Hamburg
Ex-Prostituierte über NDR-Talkshow: „Zynisch und menschenverachtend“
Über zehn Jahre arbeitete Huschke Mau als Prostituierte. Über ihre Gewalterfahrungen und ihren Kampf für Ausstiegshilfen und die Bestrafung von Freiern wollte die Aktivistin in der NDR-Talkshow „deep und deutlich“ sprechen. Doch dazu kam es nicht. Der Grund war unter anderem Kolumnist Sascha Lobo.
Wutentbrannt verließ die Autorin und Aktivistin Huschke Mau (ihr Name ist ein Pseudonym) am Samstagabend nach nur knapp 40 Minuten die NDR-Talkshow „deep und deutlich“. „Ich bin viel gewohnt in Diskussionen, aber hier neben so privilegierten Menschen zu sitzen und mir so eine Scheiße anzuhören...“ sind ihre letzten Worte, nachdem sie sich abkabelt und aus dem Studio verschwindet. Wie konnte es soweit kommen?
Laut Eigenbeschreibung sollen in der Sendung „deep und deutlich“ Prominente und „inspirierende Menschen ihre Geschichten erzählen“ und dafür eine halbe Stunde Zeit bekommen. Mau fand sich jedoch innerhalb kürzester Zeit in einer Diskussion über die Legalisierung von Prostitution mit den beiden Moderatoren Aminata Belli und Michel Abdollahi, der Youtuberin Alicia Joe und dem Paar Sascha und Jule Lobo wieder.
„Was passiert ist, war symbolisch dafür, wie die Gesellschaft mit uns Prostituierten umgeht“, sagt Huschke Mau im Gespräch mit unserer Redaktion. Mau hat selbst über zehn Jahre als Prostituierte gearbeitet und über diese Zeit das Buch „Entmenschlicht - Warum wir Prostitution abschaffen sollten“ geschrieben. Sie sagt: Sex gegen Geld könne nie einvernehmlich sein und sei deshalb immer eine Form von Gewalt und geduldeter Missbrauch. Sie ist Verfechterin des in Schweden entwickelten „Nordischen Modells“, das Sexkauf verbietet und Freier bestraft sowie Prostituierte entkriminalisiert.
Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo aber findet, dass das „Nordische Modell“ den Frauen mehr schade als nütze und fordert in der Sendung „rigide Kontrollen in den Bordellen und mehr Frauenhäuser.“ Ein Verbot aber sieht er kritisch und zieht den Vergleich zu Drogen. „Nur weil es verboten ist, heißt das nicht, dass es nicht mehr passiert.“
Zudem wirft der Internetexperte Mau vor, sie würde, indem sie Sexkauf und Vergewaltigung gleichsetzt, sexualisierte Gewalt verharmlosen.“ Mau ist darüber fassungslos: „Da sitzt dann dieser Mann und sagt, er ist Feminist und erklärt mir mal, was Vergewaltigung wirklich ist. Und das, obwohl ich vorher erzählt habe, dass ich in meiner Kindheit sexuelle Gewalt erlebt habe.“
Dass die Moderation an diesem Punkt nicht eingegriffen hat, kann Mau nicht nachvollziehen. Auch an Moderatorin Aminata Belli äußert sie Kritik: Diese hielt der Aktivistin vor, sie habe kürzlich mit einer Frau gedreht, die als Escort arbeitet und ihr gezeigt und erklärt habe, wieso sie diesen Job gerne mache.
„Ich ärgere mich, weil die Leute, die immer mit dieser einen selbstbestimmten Sexarbeiterin kommen, sich hinter dieser Frau verstecken, damit sie sich nicht selber hinstellen und sagen müssen, warum sie wollen, dass es Prostitution weiterhin gibt.“
Mau findet, ihr sei in der Sendung nicht zugehört worden, denn sie habe immer wieder versucht, über Zwangsprostitution zu sprechen. „Es war menschenverachtend. Ich erwarte von Menschen nicht, dass sie meine Meinung teilen, vor allem nicht über das ‘Nordische Modell’. Aber ich erwarte, dass sie sich hinstellen und sagen: Ich sehe, dass es Zwangsprostitution gibt und das ist ein Problem.“ Auch auf ihrem Instagram-Account machte sie ihrem Ärger Luft.
Zudem empfand Mau die Beiträge der Studio-Gäste als „zynisch und naiv“. Jule Lobo fragte die Ex-Prostituierte, ob sie ihren ersten Zuhälter, der ein Polizist war, auch angezeigt habe. Mau lachte daraufhin auf und sagte: „Ich glaube, wir kommen aus unterschiedlichen Welten.“ Die Youtuberin Alicia Joe schlug vor, den Einstieg in die Prostitution über psychologische Gutachten zu reglementieren.
Letztendlich, so Mau, habe sie die Sendung auch verlassen, um die Würde der vielen anderen Frauen, die sich in der Prostitution befinden, nicht zu beschädigen. „Wenn ich sitzen geblieben wäre, hätte ich damit gezeigt, dass man so mit uns umgehen darf - und das geht nicht. Wenn meine Stimme in der Diskussion überhaupt keinen Wert hat, dann sollen Betroffene doch aus dem Diskurs ausgeschlossen werden.“
In einem kurzen Video-Statement am Ende der Sendung bittet Moderatorin Belli im Namen des Teams um Entschuldigung. „Wir möchten in unserer Talkshow unseren Gästen den Raum und die Sicherheit geben, dass sie ihre Geschichten erzählen können und dass sie gehört werden. Und das ist uns nicht gelungen.“