Hamburg
Warum plötzlich alle wieder Schallplatten hören — und ob der Hype bald endet
Die Schallplatte galt lange Zeit als ausgestorben. Doch seit einiger Zeit ist wieder zurück und beliebter denn je, wie neueste Daten zeigen. Kann der Vinyl-Hype die physischen Tonträger noch retten? Eine Analyse entlang von Grafiken.
In diesem Artikel erfährst Du:
Mit Sicherheit kannst Du Dich noch ganz genau an Deine erste CD erinnern — aber auch an Deine letzte? Wahrscheinlich nicht. Denn seien wir mal ehrlich: Seit Spotify und Co. brauchen wir keine CDs mehr. Die gute alte Compact Disc hat ausgedient. Physische Musikalben sind Geschichte – allerdings nur fast. Denn seit einigen Jahren ist die Schallplatte aus der Versenkung zurückgekehrt. Und zwar nicht nur, weil so viele Hipster auf dem Retro-Trip sind. Doch kann der Vinyl-Boom die Tonträger retten?
Der Hype um die schwarzen Scheiben erreichte erst kürzlich solche Ausmaße, dass selbst die Presswerke, in denen die Platten produziert werden, nicht mehr hinterherkamen: Als Adele im November vergangenen Jahres ihr jüngstes Album „30“ veröffentlichte, kam es gar zu Staus in den Plattenwerken. Produktionsfirma Sony orderte nach Angaben der Branchenseite „Variety“ mehr als 500.000 Schallplatten des Albums — zum Ärger von Ed Sheeren. Denn der musste sein Album „Equals“ wegen Adeles Großbestellung und der blockierten Produktionskapazitäten früher als geplant fertigstellen. Ansonsten hätte er nämlich gar keine Schallplatten vom Album-Release verkaufen können.
Es gäbe vielleicht nur drei Plattenpresswerke — und die seien alle von Adele gebucht wurden, vermutete Ed Sheeran. Ganz so knapp ist die Produktionskapazitäten dann allerdings doch nicht. In Europa gibt es fünf große Werke. „Optimal Media“ mit Sitz im mecklenburgischen Röbel ist sogar eines der größten. Jährlich werden dort rund 40 Millionen Schallplatten hergestellt
Die ganze Geschichte erzählt Ed Sheeran in diesem Video:
Und während die Einnahmen durch CD-Verkäufe im vergangenen Jahr um etwa 17 Prozent auf 323 Millionen Euro zurückgingen, befindet sich der Schallplattensektor weiter auf Wachstumskurs. Laut Daten des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI) wurden 2021 in Deutschland rund 118 Millionen Euro mit Vinylalben umgesetzt. Schallplatten sind damit das einzige Tonträgersegment neben Singles, das sich seit rund zehn Jahren konstant im Aufwärtstrend bewegt.
Wie diese Grafik von Statista zeigt, leidet vor allem der Verkauf von CDs unter dem Aufstieg von Streaming-Diensten wie Spotify:
Bemerkenswert ist der Platten-Boom vor allem deswegen, weil laut BVMI im Jahr 2011 nur rund 700.000 Exemplare in Deutschland verkauft wurden. Zehn Jahre später waren es dann knapp 4,5 Millionen neue Tonträger aus Vinyl, die über die Ladentheke gingen — und damit mehr als sechs mal so viel.
Doch woher rührt der Hype ums Vinyl? Wurde der Verkauf zunächst nur von Initiativen wie dem am 23. April stattfindenden Record Store Day und kleineren Labels angekurbelt, setzen seit einigen Jahren auch vermehrt Majorlabels wie Sony, Universal und Warner auf Vinyl-Produktion. Fast jeder Künstler, der was auf sich hält, veröffentlicht neue Alben mittlerweile zusätzlich auch auf Platte.
„Was in der Nische begonnen hat, ist mittlerweile ein veritables Marktsegment geworden“, sagte der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI), Florian Drücke, kürzlich der Deutschen Presse-Agentur. „Dahinter steckt bei vielen sicher der Wunsch der Entschleunigung in einem weitgehend digitalen Umfeld, aber auch das haptische Erlebnis“, so der Experte.
Auch die Zahl der verkauften Plattenspieler in Deutschland steigt wieder, wie Branchenkenner zu berichten wissen. Laut Zahlen des Hemix-Index stieg der Absatz um 8 Prozent von 58.330 im ersten Halbjahr 2020 auf 63.000 in der ersten Jahreshälfte 2021.
Wie lange der Platten-Hype noch anhält? „Für uns geht es weniger um die Frage, ob die Schallplatte irgendwann ausstirbt oder nicht, entscheidend ist, dass es sie gibt, solange sie für Fans einen Mehrwert hat“, sage Drücke.
Wer gerne Schallplatten hört, findet die größte Auswahl laut Statista-Grafik in Berlin:
Die Wiederauferstehung der Schallplatte kann aber kaum darüber hinwegtäuschen, dass das physische Tonträger in Zukunft wohl immer mehr zum Nischenprodukt werden. Der während mit CDs und Co insgesamt immer weniger Umsatz gemacht wird, wird das Streamen von Musik immer beliebter. So wurden im vergangenen Jahr hierzulande 165 Milliarden Streams gemessen – fast ein Fünftel mehr als 2020 (138 Milliarden), über die Hälfte mehr als 2019 (108 Milliarden) und doppelt so viele wie 2018, als noch 80 Milliarden Abrufe vermeldet wurden.
Damit wurden 2021 rund 68 Prozent oder 1,3 Milliarden Euro mit Streaming über Plattformen wie Spotify oder Apple Music umgesetzt.
(mit Material der dpa)