Hannover
Warum Gerhard Schröder so ein Sturkopf ist - eine Spurensuche
Tritt Altkanzler Gerhard Schröder womöglich irgendwann freiwillig aus der SPD aus? Weggefährten halten das für äußerst unwahrscheinlich.
Nur wenige Hundert Meter von der Villa des Altkanzlers Gerhard Schröder (SPD) nimmt Christian Wulff (CDU), Ex-Bundespräsident und ehemaliger Ministerpräsident Niedersachsens, aus den Händen von Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) die Landesmedaille entgegen. Es ist die höchste Auszeichnung des Landes Niedersachsen, die Wulff am Mittwochabend im Beisein seiner Gattin Bettina und seiner Kinder im Gästehaus der Landesregierung im feinen Zooviertel von Hannover überreicht bekommt.
Unweit der Feierlichkeit sitzen zwei Polizeibeamte im VW-Bus und haben ständig ein Auge auf Schröders Villa. Seit Wochen wird das weiße Stadthaus wegen der vielfach kritisierten russlandfreundlichen Haltung Schröders rund um die Uhr bewacht.
Auch Gerhard Schröder ist Inhaber der Landesmedaille - ebenso wie inklusive Wulff 22 weitere Persönlichkeiten, darunter der Raumfahrer Thomas Reiter sowie die Unternehmer Dirk Roßmann und Martin Kind. Forderungen von CDU und FDP, der Ministerpräsident solle Schröder die Landesmedaille aberkennen, weil dieser trotz des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine unbeirrt an an seinen Verbindungen nach Russland festhält, kommt Weil nicht nach - bislang jedenfalls.
Weil sagt dann Sätze wie: „In seiner aktiven Zeit, als er öffentliche Ämter innehatte, als er viel Verantwortung auch für Niedersachsen hatte, hat Gerhard Schröder sehr viel Gutes für unser Land getan.“ Dass sich Schröder nun als Privatmann in wichtigen Fragen so äußere, wie man es nicht billigen könne, bedauere er sehr, fügt Weil hinzu. Die Haltung des Altkanzlers zum Ukraine-Krieg sei enttäuschend. „Ich hätte mir sehr gewünscht, dass nach zwei Monaten Erfahrung mit diesem schrecklichen Krieg auch Gerhard Schröder die richtigen Konsequenzen zieht und seine Mandate aus den russischen Energieunternehmen zurückgibt.“
Doch warum ist Gerhard Schröder so ein Sturkopf? „Er ist ein sehr eigensinniger Mensch. Und das wird sich auch nicht mehr ändern. Schröder ist und bleibt Schröder“, sagt ein ehemals führender Wirtschaftsvertreter im Gespräch mit unserer Redaktion. Und aus seinem privaten Umfeld heißt es, einer wie Gerhard Schröder lasse sich nicht vorschreiben, was er zu tun und zu lassen habe. Am Geld jedenfalls liege es nicht, dass Schröder keinen Abstand von seinen Posten in russischen Energieunternehmen nehme.
Manche reden gar schon von Altersstarrsinn. Doch die Starrköpfigkeit Schröders ist kein Phänomen, das erst im Alter hervorgetreten wäre. Unvergessen ist, dass er am Wahlabend 2005 schlicht nicht wahrhaben wollte, dass er einst die Wahl gegen Angela Merkel verloren hatte. Diese Überheblichkeit ist sinnbildlich für Schröder.
„Ihm ist egal, was andere über ihn denken und was in sozialen Netzwerken über ihn gesagt wird, bekommt er meist nicht mit, weil er in diesem Bereich nicht aktiv ist“, weiß ein enger Vertrauter und fügt hinzu: „Schröder ist überzeugt davon, dass viele ihm ohnehin nicht das Wasser reichen können.“ Auf Kritiker reagiere er daher entweder gar nicht oder auch gern mit der rhetorischen Frage: „Kenn’ ich den?“.
Dazu passt auch, dass Schröder mit einem Interview mit der Berlin-Chefin der „New York Times“ die Empörung über sein Verhalten gegenüber Russland kürzlich noch angeheizt hat. „Ich mach nicht auf mea culpa. Das ist nicht mein Ding“, sagte er in gewohnt schnoddrigem Stil in seinem Büro in Hannover.
Und Schröder ist ein Mann mit Prinzipien, wenn auch fragwürdigen. Dass er von sich aus die Ehrenbürgerwürde der Stadt Hannover zurückgegeben habe, sei zu erwarten gewesen. „So eine lokale Auszeichnung ist ihm nicht so wichtig“, weiß eine Schröder-Kennerin. Und wie sieht es mit der Landesmedaille und seiner SPD-Zugehörigkeit aus? „Das ist eine andere Ebene. Die Auszeichnung des Landes Niedersachsens gibt er ebensowenig freiwillig zurück wie sein SPD-Parteibuch.“
Gut möglich, dass Ministerpräsident Weil von Schröder eines Tages doch so genervt ist, dass er ihm die Landesmedaille wieder wegnimmt. Das ginge relativ einfach, weil die Regularien zur Landesmedaille ausdrücklich vorsehen, dass der Ministerpräsident die Verleihung nachträglich widerrufen kann, wenn sich ein Empfänger „durch sein späteres Verhalten dieser Auszeichnung unwürdig“ erweist.
Schwieriger dürfte es werden, Schröder aus der SPD zu werfen. „Er würde in den Rechtskampf gehen und diesen möglicherweise auch gewinnen“, heißt es aus Schröders Umfeld. Während Weil aus seiner Enttäuschung über Schröder kein Geheimnis macht, zeigt auch SPD-Vize und Arbeitsminister Hubertus Heil sich im Gespräch mit unserer Redaktion „sehr, sehr traurig“ über das Verhalten des Ex-Kanzlers.
Sollte Schröder, wenn er wie angenommen nicht freiwillig geht, dann aus der SPD ausgeschlossen werden? Heil verweist darauf, dass mehrere SPD-Verbände Anträge auf einen Parteiausschluss gestellt haben. „Über diesen wird nach der Satzung der SPD und in Einklang mit dem Parteiengesetz ein unabhängiges Schiedsgericht entscheiden.“