Rostock

„So sind die halt“: Wie Rostocker auf einen 13-jährigen Messerstecher reagieren

Aline Farbacher und Jens Griesbach
|
Von Aline Farbacher und Jens Griesbach
| 26.04.2022 11:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Am Sonntag fahndete die Rostocker Polizei bei einem Großeinsatz nach dem 13-Jährigen, der zwei gleichaltrige Mädchen angriff und auf eine mit einem Messer einstach. Foto: Stefan Tretropp
Am Sonntag fahndete die Rostocker Polizei bei einem Großeinsatz nach dem 13-Jährigen, der zwei gleichaltrige Mädchen angriff und auf eine mit einem Messer einstach. Foto: Stefan Tretropp
Artikel teilen:

In Rostock hat ein 13-Jähriger zwei Mädchen mit dem Messer attackiert. Die Anwohner des Viertels reagieren zum Teil verblüffend gelassen.

Was wie eine Szene aus dem Polizeiruf klingt, ist im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel am Nachmittag des 24. April tatsächlich passiert. Ein 13-jähriger Junge griff zwei gleichaltrige Mädchen an und verletzte eins von ihnen mit einem Messer.

Ein Kind, das zusticht, ist etwas, was wider Erwarten nicht alle Bewohner des Stadtteils in Schockstarre verfallen lässt. „So sind die halt, die Kinder heutzutage“, sagt die 25-jährige Luisa, die am Montagmittag ihren Kinderwagen über den Toitenwinkler Stern schiebt.

Dass Kinder gewalttätig werden, liege an einem schwachen sozialen Umfeld. Viele würden sich nicht nur in Toitenwinkel, sondern auch in Dierkow und anderen Stadtteilen schnell beeinflussen lassen. Sie würden Dinge tun, „um cool zu sein“, sagt die junge Mutter, die in Toitenwinkel aufgewachsen ist. „Es fehlen Möglichkeiten, die Kinder aufzufangen, das müsste ausgebaut werden“, sagt ihre Freundin Claudia, die ihre kleine Tochter auf dem Laufrad dabei hat.

Laut Gerüchten soll der Junge zugeschlagen und -gestochen haben, weil die Mädchen drohten, ihn bei der Polizei wegen seiner Drogengeschäfte anzuzeigen. Dass bei der Geschichte etwas wahr ist, können sich die beiden jungen Mütter vorstellen.

„Die wissen, dass sie noch nicht strafmündig sind, das ist doch gang und gäbe“, sagt Claudia. Dennoch haben beide Mütter keine Angst um ihre Kinder und fühlen sich im Viertel wohl. Immerhin käme sowas nicht jeden Tag vor.

„Es ist halt so, es schockiert einen irgendwie nicht, auch wenn ich nicht sagen will, dass das hier dauernd passieren würde“, sagt Julian, der zuvor mit seinen Freunden in ein Gespräch über den Vorfall verwickelt war. Aber es sei schon krass, dass ein Kind ein anderes mit dem Messer angreift, so der 16-Jährige.

Wenig überrascht hat der Vorfall auch Phillip Schnabel und seine Frau Heike, die an diesem Montagmittag ihren Kinderwagen durch den Park am Friedensforum schieben. Zehnjährige, die ihnen erzählen, wie und wo im Viertel mit Drogen gedealt wird. Jugendliche, die Messer bei sich tragen, sind Situationen, welche die beiden Gemeindepädagogen der Kirchengemeinde Toitenwinkel aus ihrem Arbeitsalltag kennen.

„Die bauen Mist, weil sie nicht wissen, was sie sonst machen sollen“, berichtet Phillip Schnabel. Vielen fehle ein Vorbild, welches ihnen andere Perspektiven aufzeigt, sagt er. „Trotzdem sind diese Kinder innerlich ganz verletzlich und ein Abbild von dem, was sie erlebt haben“, sagt Heike Schnabel. Ihre Arbeit, den Kindern zuhören und sie zu unterstützen, sei deswegen immens wichtig.

„Ich war geschockt, als ich das gehört habe“, sagt hingegen Susanne Black. Vor allem weil der Junge erst 13 Jahre alt ist. „Ich bin mir auch nicht mehr ganz so sicher, ob ich meine Kinder jetzt einfach draußen alleine rumlaufen lassen kann, es hätte ja auch mein Kind sein können“, sagt die 32-Jährige, die selbst drei Kinder hat, darunter auch ein 13-jähriger Sohn.

„Ich bin bestürzt über das Ausmaß der Gewalt und komme nicht umhin zu überlegen, ob wir in unserer Stadt genügend Unterstützung und passende Hilfsangebote für die jungen Menschen und ihre Familien bereit stellen, die sie so dringend brauchen“, sagt Johannes Schmidt, Quartiermanager von Toitenwinkel.

Anke Knitter (SPD), Vorsitzende des Ortsbeirats Toitenwinkel, zeigte sich ebenfalls schockiert von der Messerattacke. „Ich verurteile diese schlimme Form der Gewalt“, sagt sie. Vor allem das Alter des Tatverdächtigen habe sie stutzig gemacht.

„Diese Tat geht über normale Aggressivität wie zum Beispiel einen Papierkorb anzünden deutlich hinaus“, so Knitter. „Wir müssen in den Einrichtungen im Stadtteil nachhaken, ob dort generell ein aggressiveres Verhalten von Jugendlichen zu beobachten ist.“ Es sei durchaus möglich, dass sich Gewalt durch die lange Corona-Pandemie aufgestaut habe.

Allerdings hält Anke Knitter Toitenwinkel für nicht gefährlicher als andere Rostocker Stadtteile. „Vorfälle gibt es immer wieder, aber das bewegt sich alles im normalen Rahmen eines Stadtteils dieser Größe“, sagte sie. Der Ortsbeirat befände sich regelmäßigen im Austausch mit der Polizei vor Ort. Nachdem der 13-Jährige am Sonntag von der Polizei aufgegriffen wurde, übergaben ihn die Beamten in die Obhut der Mitarbeiter seiner Wohngruppe. Dazu, wie nun weiter verfahren wird, äußerte sich die Polizei bisher nicht.

Ähnliche Artikel