Osnabrück
Tweets statt Tesla: Elon Musks nächster Kampf gilt der Freiheit der Rede
Unternehmer Elon Musk wird für rund 44 Milliarden Euro den Kurznachrichtendienst Twitter kaufen. Nach dem Raumfahrtunternehmen SpaceX und dem E-Autohersteller Tesla das Großprojekt für Musk. NOZ-Vize Burkhard Ewert ordnet diesen Kauf ein und erklärt das Phänomen Elon Musk.
Ich bin kein Fan von Elon Musk. Ich gönne dem Tesla-Gründer großen Reichtum. Ich kenne seinen Unternehmersinn an. Ich bewundere seine Kraft, wild und exzentrisch zu leben.
Parallel aber strahlt Musk den Anspruch aus, sich für sein Geld alles und jeden kaufen zu können. Für sympathisch halte ich das nicht, für empathisch noch weniger.
Viel grundsätzlicher: Übergroße Macht sollte nicht in der Hand einzelner Menschen liegen – keine politische, keine religiöse, keine wirtschaftliche und auch keine finanzielle.
Zugleich ist es nicht so, dass sich Leute wie er ihre Macht irgendwie nehmen würden. Sie wird ihnen verliehen, von ihren Kunden, von ihrem Gefolge. So auch bei Musk. Er wäre nie so mächtig geworden, hätten nicht Millionen Menschen an seiner Elektro-Story gläubig mitgewirkt. Dazu zählt die gutmenschelnde Blase auf Twitter, die seine Autos früh zum Megatrend erklärt hatte – in genau jenem Netzwerk also, das Musk gerade für den Gegenwert des deutschen Verteidigungshaushalts zu kaufen gedenkt.
Es schließt sich ein Kreis, wenn sich genau diese User nun darüber beklagen, dass „ihr“ Twitter von Musk erworben wird – von dem Mann, den sie geholfen haben groß zu machen.
Mit Musks Elektromarke ließ es sich trefflich lästern gegen Traditionskonzerne wie VW, Daimler und BMW. Ein cooler Ausländer macht den deutschen Auto-Vorständen und Innenstadtvergiftern Beine. Diese Story gefiel den Twitter-Ökos. Sie dachten, Musk sei ihr Werkzeug – es war umgekehrt.
Ich weiß gar nicht, was vom Rest der Republik aus spannender zu beobachten war: Musks Aufstieg zum reichsten Menschen der Welt oder die fortschreitende Desillusionierung seiner Helfer.
Erste Zweifel wurden laut, als er auch noch Raumfahrt wollte. Sie ist dem Wohlstandslinken in seiner Altbauwohnung suspekt.
Wenig später präsentierte Musk ein Pickup-Tesla-SUV im Militärstil – schwer, groß, protzig. Es passte so gar nicht zum Elektromobilitätsbild, das schon einen Golf als unvernünftig und überdimensioniert kritisiert. Musk aber meint, dass augenscheinlich auch Angeber mit Ego-Problemen ihre Humvees durch ein Elektromobil aus seiner Firma ersetzen können sollen.
Markante Meinungsäußerungen kamen hinzu. Er sei ein Absolutist der freien Rede, betont Musk – auf Twitter geradezu ein rotes Tuch, wo Sprechverbote zum Ritus zählen, Worte ein Tabu bilden können und der Ruf nach Sperrung ein Sport ist, sobald eine Meinung dem Mob nicht passt.
Corona hielt er für ein aufgeblasenes Thema, das die Freiheit bedrohe.
Bitter treffend auch eine Äußerung über Netflix vor ein paar Tagen. Musk twitterte böse, es wundere ihn nicht, dass der Fernsehdienst Zuschauer verliere – die zwanghafte Woke-Ausrichtung sei zur Zumutung geworden. Und tatsächlich: In einer erfolgreichen Wikinger-Serie findet sich neuerdings eine schwarze Frau als Häuptling. Um die klassischen Muster gleich dreifach pädagogisch wertvoll zu brechen, müsste sie nur noch lesbisch sein; vermutlich ist sie es.
Anderes Beispiel: Vor wenigen Tagen hatte eine Netflix-Serie Premiere, in der ein Mann schwanger wird. Musk – siebenfacher Vater – wird sie nicht sehen, darf man annehmen. Er wird stattdessen Tweets verfassen und jene Leute zur Weißglut treiben, die ihre sorgsam aufgebaute Diskursdominanz bei Twitter bedroht sehen.
Wer weiß, vielleicht gelingt es ihm erneut, eine vermeintlich gesetzmäßig vorherrschende Gewissheit zu durchbrechen und einer Innovation zur Akzeptanz zu verhelfen. Bei Tesla begegnete er ohne Respekt der Dominanz der vorherrschenden Verbrennerkultur - bei Twitter nimmt er einen ähnlichen Kampf auf mit den Hohepriestern der politischen Korrektheit.
Ein Erfolg wäre nicht weniger spektakulär, und auch hier wird darüber entscheiden, ob die Menschen ihm folgen, ob sie ihm die Macht geben, mit seinem Vorhaben erfolgreich zu sein.