön, nur als Ex-Prostituierte wahrgenommen zu werden. Unter meinem echten Namen und weiteren Pseudonymen habe ich auch andere Bücher veröffentlicht. Ich habe ein abgeschlossenes Studium, schreibe gerade meine Doktorarbeit und habe ein Begabtenförderungsstipendium. Trotzdem ist es für die Leute einfacher, meine Meinung über Prostitution nicht zuzulassen, indem sie mich auf die Betroffenheit reduzieren. Ich bin nicht die Geisteswissenschaftlerin, Autorin oder Aktivistin, sondern die Ex-Prostituierte. Das ist schade. Außerdem erhalte ich viele Drohungen und übelste Beschimpfungen. Leute schreiben mir „Du gehörst mal wieder vergewaltigt“. 

Frage: Was treibt Sie an weiterzumachen?

Antwort: Ich weiß einfach, dass ich das Richtige tue. Prostitution ist Gewalt gegen Frauen und ich will daran mitwirken, sie abzuschaffen. 

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