Dierhagen

Dehoga-Chef: Hausverbot für Kinder im Restaurant ist ein Hilferuf

Anja Bölck
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Von Anja Bölck
| 20.04.2022 15:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Kinder werden in einem Restaurant in Dierhagen nicht mehr bedient. (Symbolbild) Foto: imago/Frank Sorge
Kinder werden in einem Restaurant in Dierhagen nicht mehr bedient. (Symbolbild) Foto: imago/Frank Sorge
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Ein Ostsee-Urlaub steht bei Familien hoch im Kurs. Doch nicht immer stößt ihr Besuch auf Gegenliebe. Was Dehoga-Präsident Lars Schwarz (MV) zum Hausverbot für Kinder in Restaurants sagt.

2018 erklärte ein Gastwirt auf Rügen, er dulde in seinem Restaurant ab 17 Uhr keine Kinder unter 14 Jahren mehr. Tischdecken würden von Nachbartischen runtergezogen, Essen herumgeworfen. Dies passiere einfach zu oft. Damit entfachte er deutschlandweit eine Diskussion darüber, wie weit Gastwirte gehen dürfen. 

Jetzt sorgt erneut ein Restaurant aus Mecklenburg-Vorpommern für Schlagzeilen. Es geht um bekritzelte Wände, Ketchup an Polstermöbeln, um Eltern, die nicht einschreiten, wenn ihre Kinder sich nicht benehmen.

Ricarda Biebl und ihr Mann Stefan haben die Nase voll. Die Betreiber des „Schipperhus“ im Ostseebad Dierhagen, bekannt für ihr nettes Ambiente, verkünden auf ihrer Webseite und in ihrem Schaukasten: „Liebe Gäste, aufgrund vieler unschöner Ereignisse in der Vergangenheit haben wir uns dazu entschlossen, keine Familien mit Kindern unter 12 Jahren mehr zu bewirten.“ Für diesen Entschluss erleben die beiden in den sozialen Medien nun Anfeindungen, die ihnen auf den Magen schlagen. Nicht nur als Kinderhasser werden sie beschimpft. 

Dabei hatte sich Ricarda Biebl, selbst vierfache Mutter, die Entscheidung nicht leicht gemacht. Am meisten wurmte sie, wenn Eltern nicht einschritten oder weiter auf ihr Handy starrten, wenn ihr Nachwuchs Unfug anstellte.  

Auch Lars Schwarz, Chef des Hotel- und Gaststättenverbandes MV hat inzwischen vom Hausverbot erfahren. Er deutet das Ganze „als einen Hilferuf von Kollegen“. Er selbst kenne als Restaurantinhaber solche Situationen. „Nicht die Kinder sind das Problem, sondern die Eltern“, sagt Lars Schwarz. „Immer wieder kommt es vor, dass Kinder Narrenfreiheit haben, während die Eltern tiefenentspannt dasitzen. Das ist dann eine schwierige Gratwanderung für unsere Mitarbeiter. Während sich einige Gäste gestört fühlen, ergreifen andere Partei für die Kinder, mit Sätzen wie, wir waren doch auch mal klein. Das stimmt, aber wir können in den Restaurants nicht die Erziehung von Eltern und Schule übernehmen.“ 

Der Dehoga-Chef hält es für richtig, dass ein Restaurant selber entscheide, wen es bedienen möchte. „Es ist meine unternehmerische Freiheit, welche Ausrichtung ich als Haus wähle. In den Hotels gibt es beispielsweise ja auch Pool-Zeiten nur für Erwachsene. Wenn Wirte merken, dass sich Gäste durch Lärm oder Radau gestört fühlen und sich abwenden, gefährdet das auch ihre Existenz.“

Die Entscheidung der „Schipperhus“-Wirte dürfe nach Ansicht von Lars Schwarz jetzt nicht skandalisiert werden. Letztlich handele es sich um einen Einzelfall. Die Zahl an Betrieben und Restaurants in MV, die sich auf Familien spezialisiert haben, sei riesig. Ob hübsche Speisekarten für Kinder oder extra eingerichtete Spielecken – in Mecklenburg-Vorpommern würden Angebote für Kinder immer weiter ausgebaut. 

Für die Wirte Ricarda Biebl und Stefan Biebl-Piekser wünscht er sich, dass der Wirbel bald vorüber geht. „Es ist nicht gut, dass ihr Restaurant jetzt durch Anfeindungen schlechte Bewertungen abbekommt“, so Dehoga-Chef Lars Schwarz. „Ich finde es mutig, dass sie diesen Schritt gegangen sind.“ Vielleicht kurbele es die Diskussion an, ob Kinder immer alles dürfen sollten.

Inzwischen melden sich in den sozialen Netzen und Restaurant-Bewertungsplattformen im Internet immer mehr Leute zu Wort, die Ricarda Biebl und ihren Mann Stefan unterstützen. Auf Restaurant Guru beispielsweise schreibt eine Bettina: „Wer nicht erziehen kann, muss draußen bleiben, prima! Erhöht den Wohlfühlcharakter ihrer Lokalität. Bin ganz bei Ihnen, sagt eine Mutter von zwei erwachsenen Kindern und ehemalige Gastwirtin.“

Tanja meint: „Meinen höchsten Respekt zuerst! Wir waren einmal da und wenn wir wieder in ihre Richtung fahren, kommen wir selbstverständlich wieder. Dieses sollte Eltern endlich mal einen Denkanstoß ihrer Erziehung vor Augen halten!“ Und Jürgen schreibt: „Vollkommen verständlich ihre Entscheidung. Auch wir erlebten mehrmals in Gaststätten diese unerzogenen Kinder. Wobei die Eltern noch frech wurden, wenn die Gäste etwas sagten. Lassen sie sich nicht unterkriegen, wenn man Sie beschimpft.“

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