Sögel
Am Tropf von Tönnies: So wirkt sich Schlachtkrise auf Sögel aus
Die Schlachtbranche steckt in der Krise. Was ist jetzt schon davon zu spüren? Wie schlimm wird es werden? Eine Spurensuche in Sögel, dem Ort mit dem größten Schweineschlachthof Norddeutschlands - ein Dorf am Tropf von Tönnies.
Der Schlachthof ist Sögel. Sögel ist der Schlachthof. So ganz stimmt das natürlich nicht. Da wäre beispielsweise noch das barocke Lustschloss. Aber irgendwie passt es dann doch. Vieles in der kleinen Gemeinde im Landkreis Emsland hängt von dem Unternehmen Weidemark ab, das zum Tönnies-Konzern gehört. Weidemark ist der größte Schweineschlachthof Norddeutschlands. Nirgendwo sonst im Norden könnten so viele Schweine getötet und zerteilt werden wie hier.
Werden sie in diesen Wochen aber nicht. Und da beginnen die Probleme für Sögel. Denn die Beziehung zum Schlachthof ist keine symbiotische. Die Kommune im Westen Niedersachsens ist abhängig davon, dass es dem Unternehmen gut geht. Und das ist eben besonders dann der Fall, wenn möglichst viele Schweine geschlachtet werden. Die enge Bindung ist vergleichbar mit Volkswagen und Wolfsburg oder der Meyer Werft und Papenburg.
In einer Zeit vor Ukraine-Krieg, vor Corona und vor der Tierseuche Afrikanische Schweinepest war einmal die Rede davon, dass in Sögel mehr als 100.000 Schweine in der Woche geschlachtet werden könnten. Das gibt zumindest die Genehmigung her. De facto waren es wohl immer einige Tausend Schweine weniger.
Dann kamen die vielen Krisen, die zusammengenommen existenzbedrohend sind für die Fleischbranche. In einem Artikel unserer Redaktion mit dem Titel “Schweinedämmerung” brachte Analyst Klaus-Martin Fischer die Situation so auf den Punkt: “Die Konsolidierung ist großes Thema in der Branche. Von Standortschließungen bis hin zu einzelnen Unternehmen, die bereits wackeln und den Markt verlassen, ist derzeit alles denkbar.”
Inwieweit wird Sögel vom Krisensog erfasst? “Die Gerüchteküche brodelt”, heißt es im Ort. Aber offen äußern will sich niemand. So als wolle niemand die Erkenntnis dieser Tage aussprechen: Plötzlich wird offenbar, dass die Abhängigkeit vom einzigen großen Industriebetrieb der Gemeinde zum Verhängnis werden könnte.
Lange ist es ja gut gegangen. Der Betrieb im Landkreis Emsland hat ein beachtliches Wachstum hingelegt. 1998 von Tönnies übernommen, entstand in Sögel einer der modernsten Betriebe seiner Art. Und mit dem Betrieb wuchs Sögel. Der Ort ist aufgeräumt, ein schöner Marktplatz, ein großes Rathaus.
Das alles wirkt ein wenig überdimensioniert für eine Gemeinde mit 8000 Einwohnern. 16.000 sind es in der gleichnamigen Samtgemeinde, zu der noch einige kleinere Dörfer um Sögel herum gehören. Die kommunale Kläranlage ist auf 60.000 Einwohner ausgelegt, oder anders gesagt: Auf reichlich Schmutzwasser auch aus dem Schlachthof.
Die Arbeit von 120 Beschäftigten - und somit fast die Hälfte aller Mitarbeiter der Samtgemeindeverwaltung - hängt direkt vom Schlachthof ab: amtliche Fleischbeschauer und Veterinäre. Werden weniger Schweine geschlachtet, fällt weniger Schmutzwasser an und muss weniger Fleisch untersucht werden.
Braucht es das alles noch? Von den 100.000 Schweineschlachtungen ist Weidemark weit weg. Wie weit genau, ist unklar. Ein Sprecher von Tönnies erklärt auf Anfrage, man bewege sich derzeit auf dem Vorjahresniveau. Eine genaue Zahl nennt er nicht.
2021 aber würde bedeuten: Corona-Niveau und damit mutmaßlich ein bisschen mehr als die Hälfte der maximal erlaubten Schlachtungen. Hinzu kommen die enorm gestiegenen Kosten in diesem Jahr für Energie, Verpackung und den wichtigsten Rohstoff: die Schweine. Die werden nämlich mittlerweile knapp, weil viele Bauern aufgegeben haben oder ihre Ställe zumindest phasenweise leer stehen lassen.
Um 900 Millionen Euro ist der Umsatz des Konzerns 2021 zurückgegangen, auf 6,2 Milliarden Euro. „Das Jahr 2021 war für uns nicht zufriedenstellend“, resümierte Clemens Tönnies am Mittwoch in einer Mitteilung. seines Unternehmens. Zu den Schlachtzahlen machte der Konzern keine Angaben. Das war in den Vorjahren bei den Geschäftsberichten schon einmal anders.
Der Konzern hat nach eigenen Angaben einen Transformationsprozess eingeleitet. Und setzt dabei auch auf den Standort in Sögel, heißt es aus der Zentrale in Rheda-Wiedenbrück: Der Standort in Sögel sei “hochtechnisiert und hervorragend aufgestellt, um diesen Veränderungen Stand zu halten und weiterhin erfolgreich zu sein.”
Aber dennoch sind da eben diese Gerüchte in Sögel. Und nicht nur dort. Bis in die Landespolitik in Niedersachsen haben sie sich rumgesprochen. Auch in Hannover ist bekannt, dass es Weidemark nicht gut geht. Nur wie schlecht genau, darüber herrscht Unklarheit.
In der Firmenzentrale wisse man um das, was Geredet werde, versichert der Tönnies-Sprecher. “Die Gerüchte häufen sich tatsächlich in den vergangenen Wochen, das bekommen wir auch mit. Aber da ist nichts dran.”
Woran genau? Unserer Redaktion liegen eine Reihe von Schreiben aus dem Hause Weidemark vor: Bei einigen handelte es sich um fristlose Kündigungen, bei anderen um Arbeitsverhältnisse, die über die Probezeit hinaus “aus betriebsbedingten Gründen” nicht verlängert werden.
Zufall? Bei der Arbeitsagentur beobachtet man derzeit keine Auffälligkeiten rund um Sögel. Und bei einem Betrieb mit Tausenden Mitarbeitern mag es durchaus vorkommen, dass sich der Arbeitgeber von einigen trennt. Aber in der jetzigen Situation spricht sich das eben schnell rum. So groß ist Sögel nicht.
Und deswegen fällt eben auch auf, dass mittlerweile einige Wohnungen im Ort leer stehen, die vormals von Schlachthof-Mitarbeitern bewohnt wurden. Lange Zeit herrschte Wohnraumknappheit in dem Ort. Selbst Bruchbuden konnten zu teils horrenden Preisen an Arbeiter aus Rumänien, Polen, Bulgarien oder Ungarn vermietet werden. Nun gibt es Leerstand.
Viele Arbeiter haben über die Zeit ihre Familien nachgeholt oder welche in Sögel gegründet. Die Zahl der Kita- und Schulplätze musste aufgestockt werden. Und müsste es eigentlich auch noch weiter. Aber bleiben die Familien, wenn es im Schlachthof keine Arbeit mehr gibt?
Aktuell seien gleichwohl noch keine massenhaften Abmeldungen in Kitas oder Schulen zu beobachten. Das melden jedenfalls die örtliche Grundschule sowie die Oberschule.
Es zeichnet sich jeweils nicht ab, dass der Schlachthof alsbald wieder unter Volllast laufen wird. Der Fleischkonsum in Deutschland sinkt. Der Exportmarkt in China bleibt bis auf Weiteres verschlossen. Die Zahl der gehaltenen Schweine geht immer weiter zurück. Braucht Tönnies Sögel da noch? Ja, heißt es aus der Firmenzentrale in Nordrhein-Westfalen.
Vor dem Schlachthof stehen derweil an einem Freitagvormittag nur drei Transporter mit Tieren. Die Ladeflächen sind nicht besonders voll. Nur vereinzelt ragen Rüssel aus den Luftschlitzen an den Seiten der Fahrzeugaufbauten. Früher stauten sich hier regelrecht die Viehtransporter. Diese Zeiten, so scheint es, sind vorbei. Für immer?