Aurich

Denkanstöße für eine Alternative zu Waffen

Heino Hermanns
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Von Heino Hermanns
| 24.04.2022 18:44 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auf den diesjährigen Ostermärschen wurde gefordert, nicht 100 Milliarden Euro für Waffen auszugeben. Foto: DPA
Auf den diesjährigen Ostermärschen wurde gefordert, nicht 100 Milliarden Euro für Waffen auszugeben. Foto: DPA
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Mit mehr Waffen wird auf den russischen Angriff auf die Ukraine reagiert. Eine Veranstaltung im Auricher Güterschuppen brachte neue Denkanstöße mit 40 Jahre alten Ansätzen der Friedensbewegung.

Aurich - Eindruck hinterlassen hat am Freitagabend Carl Osterwald. Der 94-jährige ehemalige Pastor meldete sich am Ende der Veranstaltung „Frieden schaffen ohne Waffen?“ im Auricher Güterschuppen zu Wort. „Ich habe den Krieg miterlebt. Es war ein Gemetzel im Osten.“ Er habe sich damals in Richtung Westen durchgeschlagen und dann sein Gewehr unbrauchbar gemacht. „Ich schieße nie wieder“ habe sein Schwur gelautet. „Das wurde eine ganz feste Haltung bei mir“, so Osterwald. Er wisse aber, wie schrecklich es sei, nur mit einer Handfeuerwaffe gegen eine Übermacht anzutreten. Er könne die Ukrainer verstehen, wenn sie nach mehr Waffen riefen. „Aus dieser Situation kommen wir nicht schuldlos heraus.“

Pastor Carl Osterwald aus Engerhafe fand beeindruckende Worte. Foto: Heino Hermanns
Pastor Carl Osterwald aus Engerhafe fand beeindruckende Worte. Foto: Heino Hermanns

Die Auschwitzgedenktag-Arbeitsgruppe hatte in den Güterschuppen eingeladen, um eine Debatte über eine pazifistische Lösung des Ukraine-Konflikts anzustoßen. Im Zentrum der Kritik stand das geplante Sondervermögen der Bundeswehr in Höhe von 100 Milliarden Euro, für das ab Mittwoch sogar das Grundgesetz geändert werden soll. Denn anders als bei bisherigen Sondervermögen des Bundes möchte Kanzler Olaf Scholz (SPD) dieses in der Verfassung verankern.

Ukrainerin fordert mehr Sanktionen statt Waffen

Paulina Claassen und Rena Wieghaus, zwei Schülerinnen des Gymnasiums Ulricianum aus dem zwölften Jahrgang, hatten sich mit dem Sondervermögen befasst. Ihre Kritik: Ohne ein konkretes Konzept sei die Summe schon drei Tage nach dem russischen Angriff in Aussicht gestellt worden. „Wie sollen 100 Milliarden den Menschen in der Ukraine helfen?“, fragt Rena Wieghaus. Denn die Anschaffungen für die Bundeswehr würden Jahre beanspruchen. Paulina Claassen macht sich Gedanken über die Zukunft. Deutschland habe bereits genug Schulden. Zudem sei der Spruch „Frieden schaffen ohne Waffen“ durchaus nicht veraltet. „Denn Frieden mit Waffen schaffen zu wollen ist ein Widerspruch.“

Das sieht auch Halyna Yatsyshyn so. Die gebürtige Ukrainerin lebt seit 2011 in Deutschland. Seit 2016 arbeitet sie im Auricher Familienzentrum. Aus der Ferne erlebt sie mit, wie Russland mit seinen Angriffen ihre Heimat zerstört. Dennoch sagt sie zu der geplanten Aufrüstung: „Waffen sind gemacht, um Menschen zu töten. Ich möchte nicht töten.“ Man könne auf andere Weise kämpfen, ist sie überzeugt. „Die Ukraine war immer dem Westen zugeneigt.“ Das aber sei von Europa nicht wahrgenommen worden. Stattdessen habe man sich in eine Abhängigkeit von Russland begeben. „Die Quittung kommt jetzt“, so Halyna Yatsyshyn. Sie fordert Europa auf, sofort alle wirtschaftlichen Kontakte zu Russland abzubrechen. „Wie kann man Waffen in die Ukraine liefern und gleichzeitig Geld nach Russland senden?“

Alternativen zu Waffen noch nicht ausgeschöpft

Damit liegt sie auf einer Linie mit Hauptrednerin Martina Basso. Die Pastorin ist Leiterin des mennonitischen Friedenszentrums Berlin. Schon vor 40 Jahren war sie aktiv in der Friedensbewegung, die ihrer Ansicht nach an Schwung verloren hat. „Ich bin sonst auf Veranstaltungen die einsame Ruferin in der Wüste“, sagt Basso. Aber es habe jeder hat das Recht zu leben. „Auch wenn er Putin heißt.“

Pastorin Martina Basso aus Berlin ist Leiterin des mennonitischen Friedenszentrums. Foto: Heino Hermanns
Pastorin Martina Basso aus Berlin ist Leiterin des mennonitischen Friedenszentrums. Foto: Heino Hermanns

Aber Gewaltfreiheit bedeute nicht, nichts zu tun. Wie Halyna Yatsyshyn fordert auch Martina Basso, alles an Sanktionen auszuschöpfen, was gehe. Das gelte umso mehr, als das man Panzer nicht einfach losschicken könne. Basso machte klar, dass sie damit nicht der Ukraine das Recht auf Selbstverteidigung abspreche. „Aber es sind noch nicht alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft worden.“ So müsste sofort der Gashahn zugedreht werden. „Wenn das russische Volk merkt, dass sich was ändert, könnte sich in Russland etwas ändern.“

Langfristig sei es sicher besser, die 100 Milliarden statt in die Bundeswehr in den Wiederaufbau der Ukraine und eine friedliche Konfliktprävention zu stecken. Ungefährlich sei das sicher nicht, so Basso. „Niemand sagt, das gewaltfreier Widerstand ohne Tote geht.“ Damit setze man sein Leben ein – aber nehme nicht das von anderen. „Wir sollten es einfach mal versuchen.“ Sie führt eine Studie an, nach der gewaltfreier Widerstand historisch deutlich erfolgreicher war als der bewaffnete Kampf. Es müssten nur genügend Menschen mitmachen.

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