Osnabrück
Vor Plädoyers: Das müssen Sie über den Fall Hendrik Holt wissen
Sie haben gestanden, mit teils oder ganz gefälschten Windparkprojekten internationale Energiekonzerne um Millionen betrogen zu haben. Mehr als 700 Tage nach der Festnahme von Hendrik Holt und anderen hält die Staatsanwaltschaft nun am Dienstag ihr Plädoyer. Was den Fall ausmacht und Holt und seine Mitstreiter erwarten könnte.
Wer ist Hendrik Holt?
Windkraft-Wunderkind oder Betrüger, diese Frage stellte sich zu Beginn des Prozesses gegen Hendrik Holt. Nach mehr als 50 Prozesstagen und einem Geständnis steht fest: Auf den 32-Jährigen trifft letzteres zu. Holt stammt aus einer Unternehmerfamilie aus Haselünne. Sein Vater war in dritter Generation Bauunternehmer, allerdings ging die mittelgroße Firma Pleite als Holt noch Jugendlicher war.
Holt junior stieg nach eigener Aussage früh ins Windkraft-Geschäft ein, spezialisierte sich auf sogenanntes Frühphasen-Investment. In einem offenbar durch seine eigene PR-Agentur verfassten Wikipedia-Eintrag hieß es, „mit einem geschätzten Vermögen von 250 Millionen Euro“ gehöre er zu den reichsten Menschen Norddeutschlands. Dies war frei erfunden. Ebenso wie der Doktortitel, mit dem er sich zeitweise schmückte.
Mitte April 2020 wurden Holt und andere wegen des mutmaßlichen Millionenbetruges im Windkraftsektor festgenommen. Vor Gericht trat der Emsländer, der zuvor laut eigenen Pressemitteilungen noch unter anderem Andorra per Windkraft energieautark machen wollte, selbstsicher und von sich selbst überzeugt auf. Reue zeigte er während seiner Aussage nicht. Er bat seine Opfer – internationale Energiekonzerne - auch nicht um Entschuldigung, sondern attestierte ihnen beziehungsweise den von ihnen beauftragten Anwaltskanzleien mangelnde Kenntnis über den deutschen Windkraftmarkt.
Worum geht es vor Gericht?
In dem Verfahren gegen Hendrik Holt und andere geht es um mutmaßliche Projekte in eben jenem Windkraftmarkt. Zusammen mit seiner Mutter, einer Schwester, seinem Bruder und dem „väterlichen Freund“ Heinz L. hat Hendrik Holt gestanden, internationale Energiekonzerne um mehrere Millionen Euro geprellt zu haben, indem sie mit ihnen Verträge über zu großen Teilen erfundene Windparkprojekte schlossen.
Insgesamt rund 1200 Dokumente – darunter Flächennutzungsverträge und Gemeindeschreiben – haben 25 Ermittlungsbeamte sechs Monate lang auf ihre Echtheit überprüft. Das Fazit eines leitenden Ermittlungsbeamten auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft vor Gericht: Bis auf ganz wenige Ausnahmen seien alle Unterschriften gefälscht. Unter den Unterschriften der Verträge mit Grundstückseigentümern ist auch diejenige mindestens einer Frau, die zum Zeitpunkt der vermeintlichen Unterschrift längst tot war. Die Fälschungen, das kam im Prozess raus, wurden selbst bei vermeintlichen Urlaubsaufenthalten etwa auf Sylt, vorgenommen.
Wann wurden die Angeklagten festgenommen?
Hendrik Holt, seine Mutter, Schwester und sein Bruder wurden in einer koordinierten Aktion am 17. April 2020 an unterschiedlichen Orten in Deutschland festgenommen. Unter anderem Bargeld, Uhren, Schmuck, Luxusfahrzeuge und die Villa der Familie wurden beschlagnahmt. Die Villa in Bakum wurde mittlerweile verkauft, andere Vermögenswerte versteigert.
Hendrik Holt selbst trafen Polizeibeamte in der Brandenburg-Suite des Berliner Luxushotels Adlon an, in dem er sich eigenen Angaben zufolge üblicherweise aufhielt, wenn er in Deutschland war. Die Nacht in dieser Suite kostet weit mehr als 1000 Euro. Finanzdirektor Heinz L. hielt sich zu dem Zeitpunkt im Libanon auf und wurde im September 2020 ausgeliefert.
Wie flog der Betrug auf?
Letztlich waren es nicht teure Anwaltskanzleien oder die internationalen Energiekonzerne selbst, die das mutmaßliche Windkraftimperium des Hendrik Holt zum Einsturz brachten, sondern zwei Frauen aus dem Norden. Eine Kommunalbeamtin der 12.000-Einwohner-Gemeinde Barßel im Landkreis Cloppenburg brachte eines der gefälschten Gemeindeschreiben der Holts zur Anzeige – eines, dass sie angeblich unterschrieben haben sollte. Das Schreiben brachte die Ermittlungen gegen Holt letztlich in Gang.
Dass die Kommunalbeamtin überhaupt von diesem Schreiben erfuhr, liegt an einer Mitarbeiterin des Vareler Unternehmens Deutsche Windguard. Sie sollte im Auftrag eines Kunden Windkraftprojekte prüfen. Anders als Anwaltskanzleien, kamen ihr die in einem digitalen Datenraum hinterlegten Dokumente zu Projekten vor allem im Landkreis Cloppenburg und im Emsland seltsam vor. Ihr Gespür sollte sie nicht täuschen.
Wer sind die Opfer des Holt-Betrugs?
Im Prozess vor dem Landgericht Osnabrück ging es vor allem um Windpark-Pakete, die das mutmaßliche Holt-Imperium den Energiekonzernen SSE (Schottland), Enel (Italien) und CEZ (Tschechien) verkauft hat. Jedoch auch andere könnten Opfer der Emsländer gewesen sein. So bestanden Geschäftsbeziehungen auch zu deutschen Energieunternehmen wie Eon und RWE. Wie sich im Laufe der Verhandlung bestätigte, waren die Projekte für SSE und Enel in Teilen zudem identisch.
Wo sollten die mutmaßlichen Projekte gebaut werden?
Ein Schwerpunkt der mutmaßlichen Projekte lag im Emsland, im Landkreis Cloppenburg und in Rotenburg (Wümme). Allerdings lagen viele dieser Flächen in Gebieten, die nicht für Windkraftprojekte vorgesehen waren – weil sie in Nationalparks liegen oder an Flächen grenzen, auf denen die Luftwaffe Bombenabwürfe probt.
Das gilt auch für den „letzten großen Coup“, den die Holt-Gruppe plante: das „Project Munich“. „Streng vertraulich“ stand auf dem digitalen Werbeprospekt, der für potenzielle Käufer erstellt wurde und 34 Windparks in ganz Deutschland mit insgesamt 286 Windrädern umfassen sollte. Letztes oder dieses Jahr hätten viele davon stehen sollen, spätestens aber im Jahr 2025, so das Versprechen. Nur mal angenommen, es wäre halbwegs realistisch und ein Unternehmen wollte all das realisieren: Der Wert läge bei gut einer Milliarde Euro, schätzen Branchenkenner.
Wie lange werden die Angeklagten ins Gefängnis müssen?
Ein mögliches Strafmaß für die fünf Angeklagten hat die Staatsanwaltschaft im Laufe der Verhandlungen schon anklingen lassen. Nachdem alle Beteiligten ihre Beiträge zum Betrug eingeräumt haben, könnte es für Hendrik Holt und Heinz L. auf Freiheitsstrafen von bis zu acht Jahren hinauslaufen. Für Holts Bruder und Mutter könnten die Staatsanwaltschaft jeweils vier Jahre Haft fordern. Etwas weniger für Holts Schwester, die als erste in Untersuchungshaft ein Geständnis abgelegt hatte.
Wer tat was?
Diese Frage war eine der zentralen in den Geständnissen der Holts und Heinz L. Denn auch wenn Hendrik Holt quasi das Gesicht des angeklagten Betruges war, gehandelt haben die fünf Angeklagten gemeinschaftlich. Das wurde im Prozess deutlich. Hendrik Holt zufolge haben Heinz L. und er viele Entscheidungen gemeinsam gefällt. Habe er einmal nicht weitergewusst, habe er L. um Rat gefragt. Ganz gezielt habe er den früheren Banker in sein Unternehmen geholt, um von dessen Erfahrung zu profitieren.
Mit seiner Aussage bestätigte er den bisherigen Verlauf der Verhandlung: Er und L. waren die Köpfe hinter dem Millionenbetrug. Und – auch wenn er das nicht so explizit sagte – dem Rest der angeklagten Holts kamen Nebenrollen bei der Inszenierung eines erfolgreichen Familienunternehmens zu.
Mutter Holt agierte als eine Art Büroleiterin und transferierte beispielsweise Geld ins Ausland, das auf dem Firmenkonto bei der Volksbank Lingen einging. Ihre Tochter half in Sachen Repräsentanz aus und fälschte Unterschriften unter Dokumenten. Letzteres gilt auch für den mitangeklagten Bruder von Hendrik Holt, der zusätzlich dem Geständnis zufolge für die Technik hinter der massiven Fälschungstätigkeit verantwortlich war.
Welche Kuriositäten bietet der Fall?
Einige. Diplomatenpässen und ein geplanter Deal mit Desinfektionsmittel sind nur zwei der Kuriositäten abseits des angeklagten Windkraftbetrugs. Auf einige davon gehen wir in unserem Podcast „Windmacher“ ein, der auch für den Deutschen-Podcast-Preis nominiert ist. Reinhören und abstimmen.